19.05.2013, 05:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Wo selbst Prinzessinnen staunen Türkische TV-Serien sind ein Hit bei Arabern – und eine Touristenattraktion

<em>Die junge Lamya’a aus Kuwait</em> bestaunt Fotos im kleinen Istanbuler Restaurant „Gül Mutfagi“, dem Schauplatz einer in ihrem Heimatland äußerst populären Seifenopfer. Foto: UzelDie junge Lamya’a aus Kuwait bestaunt Fotos im kleinen Istanbuler Restaurant „Gül Mutfagi“, dem Schauplatz einer in ihrem Heimatland äußerst populären Seifenopfer. Foto: Uzel

Osnabrück. Türkische TV-Serien sind ein Hit bei Arabern – und eine Touristenattraktion, die etliche Besucher zu den Schauplätzen locken.

Lamya’a kann es nicht fassen. „Als ich reinkam, schlug mein Herz wie wild“, sagt die junge Frau aus Kuwait. Lächelnd schaut sie sich um im kleinen Restaurant „Gül Mutfagi“ – Rosenküche – im asiatischen Teil von Istanbul. Ein heller Raum mit bunt gestrichenen Stühlen und offener Küche, ein Sofa in der Ecke. Obwohl Lamya’a noch nie hier war, kennt sie jeden Stuhl, jeden Topf ganz genau. Denn in der „Gül Mutfagi“ wurde ihre Lieblings-Fernsehserie gedreht, die sie und Millionen andere Zuschauer in arabischen Ländern in den vergangenen Jahren Episode für Episode verfolgt haben.

„Was ist Fatmagüls Schuld?“ hieß die Serie, und Lamya’a ist überglücklich, den Ort der Handlung besichtigen zu können. „Ich erkenne alles wieder“, sagt sie. „Es ist fantastisch.“ Lamya’a macht Fotos von jeder Kleinigkeit, sie bewundert die Fotos an den Wänden, als wäre sie in einem Museum.

„Ein berühmter Ort“

Irgendwie ist es auch so. Für Fans türkischer Fernsehserien aus dem arabischen Raum sind Drehorte erfolgreicher Seifenopern in der Türkei zu touristischen Attraktionen geworden, die jedes Jahr mehr Besucher anlocken. „Das hier ist ein berühmter Ort“, sagt Mashail, eine junge Frau, die zu Lamya’a Reisegruppe gehört: sechs Frauen, die für ein paar Tage nach Istanbul gekommen sind. Ein Besuch in der „Gül Mutfagi“ ist für sie ein Höhepunkt ihres Besuchs, obwohl das Restaurant in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Ist auch nicht nötig, sagt Cüneyt Sahin, der Koch, Kellner und Restaurantbesitzer. „An manchen Tagen kommen die Leute busweise hier an, manchmal haben wir 250 Besucher an einem Tag.“ Neulich saß eine Prinzessin aus Katar auf seinem Restaurant-Sofa.

Als Sahin sein Restaurant vor vier Jahren eröffnete, dachte er an mediterrane Küche mit passendem Ambiente. Doch dann wurde eine TV-Produktionsfirma auf das kleine Lokal aufmerksam, als idealer Platz zur Verfilmung von „Fatmagül“. Die Serie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von vier Männern aus wohlhabenden Familien vergewaltigt und anschließend gezwungen wird, einen ihrer Peiniger zu heiraten. Ein Großteil der Handlung findet im Lokal „Fatmagüls“ statt.

Anderthalb Jahre lang wurde in Sahins Restaurant gedreht. Dann kamen die Touristen. „Ich kann nicht einmal eine Kleinigkeit ändern, denn die Leute würden es sofort bemerken. Sogar mit diesem Teekessel hier lassen sie sich fotografieren, denn der war auch in der Serie.“

Das Sofa in der Ecke ist besonders bei weiblichen Besuchern beliebt, denn hier ruhte sich einst „Kerim“ aus, die männliche Hauptfigur der Serie, gespielt von Engin Akyürek.

„Fatmagül“ ist eine von mehreren türkischen Fernsehserien, die in den vergangenen Jahren im Nahen Osten zu Erfolgen wurden und halfen, das Image der aufstrebenden Mittelmacht Türkei in der Region zu verbessern. Lamya’a, Mashail und ihre Verwandten kennen sie alle: Da ist „Prächtiges Jahrhundert“, in dem es um Liebe, Macht und Eifersucht am Hof des osmanischen Sultans im 16. Jahrhundert geht. „Silber“ – in Arabien unter dem Titel „Noor“, also „Licht“, vermarktet – erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in eine reiche Familie einheiratet. „Verbotene Liebe“ ist eine Familiensaga mit viel Herzschmerz.

Alle diese Serien haben auch in der Türkei Millionen Fans. Doch im arabischen Raum haben sie sich zu einem Phänomen entwickelt, das die Touristenzahlen in Istanbul steigen lässt. Allein die Zahl der Besucher aus Kuwait in der Türkei hat sich zwischen 2010 und 2014 fast verdreifacht. Türsab, der Verband türkischer Reiseveranstalter, schätzt, dass der Erfolg der Fernsehserien einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte.

Ein gutes Geschäft ist der Export der Serien auch. Nach Angaben aus der Branche verdienen türkische Produktionsfirmen mit dem Verkauf der Seifenopern ins Ausland mehr als 100 Millionen Dollar im Jahr.

Aber was macht ausgerechnet die türkischen Serien zu einem solchen Renner bei den Arabern? Restaurantchef Sahin glaubt, die Antwort zu kennen. „In der Türkei werden Frauen unterdrückt, und in den arabischen Ländern werden auch Frauen unterdrückt“, sagt er. „Wir haben dieselben Werte und dieselben Probleme.“

US-Serien ohne Chance

Auch Mashail und die anderen kuwaitischen Besucher bei Sahin betonen, dass die kulturelle Nähe zwischen muslimischen Ländern den türkischen Serien eine Attraktivität verschafft, bei der amerikanische Soaps nicht mithalten können. „Wir mögen die Geschichten, die Atmosphäre und den Life-Style“, sagt Mashail. All das bringt die arabischen Touristen in Sahins Küche. Auch ein Palast am Bosporus, der als Drehort für „Noor“ diente, ist in den vergangenen Jahren zu einem Touristenmagneten geworden.

Manch eine Besucherin belässt es aber nicht bei der Besichtigung von Drehorten. Zekeriya Kul, ein Istanbuler Schönheitschirurg, berichtet von einem neuen Trend bei seinen arabischen Kundinnen, den er den „türkischen Schauspielerinnen-Look“ getauft hat.

Türkischer Look ist in

Früher wollten die arabischen Frauen aussehen wie libanesische Sängerinnen, sagt Kul. Das heißt: volle Lippen, kleine Nase, prominente Backenknochen. Inzwischen aber geht der Trend zu einem weniger künstlichen Aussehen. Heute wollen Kuls Kundinnen „Augenbrauen wie Beren Saat“, die Heldin von „Fatmagül“, oder „eine Nase wie Tuba Büyüküstün“, eine Schauspielerin aus einer anderen Erfolgsserie.

Kul, der in Istanbul und in Dubai arbeitet, schreibt das dem Erfolg der türkischen Seifenopern zu. Seit etwa einem Jahr beobachte er den Trend hin zum türkischen Look. „Jede Frau und jeder Mann hat sich eine Schauspielerin als Vorbild ausgewählt.“

Bei so viel Erfolg denkt auch Restaurantbesitzer Sahin an neue Möglichkeiten. Arabische Geschäftsleute haben ihm angeboten, eine originalgetreue Kopie der „Gül Mutfagi“ irgendwo im Nahen Osten zu eröffnen. Die Gespräche laufen noch.


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