03.05.2013, 21:59 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Interview mit unserer Zeitung Deutscher Hollywoodstar Jürgen Prochnow: Der Mann, der Madonna würgte


Osnabrück. Kaum ein deutscher Schauspieler hat so mühelos und dauerhaft den Sprung nach Hollywood geschafft wie er: Seine Rolle als Kommandant im Kinoklassiker „Das Boot“ (1981) ebnete Jürgen Prochnow den Weg zum großen Film – und doch ist er auch der Branche in Deutschland treu geblieben. Am Sonntag sehen wir ihn als pensionierten, bärbeißigen Hamburger Richter in „Die Kinder meiner Tochter“ (ZDF, 20.15 Uhr). In einem Frankfurter Hotel unterhalten wir uns nicht nur über diesen Film, sondern auch über Hollywood, Heimat, „Das Boot“ und die Arbeit mit Stars wie Madonna und Marlon Brando:

Herr Prochnow, Sie haben seit einiger Zeit auch die amerikanische Staatsangehörigkeit...

Ja, ich habe beide, sowohl die deutsche als auch die amerikanische. Das war ja nicht immer möglich – ich habe Freunde drüben, die vor 40 Jahren rübergegangen und dann Amerikaner geworden sind, die mussten ihren deutschen Pass abgeben.

Warum sind Sie Amerikaner geworden?

Wenn ich da lebe, will ich auch in den USA wählen können. Andererseits bin ich ja auch immer wieder in Deutschland, meine Kinder leben hier, mein Bruder, Verwandte, Freunde. Ich lese deutsche Zeitungen im Internet und bin Mitglied der Deutschen Filmakademie, dadurch also auch fachlich einigermaßen auf dem Laufenden. Da drüben ist mein Zuhause, und hier ist meine Heimat.

Was ist hier ganz anders als in den USA?

Die Dimensionen. Wenn ich mich in Deutschland mit jemandem treffe, bin ich meistens zu früh da, weil die Entfernungen viel kleiner sind als in Los Angeles. Die Stadt hat einen Durchmesser von 100 Kilometern – da ist es mit viel mehr Aufwand verbunden, wenn man sich mal verabredet. Dazu kommt, dass es ein öffentliches Verkehrssystem wie in Europa nicht gibt. Ich bin heute mit der U-Bahn hierhin gekommen, in Los Angeles wäre das nicht möglich gewesen, da ist man aufs Auto angewiesen.

Gibt es in Ihrem Haus Erinnerungen an Deutschland?

Eigentlich nicht – alles, was ich im Haus habe, habe ich mir drüben angeschafft. Das Einzige, was ich aus Deutschland mitgebracht habe, ist ein Tafelsilber meiner Großeltern. Die hatten in Pommern ein Sägewerk und sind dann im Krieg mit dem letzten Zug vor der anrückenden russischen Armee geflohen. Meine Großmutter hat alles noch fein abgeschlossen – ganz so, als ob sie morgen zurückkäme. Sie hat lediglich dieses Tafelsilber mitgenommen. Damit esse ich heute noch jeden Tag und lasse es regelmäßig putzen, wenn es wieder angelaufen ist.

Wie muss ich mir sonst Ihr Haus vorstellen? Ganz das Klischee – mondäne Villa in einem Promiviertel mit Sicherheitsdienst?

Den gibt’s bei uns nicht. Ich lebe in Brentwood in einem Haus, das 300 oder 400 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Von meiner Terrasse aus kann ich auf den Pazifik gucken und nachts die City Lights von Santa Monica sehen. Der Blick ist fantastisch. Um zum Meer fahre ich höchstens zehn Minuten. Ist nicht schlecht (lacht).

Und trotzdem fliegen Sie immer wieder nach Deutschland in dieses Wetter. Werden Sie hier noch auf der Straße erkannt?

Ja, sehr oft. Den Leuten fällt manchmal beim Essen der Löffel aus der Hand (lacht). Durch die vielen Hollywood-Filme, die auch hier gelaufen sind, und natürlich immer noch durch „Das Boot“, der ja zu den meistwiederholten Klassikern zählt, kennen mich immer noch viele Menschen.

Sie haben hier ein Image weg – ich zitiere mal einen Satz, den man im Internet gleich mehrfach findet: „Wortkarg, kantig, mit pockennarbigem Gesicht und hervortretenden Wangenknochen, spielt Prochnow gern die harten Kerls oder dämonisch angehauchte Typen.“ Haben Sie sich auch immer so gesehen?

Ich habe auch ganz andere Charaktere gespielt, aber ich bin natürlich von vielen Produzenten in solche Rollen gesteckt worden. Es geht ja immer auch um Geld – und wenn ein Film mit einem Schauspieler Erfolg gehabt hat, dann besetzt man ihn möglichst wieder in einer ähnlichen Rolle. Da fällt ein Umdenken schwer, das habe ich selbst erlebt.

Woran?

Ich hatte in den Siebzigerjahren den Film „Die Konsequenz“ mit Wolfgang Petersen gedreht, in dem ich einen Homosexuellen spielte. Der hat damals unglaubliches Aufsehen erregt, der Bayerische Rundfunk schaltete sich damals aus dem ARD-Programm. Diesen Film hatte Bernd Eichinger produziert – und als Petersen dann „Das Boot“ drehen wollte, hat er mich als Hauptdarsteller abgelehnt. Eichinger meinte, ich könne nicht der Kapitän in „Das Boot“ sein, nachdem ich einen Homosexuellen gespielt hätte.

Wie haben Sie die Rolle dann doch bekommen?

Das Boot war ja schon gebaut, dieses unglaubliche und millionenteure Set lag da ungenutzt rum. Der Film musste also gedreht werden. Ich hatte die Sache schon abgehakt, wieder Theater gespielt und nur über andere gehört, dass es noch Castings gab. Erst sollte ein internationaler Star die Rolle bekommen, dann ein völlig unbekannter Schauspieler, aber man konnte sich einfach nicht einigen. Das zog sich über ein Jahr hin, bis Petersen mich dann wieder anrief und fragte, ob ich es mir doch noch vorstellen könnte, zunächst mal Probeaufnahmen zu machen, um die entscheidenden Leute zu überzeugen.

Und?

Ich hab die Probeaufnahmen natürlich gemacht, zusammen mit Herbie Grönemeyer. Damals hatte ich noch ziemlich lange Haare, die wurden unter die Kapitänsmütze gestopft, um die Figur ein bisschen authentisch zu machen. Ja, und dann hatte ich die Rolle.

Die Besetzung des Films haben viele Menschen nach Jahrzehnten noch im Kopf. Haben Sie noch Kontakt zu den Kollegen von damals?

Ich war sehr eng mit Klaus Wennemann befreundet, der leider inzwischen tot ist. Den hatte ich damals in die Produktion mit reingebracht, darauf bin ich heute noch stolz. Wir waren zusammen auf der Folkwang-Hochschule in Essen gewesen, und Klaus stand für „Das Boot“ zum ersten Mal überhaupt vor der Kamera. Ansonsten habe ich nur mit Herbie Grönemeyer ab und zu noch Kontakt, der ja nach dem „Boot“ eine unglaubliche Karriere auf ganz anderem Gebiet gemacht hat. In London habe ich ihn mal getroffen, als ich dort „Da Vinci Code“ drehte.

„Das Boot“ war quasi Ihre Schiffspassage nach Amerika. Haben Sie damals diesen berühmten Anruf aus Hollywood bekommen?

Ja, den gab es tatsächlich. Ich habe kurz danach geheiratet und bin vor der Hochzeit mit meiner zukünftigen Frau und meinem angehenden Schwiegervater nach Österreich gefahren, um die Lokalitäten und das Catering für die Hochzeit zu klären. Da saßen wir dann beim Frühstück, als das Telefon klingelte. Mein Schwiegervater sagte noch ,Ist bestimmt Hollywood‘. Und dann kam tatsächlich ein Ober an unseren Tisch und sagte: „Herr Prochnow, da ist ein Anruf für Sie.“ Und das war tatsächlich ein Agent aus Hollywood.

Wie hat er Sie denn ausfindig gemacht?

Er hatte meine Telefonnummer zu Hause bekommen und da auch angerufen. In meiner Wohnung wohnte zu der Zeit Klaus Wennemann, und das Problem war, dass Klaus überhaupt kein Englisch sprach. Er hat dann mit diesem Agenten geradebrecht, und irgendwie hat’s geklappt, dass er ihm die Nummer in Österreich durchgeben konnte.

Wie ging’s weiter?

Die haben mich rüberfliegen lassen, wo ich dann meinen ersten Hollywood-Produzenten getroffen habe. So behandelt zu werden, war ich überhaupt nicht gewohnt, das war einfach wunderbar.

Wie hat man Sie denn behandelt?

Am Flughafen wurden wir mit der Limo abgeholt, im Hotel gab es gleich die Suite. Man guckt aus dem Fenster – traumhaftes Wetter, die Jakaranda-Bäume blühen lila, ein Rolls-Royce schnurrt vorbei, die Menschen liegen am Pool. Dazu müssen Sie sich vorstellen, dass es Januar war und ich aus Deutschland kam, wo es gerade minus 20 Grad waren. Ich habe mich immer wieder kneifen müssen und mir gesagt: Nein, das bin nicht ich, das kann nicht wahr sein, das ist jetzt ein Traum. Dieser Produzent hat mich zum Abendessen eingeladen, und zum Schluss kam dann eine Torte, so groß wie dieser Tisch hier, mit dem Konterfei des Kapitäns aus „Das Boot“ obendrauf.

Man hat Ihnen Hollywood also im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft gemacht. Als Deutscher wird man dort allein wegen des Akzents gern einschlägig besetzt...

Natürlich, deshalb war es mir auch wichtig, nicht gleich mit so einem Nazi-Klischee behaftet zu werden, und das ist mir auch gelungen. Ich habe alle möglichen Rollen gespielt – wenn auch oft den Bösewicht, denn den Helden spielt immer ein Amerikaner.

Sie sind also gleich durchgestartet?

Na ja, es war schon sehr schwierig für mich, auf Englisch zu drehen. Ich hatte wohl mein Schul-Englisch drauf, aber das reichte nicht, um mit hochkarätigen Leuten zusammenzusitzen und über Drehbuch, Rolle, Gestaltung und Interpretation zu sprechen. In den ersten Wochen und Monaten konnte mein Kopf abends überhaupt nichts mehr aufnehmen.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe noch mal richtig gebüffelt. Man hat mir einen Coach zur Seite gestellt, diese Frau war ganz hervorragend. Sie war sogar mit am Set und hat über Kopfhörer mitgehört und mir gesagt, was ich noch besser machen muss. Das war toll und hat mir noch mal das Interesse an meiner Figur klargemacht.

Mit deutschen Kinofilmen sind Sie heute noch durch die Filmakademie vertraut – wie sieht’s denn mit dem deutschen Fernsehen aus?

Schlechter, da fehlen mir viele Entwicklungen. Ich habe vor ein paar Wochen zum ersten Mal einen „Tatort“ aus Münster gesehen, und er hat mir richtig gut gefallen. Dass es den aber schon seit zehn Jahren gibt und er ein Riesenerfolg ist, das wusste ich nicht.

Sie sind jetzt wieder häufiger im deutschen Fernsehen zu sehen.

Das hängt auch damit zusammen, dass ich in einem Alter bin, in dem die Rollenangebote dünner werden. Die Hauptfiguren in den Filmen sind eben deutlich jünger, als ich es bin.

Trifft es Sie, wenn Ihnen wie bei „Die Kinder meiner Tochter“ eine Rentnerrolle statt einer Schurkenrolle angeboten wird?

Überhaupt nicht, ich bin ja in dem Alter. Diese Rolle ist ja sogar für mich geschrieben worden. Die Produzentin Katharina Trebitsch und ich hatten schon lange vor, mal wieder etwas Neues zu machen. Wir haben uns dann vor zwei Jahren auf dem Hamburger Filmfest getroffen; sie hatte ihren Autor dabei und sagte ihm, er solle doch mal was für mich schreiben. Da dachte ich nur: Ist doch nett, gerne, schreib mal was für mich (lacht). Ich habe das gar nicht so ernst genommen, aber nach zwei Monaten bekam ich das erste Exposé. Und ich fand die Geschichte hochinteressant.

Mich erinnert Ihre Figur des grantelnden pensionierten Hamburger Richters an Walt Kowalski, den Ausländerfeind in Clint Eastwoods „Gran Torino“.

Ja, genau. Darüber haben wir auch gesprochen. Und der „Richter Eisenhart“, wie ich im Film ja genannt werde, ist angelehnt an diesen „Richter Gnadenlos“, den es vor ein paar Jahren mal in Hamburg gab. Meine Figur ist zwar weder korrupt noch kriminell, aber diese konservative Denke ist natürlich ähnlich.

Sie predigen im Film ja auch die typisch deutschen Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin.

Das trifft zum Teil auch auf mich zu, das ist der Preuße in mir. Das sind Maximen, die in diesem Beruf unbedingt notwendig sind, wie ja schon Marlene Dietrich gesagt hat. Wer sich daran nicht hält, ist ziemlich schnell wieder draußen.

Idol Ihrer Jugend war Marlon Brando – mit dem Sie später dann gedreht haben. Wie war das für Sie?

Ich habe mich unglaublich geehrt gefühlt und fand es einfach nur wunderbar, dass ich mit dem Mann, den ich so verehrt habe, mal arbeiten durfte. Er war furchtbar nett zu mir, weil er ein großer Fan vom „Boot“ gewesen ist. Ich habe ihn gefragt, ob er den Film denn gesehen hätte, und er sagte: „Einmal? Den habe ich sieben- oder achtmal gesehen.“ Für mich war es eine große Ehre, mit ihm zu drehen.

Mit Madonna haben Sie auch mal gedreht, die mussten Sie in „Body of Evidence“ sogar würgen.

(lacht) Sie hat immer gesagt, ich solle sie jetzt würgen und richtig zudrücken, damit sie das auch richtig spielen kann. Aber das habe ich natürlich nicht gemacht. Ansonsten habe ich sie ganz normal erlebt, sie hat in keiner Weise den Star raushängen lassen.

Bleibt noch die Frage nach Wolfgang Petersen – von dem hat man seit 2006 nichts mehr zu sehen bekommen.

Ja, sein Film „Poseidon“ war zum ersten Mal kein Erfolg, und das macht es dann für das nächste Projekt nicht einfacher. Ich weiß, dass er an einem neuen Projekt arbeitet, was das allerdings ist, weiß ich nicht. Natürlich fände ich es schön, wenn wir noch mal etwas zusammen machen könnten.

Jürgen Prochnow

wird am 10. Juni 1941 als Sohn eines Fernmeldeingenieurs und einer Hausfrau in Berlin geboren. Er besucht in Düsseldorf das Gymnasium, wirkt schon früh in Laienschauspielgruppen mit, macht aber kein Abitur. Auf Wunsch seiner Eltern absolviert er eine Banklehre bleibt dem Theater aber als Beleuchter verbunden und lässt sich schließlich an der Essener Folkwang-Hochschule zum Schauspieler ausbilden. Sein erstes Theaterengagement bekommt Prochnow 1966 in Osnabrück.

1969 gibt er sein TV-Debüt im Fernsehspiel „Lebe wohl, Judas“, 1973 arbeitet er für die „Tatort“-Folge „Jagdrevier“ erstmals mit Regisseur Wolfgang Petersen zusammen. Mit ihm dreht er auch das Aufsehen erregende Schwulendrama „Die Konsequenz“ (1976) und 1981 in der Hauptrolle eines U-Boot-Kommandanten den Kassenschlager „Das Boot“, der ihm den Weg nach Hollywood ebnet. Hier kann sich Prochnow durchsetzen wie kaum ein anderer deutscher Schauspieler, dreht über zwei Jahrzehnte lang mit den bekanntesten Produzenten, Regisseuren und Schauspielkollegen Filme wie „Dune“ (1984), „Beverly Hills Cop II“ (1986), „Judge Dredd“ (1994), „Da Vinci Code“ (2006) und „24“ (2010).

Aus einer Beziehung
mit der österreichischen Millionärstochter und Schauspielerin Antonia Reininghaus stammte die 1980 geborene Tochter Johanna, die 1987 von der eigenen Mutter vergiftet wird. Aus der 1982 geschlossenen und 1997 geschiedenen Ehe mit der Regisseurstochter Isabell Goslar hat Prochnow zwei Kinder. Seit 1996 ist er mit der 30 Jahre jüngeren Schauspielerin Brigitte Stein (Bild) liiert, die er 2004 in Las Vegas heiratet. Seit 2003 ist der leidenschaftliche
Tennisspieler amerikanischer Staatsbürger und lebt mit seiner Frau in Brentwood/Los
Angeles.



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