16.01.2017, 16:11 Uhr

„Dialog mit Friedenswilligen“ Jan Assmann: Totale Religion und Gründe der Gewalt

Kritik an den „totalen Religionen“: Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann macht „puritanische Verschärfung“ von Weltreligionen für Gewalt verantwortlich. Foto: David EbenerKritik an den „totalen Religionen“: Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann macht „puritanische Verschärfung“ von Weltreligionen für Gewalt verantwortlich. Foto: David Ebener

Osnabrück. Monotheistische Religionen enthalten Antriebe für Gewalt. Vorstellungen absoluter Gefolgschaft und apokalyptischer Erwartungen können zur „totalen Religion“ führen. Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann erkennt darin einen Antrieb des Terrorismus. Assmann fordert deshalb den Dialog mit gemäßigten Dialogpartnern in der islamischen Welt. Assmann war bis 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Mit Büchern zu Mozarts „Zauberflöte“ und seinen Thesen zu Religion und Gewalt erreicht er eine breite Öffentlichkeit.

Terroristische Gewalt wird oft mit religiösen Begründungen versehen. Gibt es einen notwendigen Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt?

Nein. Es werden immer wieder Verbindungen hergestellt. Ich unterscheide zwischen religiös motivierter und religiös legitimierter Gewalt. Im zweiten Fall übt man Gewalt aus und legitimiert dies unter Berufung auf heilige Texte. Damit kann man natürlich alles machen. Bibel oder Koran sind reich an Textstellen, mit denen sich Gewalt legitimieren lässt. Das gilt auch für den Terror. Hier weiterlesen: Wie war die „Zauberflöte“ am Theater Osnabrück?

Die Weltreligionen formulieren eine übereinstimmende Botschaft der Menschenliebe. Warum gehen Religion und Gewalt heute trotzdem oft zusammen?

Das Friedensgebot der Religionen gilt nach innen. Der Grundgedanke der Weltreligionen ist der Bund, ist die Offenbarung Gottes. Gott schließt den Bund mit denen, die an ihn glauben. Und er gibt die Regeln dafür vor, in diesem Bund verbleiben zu können. Das ist das Grundmodell von Christentum, Judentum und Islam. Das Christentum hat dieses Konzept vom Judentum übernommen und ausgeweitet, weil es die ethnische Bindung aufgegeben hat. Der Islam hat dieses Konzept darüber hinaus politisch angewendet. Wichtig ist auch die Idee der Offenbarung. Der Frieden ist eine Befriedung nach innen. Auch Gewalt ist zunächst immer nach innen gerichtet. Sie gilt den Abtrünnigen und Verrätern in den eigenen Reihen. Um das Goldene Kalb tanzen nicht die Heiden, sondern die eigenen Leute. Die Gewalt nach innen wird um der Treue zum Glauben willen ausgeübt. So gibt es Leute, die glauben, mit Gewalt vorgehen zu müssen, um ihre Treue zu dokumentieren. Das ist die schlimmste Form der Gewalt. Entsprechend fallen dieser Gewalt heute ja viel mehr Muslime als sogenannte Ungläubige zum Opfer. Hier weiterlesen: Birga Ipsen hat Lessings Freimaurerdialoge „Ernst und Falk“ inszeniert.

Sie analysieren das Konzept der totalen Religion. Was meinen Sie damit?

Dabei wende ich die politische Theorie von Carl Schmitt auf die Religion an. Schmitt hat in seinem Buch „Der Begriff des Religiösen“ von 1928 das Ideal des totalen Staates und des absoluten Primates der Politik über alle anderen Lebensbereiche entworfen. Schmitt differenziert die menschliche Kultur in unterschiedliche Sphären wie Wirtschaft oder Recht. Diese Sphären sind über leitende Entscheidungen definiert. Schmitt stellt die Politik, die er über die Unterscheidung von Freund und Feind definiert, über alle anderen Sphären. Das begründet er mit seiner Vorstellung des Ernstfalls als Krieg. Wenn man dieses Modell mit der Leitunterscheidung Glauben und Unglauben auf die Religion anwendet und die Religion so wie Carl Schmitt die Politik über alle anderen Lebensbereiche stellt, dann gelangt man zu einem Modell der totalen Religion. Die Unterscheidung von Glauben und Unglauben hängt mit der Offenbarung zusammen. Die neuen Lebensregeln beruhen nicht auf Erfahrung, der Ordnung des Gegebenen, wie in den „heidnischen“ Religionen, sondern kommen von außen und fordern Glauben. In der Situation des Ernstfalls kommt es dann oft zu einer Verschärfung, wie sie Carl Schmitt für das Politische beschreibt. Im Alten Testament war der Zorn Gottes der Ernstfall, im Christentum und Islam ist es das Weltgericht, die Apokalypse. Im Zeichen dieses Ernstfalls gilt es, sich zu entscheiden und den Unglauben auszurotten, auch in sich. Im Koran gibt es praktisch keine Sure, in der nicht das Weltgericht vorkommt. Der radikale Islamismus spitzt diese Konstellation zu. Hier weiterlesen: Lessings „Ernst und Falk“ im Osnabrücker Logenhaus.

Sie sagen, dass monotheistische Religionen nicht per se gewalttätig sind. Warum wird Gewalt heute oft religiös legitimiert?

Islamische Puritaner, wie die Wahhabiten, gehen davon aus, dass das Weltgericht ständig im Raum steht, und man strenggläubig leben muss. Man muss zwischen dem normalen Islam und dem terroristischen Islam unterscheiden. Auch die strenggläubigen Moslems in Saudi-Arabien etwa sind ja nicht per se Terroristen. Der Terrorismus, wie etwa Al Kaida, kommt aus dem Wahhabismus, hat sich aber so verselbstständigt, dass sich auch Saudi-Arabien davon bedroht fühlt. Der normale Islam, wie er in Saudi-Arabien praktiziert wird, schlägt allem ins Gesicht, was wir uns unter Menschenrechten vorstellen. Das ist religiös motivierte Gewalt. Es gibt aber auch den christlichen Fundamentalismus wie die Evangelikalen oder die Pfingstler. Auch die leben im Glauben an ein bevorstehendes Weltgericht, stehen unter dem Eindruck eines bevorstehenden Weltgerichts und entsprechendem Entscheidungsdruck. Was aber heißt das Weltgericht? Die Zukunft ist im Zeichen des Klimawandels und anderer Bedrohungen bedrohlich genug. Das Problem totaler Religion hängt immer mit einer falsch verstandenen Apokalyptik zusammen. Wir haben auch im Amerika unter den Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush gesehen, wie leicht solche Denkformen in Politik umschlagen können. Hier weiterlesen: Der Aufklärer Mozart - ein Genie in Stichwörtern.

Bedarf es der Verbindung von religiösen Motiven mit sozialen Konflikten, damit diese Lage so eskaliert?

Ja, sicher. Die Muslimbrüder zum Beispiel sind aus einer sozialen Bewegung hervorgegangen. Bei allem Schlimmen, was sie sonst vertreten, muss man ja auch anerkennen, dass sie sich sozial engagieren. Sie kümmern sich. Das muss man selbst dem Islamischen Staat bescheinigen.

Gerade in Zeiten des Terrorismus stellt sich die Frage, wie man mit religiös motivierter Gewalt umgeht. Wie lässt sich totale Religion eingrenzen?

Ich kann mich nicht in die Seele eines Terroristen hineindenken. Das ist mir denkbar fremd. Ich trage die ideengeschichtliche Analyse bei. Wir müssen schauen, was das für Ideen sind, die in Köpfen dieser Leute herum spuken und woher sie kommen. Mein Gedanke ist, dass diese Ideen aus den Bundesreligionen und aus ihren Vorstellungen der Offenbarung kommen. Das Christentum hat die Ideen der Erlösung und der Befreiung in das Zentrum gestellt. In diesem Zusammenhang spielt auch die Vorstellung des Gotteszorns eine große Rolle. Der Islam baut auch auf dem Alten Testament auf und hat deshalb an dem gleichen Vorstellungskomplex teil. Die Prominenz des Themas Apokalypse empfinde ich als ausgesprochen unheilvoll, wie auch in der politischen Theorie von Carl Schmitt. Er will das Weltenende zwar nicht herbei bomben, sondern im Gegenteil aufhalten, denkt aber auch in diesen Kategorien. Ich verabscheue diese Ideenwelt. Mein Beitrag besteht darin, diese Vorstellungen zu dekonstruieren, aus ihnen gleichsam die Luft herauszulassen. Hier weiterlesen: Starke Konzepte der Toleranz - der Philosoph Heiner Hastedt im Interview.

Wir sind in Zeiten des Terrorismus mit totaler Religion konfrontiert. Was hilft dagegen – Härte oder Toleranz?

Wir brauchen das Bündnis mit Gleichgesinnten auf der anderen Seite. Es gibt genug Muslime, die unter dem Terrorismus und der puritanischen Verschärfung des Islam leiden. Es gibt Aufklärung im Islam und Hoffnung auf den Westen. Wir sollten also nicht so dumm sein, auf jenen Islam hereinzufallen, der uns einschüchtern will. Wir müssen Bundesgenossen finden und stärken, sowohl ideell wie finanziell. Schaffen wir uns in der islamischen Welt Freunde. Wir dürfen diese Welt nicht als Ganze verteufeln. Praktizieren wir den Frieden, indem wir uns mit Friedenswilligen zusammentun. Hier weiterlesen: Grenze der Toleranz - das neue Buch von Michael Schmidt-Salomon .

Wir erleben heute Konfliktlagen wieder, die uns an Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts erinnern. Nützt es uns, wenn wir uns der Aufklärung und ihrer Lösungen neu versichern?

Das 18. Jahrhundert war aus der Erfahrung der Religionskriege zu einer universalistischen Perspektive gelangt. Dagegen standen Phänomene wie Kolonialismus und Sklaverei. Allerdings gab es schon Zeitgenossen, die dagegen Widerspruch erhoben. Die universalistischen Perspektiven jener Zeit haben wir nach ganz anderen Erfahrungen wie dem Holocaust umgesetzt. Nach dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts steht uns das Zeitalter heute in wesentlichen Punkten wieder näher. Das 18. Jahrhundert hatte es mit Zensur, Absolutismus und religiöser Orthodoxie zu tun. Lessing hat dagegen sein Drama „Nathan der Weise“ geschrieben, Mozart und Schikaneder setzten „Die Zauberflöte“ dagegen. Geheimgesellschaften wie Freimaurerlogen reagierten auf diesen Druck und schufen Freiräume der Aufklärung. Die „Zauberflöte“ verherrlicht diesen Freiraum und reformiert ihn zugleich. In der Oper wird mit Pamina auch die Frau eingeweiht, der Männerbund insofern überwunden. Die Idee der bürgerlichen Freiheit, der Zivilgesellschaft, wie sie in den Logen eingeübt wurde, bildet unseren Rahmen. Allerdings erleben wir, wie dieser Rahmen heute gefährdet wird. In Ländern wie Polen, Ungarn, der Türkei oder Russland ist die Zivilgesellschaft unter starkem Druck. Für Zivilgesellschaft müssen wir wieder kämpfen.


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