17.04.2017, 13:54 Uhr

Andreas Kriegenburg inszeniert Musikalisch tolle „Frau ohne Schatten“ in Hamburg


Hamburg. Brillant musiziert hat Kent Nagano „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss an der Staatsoper Hamburg. Regisseur Andreas Kriegenburg hat sich da deutlich schwerer getan.

„Die Frau ohne Schatten“ hat ihre erschlagenden Momente. Gegen Ende des zweiten Aktes läuft die Färbersfrau so zur Furie auf, dass sogar ihr Gatte Barak den Gutmenschen in sich vergisst und sie umbringen möchte. Die Frau tobt, die Kaiserin leidet, die bösartige Amme der Kaiserin keift, die Brüder Baraks zetern, und unten im Graben tobt eine Musik von beängstigender Gewalt.

Klasse für sich: Kent Nagano

Doch Kent Nagano hat die Situation im Griff. Er führt sein Philharmonisches Staatsorchester, sein Sängerensemble und damit die Zuhörer in der Staatsoper Hamburg durch die orchestralen Stürme, Erdbeben und Feuersbrünste, die Richard Strauss hier gleichzeitig entfacht. Verstörende Momente sind das, aber, dank Nagano, auch im besten Sinn aufregende. Genauso geht die Musik zu Herzen, wenn sie Baraks traurige Verwirrung in dunkle Farben kleidet, wenn sie zum Happy End geradezu operettenhaft schwelgt. Nagano arbeitet musikalische Subtexte, die Wucht und die lyrische Innigkeit der Partitur heraus und hält dabei sein Ensemble fest zusammen - musikalisch ist dieser Premierenabend fein gelungen. Weiterlesen: „Lulu“ an der Staatsoper Hamburg

Zwei Welten, durch eine Wendeltreppe verbunden, treffen in dem Stück aufeinander. In der einen droht Kaiserin und Kaiser der Tod, weil sie keine Kinder bekommt: Sie soll ins Geisterreich ihres Vaters Keikopad zurückgeholt werden, der Kaiser soll zu Stein erstarren. Einige Schichten tiefer weigert sich die Frau des Färbers Barak, Kinder zu kriegen, weil ihr die schmutzige Färberwelt zuwider ist. Eine bösartige Amme fädelt einen Deal zwischen beiden Welten ein: Die Färberin verkauft der Kaiserin ihren Schatten. Dafür darf die eine dem schmutzigen Sumpf entfliehen, die Kaiserin gewinnt mit dem Schatten ihre Fruchtbarkeit. Am Ende aber gewinnen alle, und wenn sie nicht gestorben sind, gebären sie mit Lust und singen noch heute.

Der Rahmen passt

Regisseur Andreas Kriegenburg hat dafür, zusammen mit Bühnenbildner Harald B. Thor und Kostümbildnerin Andrea Schraad, einen stimmigen Rahmen gefunden. Mithilfe der großen Hubbühne schafft er die kontrastierenden Welten: Oben ein luftiger Wald von schräg in die Höhe ragenden Säulen, durch den weiß leuchtende Wesen tänzeln. Unten ein beklemmend niedriges Loch, dessen Mobiliar vom Sperrmüll zu stammen scheint, in dem Färber Barak mit seiner Frau und seinen Brüdern wohnt. Weiterlesen: Christof Loys Salzburger „Frau ohne Schatten“

Kriegenburg hält sich einerseits eng ans Libretto. Rollen kehren sich um; die Färberin nähert sich dem Geister-Weiß, die Kaiserin trägt das dreckige Färber-Schwarz - beide Frauen teilen ja das ähnliche Schicksal. Doch statt das Stück zu deuten, lässt Kriegenburg die Handlung lediglich merkwürdige Blasen treiben. Er schickt eine zweite Färberin, eine Frau ohne Stimme, auf die Bühne, schiebt den Kaiser im Rollstuhl und weitere Figuren im Krankenbett herein. Das Ende schließlich gibt er einer bonbonbunten Lächerlichkeit preis. Hinten spielen Kinder mit dem Ball, vorne spielen Kaiser und Kaiserin, Färber und Färberin glückliche Zweisamkeit, eine Mischung aus RTL II-Soap und Fernsehgarten, dass man vor lauter Fremdschämen gar nicht weiß, wie man im Sessel versinken soll.

Das Hamburger Publikum nimmt das jedoch gnädig hin - wenigstens musikalisch kommt es ja auf seine Kosten. Dazu tragen tolle Solisten bei: allen voran Andrzej Dobber als wohltönender Barak und Emily Magee als eine bezaubernd warm und innig klingende Kaiserin. Die Färbersfrau singt Lise Lindstrom mit  kraftvollem Sopran, der sich allerdings auch mit einer gewissen Härte ins Gehör schneidet. Roberto Saccà hat Probleme, sich als Kaiser stimmlich zu behaupten, Bagdan Baciu hingegen ist ein wuchtiger Geisterbote, und von Linda Watson  Amme versteht man zwar kaum ein Wort, aber sie singt mit einer umwerfenden Intensität - das ist doch auch was.


Weitere Aufführungen: 23. und 29. April, 4. und 7. Mai, 18 Uhr. Kartentelefon: 040/356868

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