13.05.2011, 22:08 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Dennoch würde ARD-Korrespondent Thomas Roth lieber in New York bleiben Seit Moskau kann er trinken

„Ich würde schon gerne hierbleiben“: TV-Journalist Thomas Roth liebt New York. Foto: Axel Rothkehl„Ich würde schon gerne hierbleiben“: TV-Journalist Thomas Roth liebt New York. Foto: Axel Rothkehl

New York. Von vier Kontinenten aus hat ARD-Korrespondent Thomas Roth die Weltpolitik erklärt. Er zog mit Nelson Mandela durch Townships und erlebte im Kaukasus die Gräuel des Krieges. Heute hat es der 59-Jährige komfortabler: Er lebt in Manhattan auf Höhe des Central Park, die verstopften Straßen unterfährt er am liebsten mit der U-Bahn. Ein Auto besitzt er nicht. In seinem New Yorker Büro, nur drei Blocks vom UN-Hauptquartier entfernt, sprechen wir über Sport im Central Park, seine Jahre in Russland und Angst bei der Kriegsberichterstattung:

 

Herr Roth, auf dem Weg zu Ihnen nervte das Gedränge der Touristenmassen. Wo schalten Sie mal ab?

Meist fliehe ich in den Central Park zum Inline-Skating. Richtig gerne mache ich die große Runde vom Süden in den Norden bis oben an Harlem vorbei. Ich treffe mich dort mit anderen Rollerbladern. Es hat da auch ältere Damen und Herren über 60. Die Älteste, die ich getroffen habe, ist eine 74 Jahre alte gebürtige Polin – und die ist körperlich noch unwahrscheinlich fit.

 

Haben Sie brav die Schutzausrüstung angeschnallt?

Ich bin ohne Helm unterwegs, weil ich schon relativ lange fahre, seit etwa 16 Jahren. Ich weiß, es ist ein Fehler und ich sollte ihn tragen, aber das Ding stört mich zu sehr.

 

Sie müssen doch mal raus aus der City.

Wenn ich die Stadt verlasse, dann an den Strand nach Brighton Beach. Das heißt auch „Little Odessa“ und ist eine sehr russisch-ukrainisch dominierte Gegend mit fünf Zeitungen auf Russisch, der verbindenden Sprache. Ich finde es wunderbar, dort am Meer zu sitzen, den Rentnern beim Schach zuzusehen und in „Tatjana’s Restaurant“ einen Borschtsch zu essen. Das ist inzwischen meine einzige russische Sprachpraxis außer der bei meinem russischen Friseur in Manhattan

 

.Sie gelten als passabler Musiker an der klassischen Gitarre. In Manhattan müssten Sie doch eine Kneipe finden, die ein Konzert mit dem „German Correspondent“ anbieten will.

Ich empfinde mich nicht als passablen Gitarristen. Ich habe das gelernt und spiele gelegentlich ein wenig. Das Lob trifft eher auf meinen Schwiegersohn James Scholfield zu, der ein unheimlich guter britisch-südafrikanischer Jazz-Musiker ist. Überhaupt: Hier in New York ist das künstlerische Niveau generell sehr hoch. Selbst wenn einer nur in der U-Bahn spielt. In den Klubs treten unglaublich gute Musiker zwangsläufig für wenig Geld auf. Es gibt zu viele davon. Für Jazz und Blues ist die Stadt ein Paradies. Viele kommen her, um entdeckt zu werden.

 

Während der Zeit in Südafrika ist Ihre Tochter im Teenie-Alter singend durch die Townships gezogen. Es herrschte noch das Apartheidsregime. Hatten Sie da keine Angst um Natascha?

Na ja, ich kannte die Situation und war schon unruhig. Das ist man wahrscheinlich als Vater. Andererseits fand ich es toll. Sie war, wie man damals sagte, Sängerin bei der ersten gemischtrassigen Band. Natürlich haben sie auch Konzerte in Soweto gegeben. Die schwarze musikalische Kultur, dieser African Groove, hat sie ungeheuer weitergebracht. Ihren Mann hat sie dabei auch kennengelernt; beide spielen noch heute in Südafrika auf Festivals.

 

Wie frei konnten Sie in Südafrika arbeiten?

Mit einer Ausnahme waren wir erstaunlich frei: Die Gefahr war da, wenn wir versuchten herauszufinden, was die südafrikanische Polizei nachts in den Townships macht. Wenn die jemanden als Mitglied des African National Congress verdächtigten, sind sie mit unheimlicher Brutalität vorgegangen, haben viele Menschen umgebracht. Wir wollten das dokumentieren. An der einen oder anderen Stelle mussten wir das Drehmaterial unter den Arm nehmen und verschwinden, um nicht verhaftet zu werden. Als wir das Vertrauen in den Townships gewonnen hatten, waren wir immer ein Stück unter dem Schutz der schwarzen Aktivisten.

 

Dann haben Sie von Mandelas Freilassung berichtet.

Das war das Beeindruckendste, was ich als Journalist erlebt habe. Wir wussten gar nicht, wie er inzwischen aussah, Fotos von ihm waren verboten. Winnie Mandela hat ihn britischen Kollegen beschrieben, und eine Kunststudentin malte ihn danach auf Öl. Der britische Kollege meinte: „Mandela, der sieht ja aus wie ein Chinese.“ Dann spazierte Mandela regelrecht aus dem Victor-Vester-Gefängnis bei Kapstadt heraus. Er sah sehr würdevoll und gelassen aus, eine ganz starke Ausstrahlung, und das nach über 27 Jahren Haft. Wir fuhren ihm hinterher in das Zentrum von Kapstadt. Als er vor Hunderttausenden für seine Rede auf den Balkon trat, herrschte absolutes Schweigen. Mandela hätte zur Rache auffordern können, doch er hat das Gegenteil getan. Er hatte eine Botschaft der Versöhnung. Als ich das hörte, sind mir die Tränen heruntergelaufen.

 

Wie nah kamen Sie an Mandela ran?

Ich durfte allein mit ihm durch seine Heimat reisen, durch eines der sogenannten Homelands, wo er auch geboren wurde. Er traf eine Menge Angehörige. Für ihn war das ein stiller Triumphzug. Ich habe ihn gefragt, ob er in der Gefängniszeit nie bittere Gefühle hatte. Da sagte Mandela den Satz: „Es ist immer besser, ein Optimist zu sein als ein Pessimist.“ Das war überzeugend und nicht gespielt, unterstützt durch seine natürliche Autorität. Das beeindruckt mich bis heute.

 

Ein ganz anderer Typ als Wladimir Putin, den Sie in Russland oft trafen.

Das kann man wohl sagen. Ich habe Putin Ende der 90er-Jahre erlebt, als ihn kaum jemand kannte. Er war ein „Grauer“ aus der Kreml-Verwaltung. Bis er 2000 Präsident wurde, fand ich ihn sehr viel offener und differenzierter, am Anfang wirkte er fast schüchtern. Vor seiner Rede im Bundestag, die ein positiver Meilenstein im deutsch-russischen Verhältnis war, hatte ich schon ein langes Interview mit ihm gemacht. Dann hat er sich in der Tschetschenienpolitik verhakt, wurde damit härter und kompromissloser. Inzwischen lässt er sich öffentlich gerne als Macho stilisieren. Das hatte er anfangs nicht, wie ich fand. Schlechte Erlebnisse hatte ich mit ihm als Person nicht. Er ist natürlich sehr orientiert, aber war immer außerordentlich freundlich.

 

Warum immer wieder Moskau? Sie waren dreimal als Korrespondent für insgesamt zehn Jahre dort.

Als ich zum ersten Mal ankam, erlebte ich meinen neuen Chef Gerd Ruge mit seiner ganzen Begeisterung für Russland und die Kultur. Er hat mich in die Sowjetunion eingeführt, wie es wohl niemand anders kann mit dieser Erfahrung und den vielen Freunden. Ein paar Monate später brach die UdSSR zusammen, das waren journalistisch bewegende Zeiten, und ich hatte über all die Jahre das Gefühl: Ich bin damit noch nicht fertig. Gerade die russische Provinz berührte mich bei den Drehreisen. Wir kamen in entlegene Dörfer, und die Menschen stellten das wenige, was sie hatten, auf den Tisch, bewirteten uns zusammen mit der Kuh im Wohnzimmer und holten eingeweckte Tomaten aus der Datscha. Das weite Land da draußen ist abenteuerlich. Von den Vulkanen auf Kamtschatka bis zu den Jägern in den Wäldern Sibiriens.

 

Haben Sie jeden Wodka mitgetrunken oder diskret im Blumentopf entsorgt?

Am Anfang schon, weil ich es nicht gewohnt war. Aber dann hab es immer besser gelernt und mir mit der Zeit doch eine ordentliche Trinkfestigkeit zugelegt. Die Grundregel: Immer was dazu essen und kräftig Wasser dazwischen. Und irgendwann eben die Reißleine ziehen, wenn es gar nicht mehr geht.

 

Sie berichteten 2001 aus Afghanistan. Wo ist für Sie die Grenze bei der Kriegsberichterstattung?

In diesen Momenten muss die Neugierde auch mal zurückstehen. Wir lagen an der Nordfront und kamen an einen Bach. Mein russischer Kollege sagte: „Komm, wir gehen mal rüber.“ Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, an diesem Punkt „Nein“ zu sagen. An dem Tag starben mehrere Journalisten auf der anderen Seite, und es kam ein US-Kollege mit Schusswunde am Oberschenkel zurück.

Hatten Sie Angst?

Die Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber wenn man sie nicht hat, ist es ein Problem. Ich hatte immer Angst in Kriegssituationen, weil sie nie eingrenzbar sind. Ein Krieg ist kein Spiel, und für eine Minute Film lohnt sich eine Verletzung nicht oder gar noch Schlimmeres. Als junger Journalist ringt man da regelrecht mit sich selbst. Aber man trägt auch Verantwortung für sein Team oder die Familie zu Hause. Aber wenn man ehrlich ist: Es bleibt immer ein unkalkulierbares Restrisiko.

In New York haben Sie es gemütlicher. Traditionell eine Station für verdiente Korrespondenten. Wollen Sie hier alt werden?

Ich würde schon gerne hierbleiben, wenn mich die ARD lässt. Das wäre ein schöner Abschluss. New York ist auch ein bisschen die Summe meines journalistischen Lebens. Die Stadt ist so vielfältig und fordernd mit ihren vielen unterschiedlichen Kulturen.

 

Schräge Typen gibt es jetzt auch in Deutschland.

Das New York der 70er- und 80er-Jahre war sicher avantgardistischer...

 

...und die schrägen Typen reden in der UN-Generalversammlung. Können Sie über Auftritte von Gaddafi und Ahmadinedschad lachen?

Das ist mir zu ernst. Die Tiraden, die Ahmadinedschad abgelassen hat, sind eine zu bedrohliche Geschichte. Ich habe den drüben in der UNO selbst erlebt und hoffe, dass es ihm nicht gelingt, sich am Ende noch atomar zu bewaffnen. Gaddafi habe ich schon in den 80er-Jahren auf dem Grünen Platz in Tripolis zugehört. Dieser Egomane ließ sich in stundenlangen Reden bei glühender Hitze feiern. Zwischendurch ging er nach hinten und wechselte die Uniform. Wir Reporter waren eingesperrt, durften das Hotel nur zu dem Termin in Begleitung von Regierungsbeamten verlassen.

 

Am 11. September jähren sich die Terror-Anschläge zum zehnten Mal. Da können Sie für die interne Rangliste der Auslandsstudios viele Minuten gutmachen.

Der „Weltspiegel“ wird wohl live aus New York senden. Ob wir die gesamten Feierlichkeiten vom Ground Zero, aus dem Pentagon oder Shanksville übertragen, ist noch nicht klar. In New York ist es jedenfalls immer ein emotionales Ereignis, wenn Angehörige der Opfer kommen. Ich habe mal einen Film gemacht über einen Harley-Davidson-Club, der am Ground Zero vorfuhr, um eines an 9/11 umgekommenen Mitglieds zu gedenken. Das waren harte Jungs, aber an Ground Zero doch den Tränen nahe.

 

Wo hat sich der Journalismus verändert?

Besonders bei der Geschwindigkeit. Ich habe noch mit 16-Millimeter-Filmen gelernt, heute ist alles digital. Das ist gut und in Ordnung. Doch wir sollten manchmal, auch wenn es absurd klingt, unsere Berichterstattung entschleunigen. Ist wirklich jeder O-Ton von irgendeinem Politiker genau das, was wir jetzt in den Nachrichten haben sollten? Und führt das nicht dazu, dass sich die Schlagzahl immer weiter erhöht – und wir haben vielleicht viel gesehen, aber weniger erfahren? Es gibt das Schlagwort: „Overnewsed but underinformed.“ Gerade wir älteren Journalisten müssen das anmahnen, damit die Leute überhaupt noch etwas aufnehmen können.

 

Schon zwei Kollegen aus dem New Yorker ZDF-Studio wechselten als Lobbyisten in die Luftfahrtbranche.

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich wäre das nichts, dazu bin und bleibe ich wohl einfach zu leidenschaftlich Journalist. Deshalb bin ich ja in diesem Beruf und in keinem anderen. Verhungert bin ich erfreulicherweise trotzdem nicht. Ich möchte auch nach der Pensionierung weiter journalistisch arbeiten und eine Reihe von Büchern schreiben.

 

Sie haben doch schon eine Idee.

Ich habe Skizzen auf der Festplatte über Menschen, denen ich begegne. Oft wird ein Buch daraus. Die Vielfalt der Stadt ist ein Thema. Und: New York hat fast schon so eine Patina, man spürt die kreative Vergangenheit. Hier leben außerdem viele Illegale, da sind viele Hausangestellte darunter. Ich hatte mit einer Filipina zu tun, die sich so versucht durchzuschlagen. Solche Geschichten möchte ich gerne erzählen.

 

Kommen im Buch auch Botox-Ladys und Upper-Class-Herren über 70 mit fleckig gefärbtem Haar vor?

Vielleicht. Aber ich werde auch bald 60. Und da ist man auch bald 70, und meine Haare möchte ich auch nicht färben, die bleiben weiß...

 

Ihr Markenzeichen.

Das sind sie schon sehr früh geworden, witzigerweise. Ich war Anfang 30 und moderierte die Regionalsendung „Abendschau“ beim damaligen Süddeutschen Rundfunk. Die reizende Maskenbildnerin sagte eines Abends beim Schminken: „Sag mal, wirst du krank, oder wirst du grau?“ Ich färbte mich allmählich von Schwarz nach Grau, aber hab mir gesagt: Steh halt dazu, wie du aussiehst. Das versuche ich bis heute. Allerdings gelassener als früher

 

Thomas Roth wird am 21. November 1951 in Heilbronn geboren. Er studiert Anglistik und Germanistik in Heidelberg, im Anschluss volontiert er beim früheren Süddeutschen Rundfunk (SDR). Für das Fernsehen arbeitet Roth zunächst in der Redaktion Landespolitik, die Karriere im Ausland beginnt er 1987 mit einer Vertretung des Korrespondenten im ARD-Studio Kairo. Von 1988 bis 1991 berichtet er aus Südafrika. Es folgen zwei Stationen in Moskau, wo er Nachfolger seines Vorbilds Gerd Ruge wird. Dazwischen liegen drei Jahre ohne Fernsehtätigkeit. Roth wird Hörfunkdirektor des WDR. Thomas Roth ist 1995 erster Träger des Hanns-Joachim Friedrichs-Preises und wird von dem Namensgeber noch mitbestimmt.Als Leiter des ARD-Hauptstadtstudios steigt ab 2002 Roths Präsenz auf dem Schirm: Er moderiert den „Bericht aus Berlin“ und wird nahezu täglich in die Sendungen von ARD-aktuell geschaltet. Nach fünf Jahren in Deutschland kehrt Roth noch einmal in das Moskauer Studio zurück.Seit 2008 ist Korrespondent in New York. Themen sind hier die UNO, Wall Street, Mode, Kunst und Kultur. Weiter gehört Kanada zu seinem, wie Journalisten sagen, „Beritt“.Dort drehte Roth im vergangenen Winter die hochgelobte Reportage „Die Route des Bären“. Roth ist Autor mehrerer Bücher.


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