21.04.2017, 06:00 Uhr

Vor der Präsidentschaftswahl Frankreich: Mit Kultur gegen das Stimmungstief?


Paris. Die Grande Nation zwischen Frust und Aufbegehren: Ein Blick in die Mentalitätslage unseres Nachbarlandes vor der Präsidentschaftswahl am 23. April 2017.

Ist Marine Le Pen ein Symptom für die „Krankheit in den Demokratien“? Das Literaturmagazin „Books“ hebt die Parteichefin des Front National auf die Titelseite seiner aktuellen Ausgabe. „Philosophie“ erinnert an die „Anti-Aufklärer“ von Nietzsche bis Heidegger, während die Zeitung „Le Figaro“ ihr Magazin „Histoire“ dem „vermeidbaren Aufstieg“ Adolf Hitlers widmet. Wenn „Le Monde“ und „Le Point“ daneben den „Freiheitsdenker“ Immanuel Kant und den „Europäer“ Stefan Zweig ins Feld führen, wirkt das wie der verzweifelte Rückgriff auf untadelige Leitfiguren des freien Westens. Am Pariser Zeitungsstand tobt die Bataille der Geschichtsvisionen wie ein Sturm der Befürchtungen durch den Blätterwald. Die Debattenlage spiegelt Frankreichs mentale Lage vor der großen Wahl. Bisher hatte das Land den Blues. Jetzt bebt die Grande Nation. Wird es am Ende Marine Le Pen? Hier weiterlesen: Nach den Attentaten - Kontroverse um Eagles of Death Metal.

Viele sind frustriert

Weit unterhalb der Flughöhe medialer Debatten schleppt sich das Leben vieler hin. Die Frustration hat sich tief in die Gemütslage der Menschen gefressen. Über zehn Jahre liegen die Unruhen schon zurück, die 2005 den Pariser Vorort Clichy-sous-Bois erschütterten. Damals brannten nicht nur Autos, auch drei Menschen starben. Die Krawalle wirkten wie das Menetekel misslungener Integration. Geändert hat sich seitdem nichts. Die Kinder afrikanischer Migranten sehen sich weiter als chancenlose Verlierer. Unterdessen fühlen sich viele „einheimische“ Franzosen von der großen Politik vergessen. Zu wenige Jobs, das perspektivlose Leben in den Vorstädten, den banlieues, dazu das Gefühl diffuser Unsicherheit - in ihrem Empfinden scheinen viele Franzosen jenen Amerikanern aus dem „Rust belt“ zu ähneln, die Donald Trump wählten. Hier weiterlesen: Ein starkes Gefühl, das Menschen schwächer macht - Essay über die Angst.

Fototapete am Ort der Unruhe

Künstler stehen gegen die Misere auf. Mit seiner 36 Meter langen Fotoinstallation erinnert der Streetart-Künstler JR im Unruheort Clichy-sous-Bois an den Gewaltausbruch vor über zehn Jahren. 700 Porträts von Einwohnern aus den sozialen Brennpunkten Clichy und Montfermeil fügte JR zum riesigen Fotoplakat. Jugendliche mit Kapuzen, Frauen mit Hidschab-Schleier: Wenigstens auf der 36 Meter langen Fotoinstallation kommen die Marginalisierten groß raus. Frankreichs Lieblings-DJ The Avener, die Pop-Band Naive New Beaters und Reggae-Star Naâman haben erst am letzten Sonntag einen bunten Zug der fröhlichen Solidarität auf den legendären Pariser Champs-Elysées angeführt. Und beschwören französische Filmemacher mit umwerfend witzigen Komödien wie „Ziemlich beste Freunde“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ nicht seit Jahren das Bild eines multikulturellen Landes, das seine Leichtigkeit wiedergefunden hat? Hier weiterlesen: Die Grande Nation hat den Blues - Frankreich in der Krise.

Die Intellektuellen schweigen

Einen wirklichen Stimmungswandel hat das nicht gebracht. Frankreich sucht seine Mitte. Laizismus und Menschenrechte als Substanz einer vocation universelle, einer globalen Botschaft: Dieser ideelle Kern der Grande Nation scheint im frustrierenden Alltag misslingender Integration und erst recht unter dem Eindruck verheerender Terroranschläge zerrieben worden zu sein. Die Intellektuellen schweigen, die Bewegung „Nuit debout“, die seit dem 31. März 2016 auf der Pariser Place de la République Menschen allabendlich zum sozialen Protest versammelte, ist fast verstummt. Und Michel Houellebecq, Frankreichs skandalträchtiger Starautor, entwarf 2015 mit seinem Roman „Die Unterwerfung“ das Schreckbild einer einst stolzen Republik, die sich islamistischem Diktat unterordnet. Allerdings will gerade Houellebecq mit seinen sarkastischen Romanen auch seine bisweilen ebenso apathisch wie gereizt wirkenden Landsleute aufrütteln. Immerhin. (Mit dpa) Hier weiterlesen: Tristesse im Lichterglanz - Paris nach den Anschlägen.


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