25.08.2013, 11:54 Uhr

Vielbeschäftigte Schauspielerin Anna Schudt: Zum „Tatort“ kommt „Mordshunger“


Düsseldorf. Unterbeschäftigt ist diese Frau wahrlich nicht. 2011 wurde Anna Schudt zum zweiten Mal Mutter, im Jahr darauf noch einmal. Zudem übernahm sie die Rolle der Dortmunder „Tatort“-Kommissarin Martina Bönisch und spielt jetzt auch noch die Hauptrolle in der neuen Krimireihe „Mordshunger“ (ZDFneo ab 25.8., ZDF ab 31.8.). Wie sie das alles unter einen Hut kriegt, erzählt sie am Küchentisch ihrer Düsseldorfer Wohnung, nachdem sie mit bewundernswerter Gelassenheit die Wespen vertrieben hat:

Frau Schudt, was haben Sie heute Nacht zwischen 3.00 und 5.30 Uhr gemacht?

Wieso? Geschlafen. Und gestillt.

Durchschlafen ist also noch nicht drin?

Ach was. Ich schlafe schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr durch. Irgendwie geht das schon, ich habe mich daran gewöhnt. Außerdem sind es keine langen Wachphasen, die ich habe.

Sie haben gerade Ihren vierten Dortmunder „Tatort“ abgedreht, darin geht es um den Mord an einem Kind.

Genau, es geht um das Schicksal 13-jähriger Mädchen und das persönliche Trauma des Hauptkommissars Peter Faber. Diese beiden Geschichten sind ineinander verwoben.

Berührt Sie als dreifache Mutter so ein Stoff mehr als andere?

Ja, natürlich, zumal es auch um Missbrauch geht. Ich mag das alles überhaupt nicht. Krimis mit dieser Thematik häufen sich ja immer mehr, und ich finde es ungeheuer schwierig, damit umzugehen. Wenn man sich vorstellt, was da passiert, müsste man eigentlich sofort Aktivistin werden. Gott sei Dank gibt es Auflagen, dass wir da nicht alles zeigen dürfen.

Zwei Ihrer drei Jungs sind ja noch ziemlich winzig – wie vereinbaren Sie das mit so einem „Tatort“-Dreh, der sich ja über mehrere Wochen hinzieht?

Am Anfang des Drehs war mein Kleinster noch mit dabei. Beim letzten „Tatort“ war er erst drei Monate alt, aber je älter die Kinder werden, desto schwieriger wird es. Sie haben nicht die gewohnte Umgebung, dann ist der Bruder nicht da, dann fehlt ihnen der Papa. Dazu kam jetzt noch die Hitze, dass ich gedacht habe, es ist ja eine Zumutung für die Oma und den Kleinen. Die Oma hat sich um den Kleinsten gekümmert, der Papa um die beiden anderen, wir hatten ein Kindermädchen – kurz gesagt: Man braucht ein totales Netzwerk. Wenn die Großeltern nicht so helfen würden, dann könnte ich das wohl nicht machen. Jetzt bin ich froh, dass ich erst mal ein paar Wochen nichts habe.

Haben Sie eigentlich auch gedreht, während Sie schwanger waren?

Nein, leider nicht, obwohl ich das gerne gemacht hätte. Vielleicht war ich beim zweiten Dortmunder „Tatort“ schon schwanger, gewusst habe ich es aber erst kurz nach dem Dreh.

Fürchtet man als Schauspielerin eigentlich um die Karriere, wenn man sich bewusst für Kinder entscheidet?

Ich bin ja schon sehr lange dabei, deshalb habe ich mir keine großen Sorgen gemacht. Und es ist ungeheuer beruhigend, wenn man weiß, dass auch im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder zwei „Tatorte“ anstehen. Als Fritz unterwegs war, hatte ich diese Gewissheit noch nicht, da habe ich mir schon Gedanken gemacht, aber dann ist eigentlich genau das Gegenteil eingetreten. Plötzlich hatte ich doppelt so viel zu tun wie vorher.

Durch zwei Kinder innerhalb so kurzer Zeit verändert sich das Leben radikal, oder?

Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, weil ich schon einen Sohn hatte. Es war eine ganz klare und bewusste Entscheidung, dass es noch mal eine Familienrunde gibt. Ich fand es mutig von mir selbst, aber ich hatte echt noch mal Lust darauf.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, im „Tatort“ auch Mutter zu werden? Maria Furtwängler hat es vorgemacht, und Aylin Tezel als Ihre Dortmunder Kollegin wird in der vierten Folge ebenfalls schwanger.

Ich habe als Martina Bönisch ja schon zwei halbwüchsige Söhne, da glaube ich nicht, dass es ihr noch mal passiert.

In Ihrem zweiten „Tatort“ holte sich Martina Bönisch einen Callboy ins Bett – und der Film wurde umgehend als „Skandal-Tatort“ beschrieben.

Ich bin insgesamt ziemlich naiv an die Sache rangegangen und habe mir überhaupt nicht bewusst gemacht, welche unglaubliche Aufmerksamkeit der „Tatort“ hat. Deshalb hat es mich auch überrascht, dass diese zehn Sekunden plötzlich soooo wichtig waren. Ich fand es eigentlich völlig unwichtig.

Umgekehrt wäre der Aufschrei wohl noch lauter gewesen. Wenn ein männlicher „Tatort“-Kommissar sich ein Callgirl bestellt hätte, gäbe es eine Welle der Empörung.

Das würde die Integrität des Kommissars mit Sicherheit auch beschädigen. Irgendwie ist es bei der weiblichen Kommissarin anders, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Jo Weil, der damals den Callboy spielte, hat anschließend jede Menge anzüglicher Mails und Facebook-Nachrichten bekommen. Sie auch?

Das wusste ich gar nicht, das hat er mir nicht erzählt (lacht). Der Arme. Bei mir gab’s gar nichts, aber ich war ja auch diejenige, die ihn bestellt hat – mich gab’s nicht zu bestellen.

Jetzt gibt’s auch im ZDF einen Krimi mit Ihnen – „Mordshunger“ . Sind Sie selbst so ein Krimifan, oder sind die Angebote immerzu Krimi, noch’n Krimi und noch’n Krimi?

Natürlich ist das immer angebotsabhängig. „Mordshunger“ fand ich nicht deshalb so toll, weil es wie ein Krimi angelegt ist, sondern weil es so skurril ist. Diese Köchin auf dem Lande mit ihrem Bruder, dem Polizisten, das mochte ich wahnsinnig gerne. Das hat mir schon beim Lesen super gefallen, weil es nicht so 08/15 ist. Da gibt’s nicht immer nur diese traurigen Gesichter, sondern eher das Gegenteil. Ich fand es schön, mal eine solche lebenslustige, sinnliche Frau zu spielen, weil ich ja sonst eher für andere Charaktere besetzt werde.

Eigentlich gibt’s ja die Regel, dass ein „Tatort“-Kommissar nicht auch im ZDF ermitteln darf. Joachim Król musste deshalb den „Lutter“ an den Nagel hängen. Hat man für Sie eine Ausnahme gemacht?

Nein, ich spiele ja in „Mordshunger“ nicht eine Ermittlerin, sondern eine Köchin.

Eine ermittelnde Köchin, die Mordfälle löst.

Nein, so kann man das wirklich nicht sagen. Britta ist eine Frau, die sich für die Kriminalfälle ihres Bruders interessiert – und das aus Neugier. Natürlich hat es Gespräche darüber gegeben, aber mein Eindruck ist, dass es keine Probleme damit gibt. Im Moment gibt es ja auch überwiegend Krimis im Fernsehen und nicht das ganz breite Spektrum. Britta Jansen ist ja nicht Lutter. Und den Vertrag für „Mordshunger“ hatte ich schon unterschrieben, bevor der „Tatort“ kam. Keine Ahnung, warum das ZDF so lange mit der Ausstrahlung gewartet hat – ich habe zwischenzeitlich sogar gedacht, dass es gar nicht mehr gezeigt wird, und mich dann natürlich umso mehr gefreut, als die Ankündigung kam.

Für mich ist „Mordshunger“ so etwas wie eine Mischung aus Miss Marple und „Mord mit Aussicht“. Wird da alter Wein in neue Schläuche gegossen?

Ich hoffe nicht, dass es so rüberkommt, auch wenn das Format bestimmt nicht komplett neu ist. Wobei ich sagen muss, dass ich „Mord mit Aussicht“ sehr gerne mag. Man muss sich schon fragen, ob es wirklich gescheit ist, so viele Krimireihen zu machen. Es gibt immer wieder solche Wellen, das wird sich auch wieder ändern. Aber ich bin es ja nicht, die das Programm macht. Ich kann nur Angebote annehmen oder ablehnen.

„Mordshunger“ spielt im fiktiven Dorf Klein-Beken. Wie heißt das denn in Wirklichkeit?

Das ist eine ganze Reihe von wunderschönen, bezaubernden Orten, alle im Bergischen Land. Aber wenn ich sie jetzt aufzählen sollte, muss ich passen. Die meisten endeten mit ...broich.

Viele Schauspieler drehen lieber auf dem Land als in der Großstadt. Warum eigentlich?

Das Arbeiten ist total konzentriert. Man wird nicht gestört und stört niemanden. Alle sind gewarnt, freundlich und positiv gestimmt – in der Stadt dagegen muss man Straßen sperren und nervt die Leute. Da sieht man zu, dass man schnell fertig ist, während man sich auf dem Land in der Drehpause mal ein Stündchen auf die Wiese setzt. Das ist einfach viel entspannter.

Klein-Beken ist der Käfig voller Narren und Sie sind der Sonnenschein mittendrin.

Ich bin leider Gottes nicht so narrisch. Die ganzen Figuren um mich herum sind ungeheuer komisch, und ich bin so etwas wie der klare Kopf.

Ich hatte den Eindruck, dass Sie sich beim Petersiliehacken haben doubeln lassen…

Falsch, völlig falsch. Ich könnte es Ihnen sofort vormachen. Es war tatsächlich eine Köchin engagiert, die mich beim Kochen doubeln sollte, aber ich habe gleich gesagt: Das möchte ich gerne selber machen. Ich habe gezeigt, dass ich es kann, und habe es dann auch gemacht. Da war ich ganz beglückt.

Können Sie auch so viel vertragen wie die Britta? Die spuckt zumindest in der ersten Folge wirklich nicht ins Glas.

Das stimmt. Aber da gibt’s keine Übereinstimmung zu mir. Ich trinke natürlich gar keinen Alkohol, weil ich ja stille.

Das trifft wohl auch auf die Ernährung zu: Als Gastwirtin serviert Britta deftige Fleischgerichte wie Saueuter, Bierschinken und Schweinshaxe – Sie selbst aber sind Vegetarierin. Ist Ihnen da bei den Dreharbeiten nicht manchmal übel geworden?

(lacht) Nee, von so etwas wird mir nicht übel. Ich koche ja auch für meinen großen Sohn Fleischgerichte und habe es auch für mich lange genug getan. Ich ekel mich nicht vor Fleisch, es hat mir auch immer gut geschmeckt. Aber ich bin aus Umweltgründen Vegetarierin geworden, es ist meine Überzeugung, dass es so nicht funktionieren kann mit dieser Welt. Die Hähnchen für 1,99 Euro gehen einfach nicht, das ist doch alles Wahnsinn, aber die Menschen verdrängen es. Und ich verstehe einfach nicht, dass es eine irrsinnige Welle der Empörung auslöst, wenn die Grünen mal einen vegetarischen Tag propagieren.

Haben Sie denn nach vier Folgen noch Appetit auf „Mordshunger“?

Großen sogar, ich würde sehr gern weiterdrehen. Wenn die Quote stimmt, soll es ja einen 90-Minüter geben, da kann man noch mal ganz anders erzählen als in 60 Minuten. Da entstünden sicher noch viele lustige Sachen.

Anna Schudt

wird am 23. März 1974 in Konstanz als Tochter eines Biochemikers und einer Körpertherapeutin geboren, sie hat eine Schwester. Das Gymnasium verlässt sie nach der elften Klasse, um schon als 17-Jährige die renommierte Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München zu besuchen.

Gerade mal 19 Jahre alt, wird Anna Schudt von den Münchner Kammerspielen als festes Ensemblemitglied engagiert und avanciert zu einem der Jungstars unter der Intendanz von Dieter Dorn. 1999 wechselt sie an die Schaubühne nach Berlin, kehrt aber zwei Spielzeiten später wieder nach München zurück. Sie spielt etliche große Frauenrollen der Weltliteratur, wird 2006 für ihre Darstellung der Maria Stuart mit dem Kurt-Meisel-Preis ausgezeichnet und von der „Süddeutschen Zeitung“ als „eine der großen Münchner Theaterschauspielerinnen“ bezeichnet.

Erst nach der Jahrtausendwende taucht sie vermehrt in Kino- und Fernsehfilmen auf, in den letzten Jahren immer häufiger in Hauptrollen. 2012 wird sie als Kommissarin Martina Bönisch Teil des vierköpfigen Ermittlerteams im neuen Dortmunder „Tatorts“.

2010 heiratet Schudt den Schauspieler Moritz Führmann, den sie im selben Jahr während eines Gastspiels am Düsseldorfer Schauspielhaus kennengelernt hat. 2011 wird ihr Sohn Fritz geboren, 2012 dessen Bruder Matti. Aus einer früheren Beziehung mit dem Theaterregisseur und Opernintendanten Jens Daniel Herzog stammt ihr 15-jähriger Sohn Leon, der mit der Familie in Düsseldorf lebt. js