03.05.2014, 05:18 Uhr

Interview am Chiemsee Richy Müller: Tatort und Porsche sind längst nicht alles


Osnabrück. Es ist fast wie im „Tatort“: Richy Müller kommt mit einem braunen Porsche zu unserem Treffpunkt in seinem Heimatort am Chiemsee, allerdings fährt er ein deutlich jüngeres Modell als im Stuttgarter Krimi.

Aber der Mann spielt ja nicht nur „Tatort“: Am 14. Mai sehen wir ihn als Geiselnehmer wider Willen im ARD-Drama „Ein todsicherer Plan“ . Beim Frühstück unterhalten wir uns über den See, an dem er sein Glück gefunden hat, das Café seiner Freundin und den Rennsport, der den 58-Jährigen bis heute nicht loslässt:

Herr Müller, ich habe mich gefragt, ob Sie mich mit dem Porsche, dem Fahrrad oder zu Fuß abholen.

(lacht) Jetzt ist es der Porsche geworden. Aber nur, weil ich noch einen Termin hatte. Aber um ehrlich zu sein: Ich wäre wohl auch so mit dem Auto gekommen, daran ist man hier schon gebunden.

Es ist ja traumhaft hier am Chiemsee, vor allem bei diesem Wetter.

Reinste Medizin für die Seele.

Dennoch: Als erfolgreicher deutscher Schauspieler wohnt man doch in Berlin oder München.

Das habe ich ja lange genug gemacht. Wahrscheinlich liegt es an der Art, wie ich lebe. Als ich meine Lehre als Werkzeugmacher machte, hatte ich lange Haare, obwohl das damals völlig out war. Offenbar tue ich immer Dinge, die gerade nicht so angesagt sind oder erst später kommen. Jetzt bin ich eben wieder dahin zurück, wo ich herkomme: aufs Land. Ich bin in Seckenheim zwischen Mannheim und Heidelberg aufgewachsen. Da waren wir als Kinder nur unterwegs, sind rumgestreunt, waren ständig im Freien und Grünen – und wenn’s dunkel wurde, wussten wir: Jetzt gibt es was zu essen, jetzt müssen wir nach Hause. Und nun bin ich wieder da: im Grünen.

Was gibt es hier, das es in Berlin oder München nicht gibt?

Als ich vor zehn Jahren hier meine erste Wohnung bezog, habe ich gedacht: O Gott, sind die Decken niedrig. In Berliner Altbauten sind die ja zwischen 3,40 Meter und 4 Meter hoch, das gibt es hier nicht. Nach 14 Tagen habe ich dann gewusst, warum man in Berlin so hohe Decken hat: Wenn man rausgeht, hat man nur Mauern und Hauswände vor sich und keinen weiten Blick. Hier hat man diesen Blick, die Weite – also braucht man das nicht im Haus. Dieses Gefühl, nach draußen zu gehen und kilometerweit in die Berge gucken zu können, das gibt es so in Berlin nicht. Es ist jedes Mal wieder wunderbar, hierher zurückzukommen.

Dann wohnen Sie vermutlich in einem Haus am See, wie es Peter Fox besungen hat?

Nein, am Chiemsee gibt es keine Seegrundstücke wie am Starnberger See, wo die Leute direkt am Wasser wohnen und sonst kein Mensch da hinkommen kann, weil es Privatgrundstück ist. Wir wohnen Luftlinie vielleicht 500 Meter vom See entfernt.

Sie leben jetzt seit zehn Jahren hier – hat man Sie schnell aufgenommen, oder bleibt man in so einem oberbayerischen Dorf auf immer und ewig ein Zugereister?

Überhaupt nicht. Ab und zu gibt’s mal eine Frotzelei über den Preußen, aber ansonsten ist das Chiemgau seit Tausenden von Jahren ein Handelsweg, hier ist man es gewohnt, mit Fremden umzugehen. Die Menschen sind freundlich und nett – was man eben in der Großstadt vermisst. Es gibt ein Miteinander, man grüßt sich, ganz gleich, ob man sich kennt oder nicht. Wenn zwei Menschen aneinander vorbeilaufen, ohne einen Laut von sich zu geben, sind es meist Touristen. Dazu kommt, dass ich ja nicht ganz fremd war, als ich kam – viele kannten mich durch meine Filme. Und dann ist mir auch noch die Sprache sehr nah, als Mannheimer kenne ich extremen Dialekt, und auch hier höre ich das gerne. Wenn ich von außerhalb hierhin komme, habe ich wirklich das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Klingt so, als wollten Sie hier alt werden.

Dass ich hier alt werde, ist längst entschieden. Ich weiß sogar schon, wo ich mich begraben lasse: Hier gibt es ein ganz schönes, ruhiges Plätzchen, da möchte ich mal hin. Wenn Sie wollen, können wir da gleich mal vorbeifahren.

So weit sind wir zum Glück noch nicht. Nächstes Jahr werden Sie erst mal 60. Irgendwann machen die runden Geburtstage keinen Spaß mehr, oder?

Eigentlich bin ich kein großer Geburtstagsfeierer. Meinen letzten, den Achtundfünfzigsten, habe ich gefeiert, da haben wir uns mit zwölf Leuten hier in einem Lokal einen netten Abend gemacht. Aber der Sechzigste ist nichts Besonderes. Ich habe eh nur einmal in meinem Leben einen runden Geburtstag gefeiert, das war der Dreißigste. Damals habe ich Jürgen Vogel kennengelernt und ihn für anderthalb Jahre zu mir genommen, bis er sich wieder von mir gelöst hat, wie sich Kinder von ihren Eltern lösen.

Das klingt ziemlich väterlich.

Ja, Jürgen war so etwas wie ein Ziehsohn, und das ging ihm irgendwann auf die Nerven.

Haben Sie ihm Vorschriften gemacht?

Ich habe ihn zugetextet. Was man eben so als Eltern alles falsch macht – immer dieses Besserwisserische. (lacht)

Das Älterwerden...

...lässt sich nicht leugnen, das sieht man ja. Ich gucke zwar immer noch aus meinem Kopf heraus, als wäre ich 27, aber spätestens beim Blick in den Spiegel merke auch ich, dass die Zeit nagt. Dabei habe ich mein Leben lang nie so alt ausgesehen, wie ich tatsächlich war. Mit 18 habe ich sogar noch Luftballons geschenkt bekommen, wenn ich für meine Eltern die Pacht bei der Brauerei bezahlt habe. Heute kommt mir das natürlich zugute. Und ich fühle mich immer noch wie ein Kind – ich bin neugierig und umtriebig, schraube gerne Sachen auseinander und will wissen, wie sie funktionieren.

Der perfekte Heimwerker...

Wenn es ein Problem im Haus gibt – ich kann es lösen. Manchmal dauert es ewig, aber ich kriege es hin. Als gelernter Werkzeugmacher habe ich das notwendige Geschick, aber auch einen handwerklichen Ehrgeiz. Ich mache Abflüsse sauber oder entkalke Wasserhähne – das sind einfache Sachen, die ich gerne mache. Solche profanen Dinge zu machen ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zur Schauspielerei, die ja irgendwie nicht fassbar ist. Wenn mir jemand sagt „Du hast ja eine tolle Rolle gespielt“, dann freut mich das genauso, wie wenn ich einen Wasserhahn so repariere, dass das Wasser wieder läuft. Dann habe ich ein angenehmes Gefühl.

Das ist beim Journalismus ja ähnlich – am Samstagmittag werden wahrscheinlich schon die ersten Fische in unser Interview eingewickelt.

Genau. Ich bin auch gerne mal hier in der Bäckerei und mache das Geschirr. Gerade sonntags, wenn das Café voll ist und die Leute an der Theke Schlange stehen. Dann stehe ich da mit meiner braunen Schürze, sortiere den Abfall und die Essensreste weg, bestücke die Spülmaschine und trockne ab.

Und Cafégäste, die Sie beobachten, suchen wahrscheinlich nach der versteckten Kamera.

Die meisten wissen ja meist nicht, wer ich bin. Manche fragen sich vielleicht: Kenn ich den nicht? Lustig war’s mal, als ich am See war und mir jemand entgegenkam, der mich dann ansprach: Ich kenn Sie doch! Ich habe dann geantwortet: Ja, kann schon sein. Und er: Woher kenn ich Sie nur? Ach genau, aus der Bäckerei! (lacht)

Stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie Ihre Freundin hier in der Bäckerei kennengelernt haben?

Ja, das war so. Ich habe am 27. Oktober 2004 meine Wohnung im Nachbardorf bezogen, ging dort an einem Sonntagmorgen im November zum Bäcker und musste feststellen, dass er seine Winterpause begonnen hat. Ein Nachbar sagte mir dann, der nächste Bäcker sei in der nächsten Ortschaft – und weil ich dann von der falschen Seite in den Ort reingefahren bin, landete ich nicht bei dem von ihm empfohlenen Bäcker, sondern hier.

Und dann war’s Liebe auf den ersten Blick?

Ganz anders. Ich hatte damals ein Auto, für das Christl sich interessierte, darüber kamen wir ins Gespräch, später haben wir uns dann mal zufällig im Baumarkt oder beim Skifahren getroffen. Irgendwann haben wir die erste Radtour miteinander gemacht, und schließlich waren wir sechs Jahre lang dick miteinander befreundet – erst dann hat’s vor dreieinhalb Jahren geschnackelt, wie der Bayer sagt. Wir hatten quasi ohne Absichten eine Basis geschaffen, die jetzt natürlich Gold wert ist.

Nun führen Sie ein richtiges Familienleben?

Ja, meine Freundin hat zwei Töchter, von denen die eine jetzt Abitur macht und aus dem Haus geht. Meine Tochter aus Berlin ist ab und zu hier, mein Sohn kommt in den Sommerferien. Patchwork eben, wie es heutzutage so ist.

Sie haben vorhin von Ihrer Lehre als Werkzeugmacher erzählt – da ist es zumindest außergewöhnlich, dass in Ihnen noch ein Schauspieler schlummerte. Wie wurde der denn zum Leben erweckt?

Ich war schon früh ein Pausenclown, ein Witzerzähler. Schließlich bin ich ja in der Gastronomie groß geworden und habe da viel beobachtet, auch viel Trauriges. Da mein Bruder Musik machte, aber keinen Führerschein besaß, habe ich ihn viel zu seinen Konzerten gefahren. Über ihn habe ich dann Leute aus dem künstlerischen Bereich kennengelernt, und irgendwann an einem Dezemberabend 1975 sagte einer von denen, nämlich Daniel: Mensch, warum gehst du eigentlich nicht auf eine Schauspielschule? Das Wort hatte ich 14 Tage vorher im Radio überhaupt zum ersten Mal gehört.

Und dann wurden Sie Schauspielschüler?Wir haben tatsächlich an diesem Abend zu dritt innerhalb von zwei Stunden einen kompletten Plan geschmiedet. Ich war ja noch Werkzeugmacher und in dem Beruf auch tätig. Den Januar habe ich das dann noch gemacht, den Februar habe ich komplett Urlaub genommen und in dieser Zeit gekündigt. Wir sind in Mannheim zusammengezogen, und Uli hat mich als Statist beim Nationaltheater eingetragen. Dort lernte ich dann einen Schauspieler kennen, der in Bochum auf der Schauspielschule war, da habe ich mich dann auch beworben. Ich bin im Mai hingefahren und direkt genommen worden. Bis zum Beginn der Schauspielschule im September habe ich Zeitschriften ausgefahren, und dann war’s so weit: Ich war Schauspielschüler und wusste nicht, wie mir geschah.

Aber was dann geschah, war ja nicht schlecht.

Ich habe das zwei Jahre gemacht, dann kam „Die große Flatter“, und – schwupps – stand ich im Berufsleben und war über Nacht bekannt. Aber dann kam der harte steinige Weg. Ich bin den Hindernissen nicht ausgewichen, sondern habe die Hürden genommen. Das hat mich stark gemacht.

Sie sind schon seit vielen Jahren Rennsportfan und auch Rennfahrer. Gehören Sie zu den Menschen, die sonntags stundenlang auf dem Sofa sitzen und Formel 1 gucken?

Jein, Formel 1 muss nicht unbedingt sein, das ist das Langweiligste, was es im Rennsport im Moment gibt, eigentlich eine Farce. Früher, als noch Leute wie Ayrton Senna oder Alain Prost gefahren sind, ging es darum, in der Formel 1 mit einem völlig abstrusen Fahrzeug aufzutauchen und sich auszuprobieren. Heute ist alles furchtbar reglementiert.

Fahren Sie selbst noch Rennen?

Wenn ich es zeitlich irgendwie hinkriege, dann bin ich dabei beim Porsche Sports Cup, das ist der Porsche-Kunden-Sport, der vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde. Da lernen Kunden mit ihren schnellen Wagen, diese richtig zu fahren und ans Limit zu bringen. Auf Strecken wie Spa, Oschersleben, A-1-Ring in Österreich, Hockenheimring oder Nürburgring. Das ist ausgestattet wie ein professionelles Rennen – mit dem einzigen Unterschied, dass es kaum Publikum gibt. Ich versuche, mir die sechs Termine im Jahr zu blocken, aber im Zweifelsfall geht die Arbeit natürlich vor. Der Rennsport ist schon meine große Leidenschaft und hat mit Werkzeugmacherei und Schauspielerei ja eins gemeinsam: Es hat alles mit einer gewissen Disziplin und einer hohen Präzision zu tun.

Was passiert bei so einem Rennen mit Ihnen?

Ich bin extrem fokussiert im Sinne von fahren, fahren, fahren. Das möchte ich so gut wie möglich machen, den Wagen am Limit bewegen, schnell sein. Als meine Frau mich zum ersten Mal auf dem Rennplatz gesehen hat, sagte sie: So habe ich dich noch nie erlebt. Es gibt ja immer die Diskussion um die Gefährlichkeit, aber ich würde sagen, die Fahrt von Ihrem Hotel hierhin war gefährlicher als so ein Rennen. Da gibt’s keinen Gegenverkehr, man hat einen Helm auf, und alle wissen, worum es geht.

Sie investieren also richtig Geld in Ihr Hobby?

Ich investiere nicht, sondern versuche das in Einklang mit meiner Popularität zu bringen und suche mir Sponsoren.

Wie sieht Ihr Punktekonto in Flensburg aus?

Null. Wer auf der Rennstrecke sein Limit auslotet, muss das auf der Straße nicht tun. Da gehe ich nicht über Verbote hinaus – ohne Führerschein fährt man schließlich auch keine Rennen. Und ich mache mir immer klar, dass es die unterschiedlichsten Fahrertypen gibt: Wenn ich hinter einem Auto fahre, das langsam ist, hätte es bis vor Kurzem durchaus sein können, dass mein leider inzwischen verstorbener Vater am Steuer sitzt.

Sie sind also nicht der „bekennende Raser“, als der sie bei Wikipedia mal beschrieben wurden?

Ich muss nicht schnell fahren. Früher hatte ich einen alten 123er, einen 200er Diesel mit 60 PS, Spitzengeschwindigkeit 135. Mit dem Auto habe ich mich wohlgefühlt. Wichtig ist für mich die Mobilität, das Wissen, immer loszukönnen, wenn und wann ich will. Ich möchte nicht angewiesen sein, deswegen mache ich meine ganzen Geschäftswege mit dem Auto.

Richy Müller

wird als Hans-Jürgen Müller am 26. September 1955 in Mannheim geboren. Sein Vater ist Werkzeugmacher und Gastronom, seine Mutter Hausfrau. Er wächst in einem Ort bei Mannheim auf, geht zur Hauptschule und ist als Jugendlicher acht Jahre lang Leistungsturner. Sein Ziel, die Olympischen Spiele in Montreal, erreicht er jedoch nicht. Nach einer Lehre als Werkzeugmacher arbeitet er zunächst auch in diesem Beruf, bevor er sich zum Besuch der Schauspielschule in Bochum entschließt und anschließend nach Berlin übersiedelt, wo er 27 Jahre lang lebt.

Als 24-Jähriger wird er von der Regisseurin Marianne Lüdecke für den dreiteiligen Fernsehfilm „Die große Flatter“ entdeckt. Die Rolle des jugendlichen Außenseiters Richy bringt ihm nicht nur den großen Durchbruch, sondern auch einen Künstlernamen: Hans-Jürgen wird fortan von allen nur noch Richy genannt und nimmt nach anfänglichem Sträuben den Namen an.

In den folgenden Jahren wollen Regisseure ihn nahezu ausschließlich als jungen Rebellen besetzen – Richy Müller lehnt trotz hoher Schulden immer häufiger ab und wendet sich dem Theater zu. Erst in den Neunzigerjahren kommt es zum Comeback beim Film, nun sind die Rollen auch vielfältiger und anspruchsvoller. Zu etlichen Fernsehfilmen kommen immer häufiger auch Kinoproduktionen, 2002 gelingt dem Schauspieler mit dem Action-Film „xXx - Triple X“ an der Seite von Vin Diesel und Samuel L. Jackson sogar der Sprung nach Hollywood.

Am 9. März 2008 gibt Müller sein Debüt als Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Thorsten Lannert, am 9. Juni wird er in der Folge „Freigang“ zum 14. Mal ermitteln. Zuvor sieht man ihn als Geiselnehmer wider Willen im Drama „Ein todsicherer Plan“ (ARD, 14. Mai, 20.15 Uhr).

Richy Müller ist Vater einer erwachsenen Tochter und eines knapp elfjährigen Sohnes. Er besitzt eine internationale C-Lizenz und fährt regelmäßig Autorennen. Seit zehn Jahren wohnt er in einem kleinen Ort am Chiemsee – hier hat er auch seine Freundin Christl (Bild) kennengelernt, deren Familie seit 222 Jahren eine Bäckerei und Konditorei betreibt.


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