07.10.2010, 14:35 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Zwölf verunglückte Tatorte mit Winfried Glatzeder Echt schlecht – Kommissar Roiter

Dem Täter auf den Fersen: Zorro (Robinson Reichel) und Hauptkommissar Roiter (Winfried Glatzeder) klären einen Mord auf.Foto: RBBDem Täter auf den Fersen: Zorro (Robinson Reichel) und Hauptkommissar Roiter (Winfried Glatzeder) klären einen Mord auf.Foto: RBB

Berlin. Hand aufs Herz – längst nicht alle „Tatort“-Filme verdienen ein Gütesiegel. Manche erweisen sich als echte Gurken. Gleich ein volles Dutzend davon liegt an der Spree. Zwei davon lagern gar in den Einmachgläsern des ARD-„Giftschranks“.

Im Jahre 1996 verzeichnete der Berliner „Tatort“ erstmals einen Wechsel an der Spitze im Kampf gegen das Verbrechen. Besaß zuvor der doch eher behäbige Hauptkommissar Markowitz (Günter Lamprecht) das Privileg, als erster „Tatort“-Ermittler nach der Wende die einstige Mauerstadt von bösen Buben zu säubern, setzte der damals verantwortliche Sender Freies Berlin (SFB) nun auf schräge Typen und noch schrägere Szenarien. Huren, Koks und Loveparade waren die Zutaten, mit denen sich Hauptkommissar Ernst Roiter (Winfried Glatzeder) und Kommissar Michael Zorowski (Robinson Reichel) fortan herumzuschlagen hatten.

Ganz offensichtlich wollte der SFB damit den heute zum geflügelten Wort gewordenen Berlin-Slogan „Arm, aber sexy“ mit brachialer Gewalt auf die Bildschirme bringen. Schließlich hatte man hier im Gegensatz zu anderen Sendeanstalten „nur“ rund 1,5 statt ansonsten 2 Millionen D-Mark pro Episode zur Verfügung. Die Sparwut gipfelte in der irrsinnigen Idee, die zwölf Episoden in abenteuerlicher Beta-Cam-Ästhetik festzuhalten. Eine ästhetische Katastrophe ohnegleichen! Für den bedauernswerten Hauptdarsteller Glatzeder bis heute „der schwachsinnigste Einfall des damaligen Intendanten Horst Schättle“, wie er in seiner Autobiografie „Paul und ich“ über das „Versuchskaninchen Kommissar Roiter“ resümiert.

Aber auch allerlei innovativ gemeinte Drehbuch- und pseudoexperimentelle Regieeinfälle quälten „Tatort“-Fans und -Kritiker gleichermaßen. Die erste Episode „Tod im Jaguar“ drehte sich um einen untoten jüdischen Geschäftsmann mit allerlei Verbindungen zu Unterwelt, Geheimdiensten und natürlich alten Stasi-Seilschaften. Aufgrund einer schlampig getexteten Pressemappe geriet die Premiere allerdings bereits im Vorfeld der Ausstrahlung unter den Verdacht, antisemitische Vorurteile bedienen zu wollen. Diese Befürchtung erwies sich zwar als unrichtig. Aber nach der Erstausstrahlung landete diese Episode im „Giftschrank“ der ARD. Wiederholung bis auf Weiteres ausgeschlossen. Genauso wie die spätere Episode „Krokodilswächter“, die wegen diverser expliziter Sex- und Gewaltdarstellungen unter anderem den damaligen Medienbeauftragten der CDU/CSU-Fraktion, Hans-Otto Wilhelm, die Jugendschutzkeule ziehen ließ.

Auch der drittletzte Auftritt von Hauptkommissar Ernst Roiter „mit oi“ – was für ein selten dämlicher Witz in Anspielung auf den 1953 verstorbenen einstigen Journalisten, Politiker und Oberbürgermeister von Berlin, Ernst Reuter – sorgte für allerlei Negativschlagzeilen. „Ein Hauch von Hollywood“ sollte wohl den ganz großen Glamour suggerieren, erreichte aber auch nur den zweifelhaften Charme eines Amateurvideos. Bei dieser albernen Geschichte rund um die Berlinale platzte den Verantwortlichen des Hauptprogramms der ARD im Ersten endgültig der Kragen. So etwas gehöre einfach nicht auf den renommierten Sendeplatz der „Tatort“-Krimis.

Also verschob man diese Episode, die es laut TV-Kritikerin Renate Stinn endgültig „geschafft (hat), aus wirklich sehr guten und erfahrenen Darstellern grimassierende Hampelmänner zu machen“ (epd medien 1998/55). Die Erstausstrahlung wanderte vom Sonntagabend des 13. Juli in die darauffolgende Montagnachtschiene. Was allerdings ebenfalls als eine „unsolide und blöde“ Entscheidung gewertet werden muss, wie Frau Stinn an gleicher Stelle anmerkt. An besagtem Sonntagabend strahlte die Konkurrenz immerhin das Endspiel der Fußball-WM 1998 zwischen Brasilien und Gastgeber Frankreich aus. Da „wäre diese Folge unbeachtet vorbeigerauscht“.

Es mag aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig verklärt klingen. Aber mittlerweile haftet den wahrscheinlich schlechtesten „Tatort“-Krimis aller Zeiten auch ein gewisser Kult-Status an. Vielleicht wagt die ARD ja doch noch einmal eine Retrospektive. Mit bitte schön allen zwölf Episoden.Es muss ja nicht im Ersten zur „Primetime“ sein.

Nächster „Tatort-Liebling“ sind die Rechtsmediziner.


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