07.09.2013, 06:44 Uhr

Als Wahlorakel taugt Twitter nicht Bundestagswahl: Homepages werten Tweets aus

Gezwitscher aus Berlin: Auswertungen von Tweets haben zwar inhaltlichen Wert, sie können aber keine richtige Wahlprognose ersetzen. Foto: Imago/Montage: NOZ/LangerGezwitscher aus Berlin: Auswertungen von Tweets haben zwar inhaltlichen Wert, sie können aber keine richtige Wahlprognose ersetzen. Foto: Imago/Montage: NOZ/Langer

Osnabrück. Welche Partei hat die Nase vorn bei der Bundestagswahl? Neben den üblichen Meinungsumfragen kommen bei dieser Wahl auch Auswertungen von Tweets zum Einsatz. Doch welche Aussagekraft haben die Ergebnisse?

Auf Stimmungsfang begibt sich twitterbarometer.de. Blogger Sascha Lobo hat mit dem Unternehmen Buzzrank.de die Seite entwickelt. Das Prinzip ist einfach: Die Technik hinter dem Portal liest die Tweets von Nutzern aus, die einen Hashtag zu einer Partei absetzen, aber immer versehen mit einem Minus- oder Pluszeichen. In der Praxis sieht das so aus: #CDU-, #CDU+, #SPD-. #SPD+ und so weiter.

Die Idee dazu entstand bereits vor der Bundestagswahl 2009 unter dem Namen wahlgetwitter.de. Damals habe es mit den Hashtags sehr gut geklappt, deshalb wurde die neue Seite vor etwa vier Monaten mit demselben Prinzip ins Leben gerufen, erklären die Entwickler Sascha Lobo und Bastian Unterberg auf der Homepage. Der Slogan vom Twitterbarometer lautet deshalb auch: „Die politische Stimmungslage im digitalen Deutschland. In Echtzeit.“ Natürlich ist das übertrieben. Das betonen auch die beiden Entwickler. Denn: Twitter wird weltweit zwar immer populärer. Deutschland bleibt aber weiterhin Twitter-Neuland. Das Unternehmen selbst nennt generell keine Zahlen, aber laut Erhebung von globalwebindex.net sollen rund sechs Prozent der deutschen Bevölkerung Twitter aktiv nutzen. Damit ist Deutschland weit abgeschlagen im Ranking der Länder.

Dennoch war die erste Bundestagswahl für wahlgetwitter.de ein Erfolg. 2009 habe es laut Lobo und Unterberg zwischen Mai und September über 100.000 Tweets mit den Hashtags gegeben, ungefähr 10.000 Personen seien daran beteiligt gewesen. Im Vergleich zur gesamten zwitschernden Bevölkerung sind das ziemlich hohe Zahlen. Denn im August 2009 twitterten etwa 174.000 Menschen laut Analyseseite webevangelisten.de auf Deutsch.

Das Twitterbarometer kann also keine aussagekräftige Prognose darüber abgeben, wer die Bundestagswahl gewinnen wird. Das möchte es auch nicht, stellen Lobo und Unterberg klar. Die Auswertungen bilden aber durchaus die Stimmung ab, wie sie in dem Moment der Zählung auf Twitter vorherrscht. Denn dort finden sich laut Lobo und Unterberg die aktivsten Social-Media-Nutzer sowie Multiplikatoren: „Die Annahme liegt nahe, dass diese Leute die Stimmung in den sozialen Medien und damit im Internet maßgeblich prägen.“

Das bestätigt auch die Soziologin Jasmin Siri im Interview mit tagesschau.de . Sie hat eine Studie vorgelegt, die sich mit dem Twitter-Verhalten deutscher Politiker beschäftigt. Journalisten würden häufiger ihre Themen auf Twitter suchen. Wer es als Politiker also schaffe, dort sein Thema zu platzieren, habe gute Chancen, es vom Medium Social Media in die klassischen Medien zu schaffen. Haken an der Sache beim Twitterbarometer: Es hängt davon ab, wie viele Menschen die vorgegebenen Hashtags nutzen. Reine Stichworte wie „CDU“ oder „SPD“ werden nicht ausgelesen. Was diese Twitterauswertung aber so interessant macht, sind die Bewertungen, die im Hashtag mit enthalten sind. So weiß der Leser sofort, ob man etwas Positives oder Negatives über die entsprechende Partei zu sagen hat.

Doch was machen eigentlich die Bundestagsabgeordneten selbst auf Twitter? Dieser Frage istThomas Puppe nachgegangen. Der Student der Internationalen Medieninformatik hat die Seite bundestwitter.de ins Leben gerufen. Dort werden alle Tweets der Abgeordneten abgebildet. Als Trend gibt es die wichtigsten Tweets der Woche. Sie ergeben sich aus den meisten Retweets, erklärt Puppe das Prinzip der Auswertung. Ein weiterer Bereich zeigt Tweets, die Bürger an Politiker richten - und ob oder was die Politiker antworten.

Außerdem gibt es auf der Seite die Twitter-Trends zur Wahl, die genaue Aufschlüsselung der Twitter-Aktivitäten jedes Abgeordneten sowie einige interaktive Berichte. Unter anderem eine Statistik, die zeigt, wie sich die Retweets im Verhältnis zu den Followern darstellt. Also wie erfolgreich die Aussage eines Politikers verbreitet wird. Außerdem arbeite Puppe momentan an zwei weiteren Ranglisten: die am meisten favorisierten Tweets und diejenigen, die am meisten Reaktionen und Antworten erzeugen. „Es geht also um die Inhalte. Das Ranking nach Followern ist bei Bundestwitter weniger wichtig. Da haben bekannte Politiker einen Promibonus, selbst wenn sie gar nicht so gut twittern“, sagt Thomas Puppe im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was die Technik angeht: Puppe greift auf die Twitter-API zu, eine Schnittstelle, die Twitter anbietet, um Informationen über Tweets und Nutzer abzufragen. Der Student der Internationalen Medientechnik entwickelte das Programm bereits im vergangenen Jahr, die Idee dazu entstand aber vorher. „Die Idee hatte ich ursprünglich 2009 im Wahlkampf, als ich mal schauen wollte, was denn deutsche Politiker so bei Twitter tun, nach der US-Wahl im Vorjahr. Und da gab es keine Zusammenfassung. Selbst die Information, wer denn überhaupt Twitter benutzt, musste man zusammensuchen.“

In diesem Wahlkampfjahr gibt es noch weitere Seiten, die Twitter-Trends auf unterschiedliche Art darstellen. Zum Beispiel die ehrenamtlich geführte Seite pluragraph.de . Sie wertet alle Social-Media-Auftritte der Politiker bei Twitter, Facebook und Google Plus aus. Andreas Jungherr, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, sieht in diesen Auswertungen gute Möglichkeiten, Trends abzulesen. Es sei hierbei spannend zu sehen, wie politische Ereignisse online begleitet werden und über welche Themen geredet werde, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wichtig dabei sei jedoch eine klare Methodik und Fragestellung: „Die Aussagekraft hängt von der Fragestellung ab“. Das heißt, es könne zwar dargestellt werden, welches Thema zu welchem Zeitpunkt wichtig wurde, aber eine richtige Vorhersage, wer denn nun am 22. September die Wahl gewinnt, könne damit nicht getroffen werden. Zumal es schwierig sei, viele wichtige Wahlkampfthemen über den Kurznachrichtendienst Twitter zu diskutieren. Onlineaffine Themen wie die NSA-Affäre können platziert werden, Diskussionen über Steuern oder Rente hingegen seien schwierig. Das stellt sich auch in den Monatstrends auf bundestwitter.de dar.

Laut Thomas Puppe ist die Themenauswahl nicht überraschend. „Natürlich schreiben die Parteien viel über sich selbst und gegenseitig. Im Juni gab es dazu das Hochwasser und Blockupy. Im Juli und August ganz viel Snowden, NSA, PRISM. Die BTW13 ist im August mit Abstand das Top-Thema.“ Dabei spiele natürlich auch eine Rolle, dass vor allem netzaffine Politiker bei Twitter seien, die sich eben auch mit Onilne-Themen beschäftigen.

Wahlprognosen will auch Thomas Puppe mit Bundestwitter nicht erstellen. Das Twitterbarometer findet er ebenfalls interessant, weil sich dort die aktuelle Stimmung ablesen lasse: „Man beachte da das ‚Auf‘ der Piraten und das ‚Ab‘ der AFD (Alternative für Deutschland)– da sieht man, wer in dem Medium noch die meisten Leute aktivieren kann.“

Twitter als Wahlorakel? Dazu dient das soziale Netz-werk wohl nicht. Aber es ist geeignet, um Stimmungen einzufangen vor der Wahl. Welche Partei am Ende das Rennen macht, können nur die Wähler am 22. September beantworten.


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