14.01.2017, 18:01 Uhr

Oratorium „Arche“ uraufgeführt Philharmoniker ziehen in die Elbphilharmonie ein


Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano ist am Freitagabend in die Elbphilharmonie eingezogen. Jörg Widmann hat ihnen dafür ein brillantes und humorvolles Oratorium geschrieben.

Als die Liebe ins Spiel kommt, treten die Kinder ab. „…die macht jetzt lieber ihr mal“, sagt Baris Özden und geht zusammen mit Joanna Plathe von der Bühne. Die beiden haben die Erschaffung der Welt moderiert und den Untergang in der Sintflut. Jetzt sollen die Erwachsenen selbst mal sehen. Außerdem: Gestritten wird, wenn die Kinder im Bett sind.

Lasst Elphi jetzt arbeiten!

„Liebe“ ist der dritte und zentrale Satz in „Arche“, dem anderthalbstündigen Oratorium, mit dem das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und dessen Chefdirigenten Kent Nagano in die Elbphilharmonie einziehen. Jörg Widman hat das Werk komponiert; man kennt sich aus gemeinsamen Münchner Tagen. Natürlich spielt Widmann auf den schwierigen Schöpfungsprozess und Tage des Zorns am Kaispeicher A an. Zeit, dass Friede einkehrt und „Elphi“ ihre Arbeit aufnehmen und in die Zukunft denken kann.

Zwischen Schöpfungsgeschichte und katholische Totenmesse schiebt Widmann Texte von Klabund und Heine, von Nietzsche, Sloterdijk, Schiller - und viel Humor. Musikalisch zieht er dazu die Register, die einem Komponisten heute so zur Verfügung stehen, vom luftleeren Zischen bis zum tobenden Klanggewitter. Gleichzeitig bedient er sich nonchalant bei der Musikgeschichte - die kühnen Architekturträume von Herzog & de Meuron gründen ja auch auf dem historischen Kaispeicher.

Größer geht kaum

Widmann darf dafür eine gigantischen Apparat nutzen: ein riesiges Orchester, zwei Klaviere, jede Menge Schlagwerk, die Orgel mit der Hausorganistin Iveta Apkalna. Die Publikumsränge hinter dem Orchester teilen sich der Chor der Staatsoper Hamburg, einstudiert von Eberhard Friedrich, und die Audi Jugendchorakademie, die Martin Steidler vorbereitet hat. Ein Kinderchor ist ebenfalls dabei: die Hamburger Alsterspatzen, vorbereitet von Jürgen Luhn. Ein Knabensopran von der Chorakademie Dortmund sowie Sopranistin Marlis Petersen und Bariton Thomas E. Bauer vervollständigen das Line-Up — Gustav Mahlers achte Sinfonie verlangt kaum größeren Aufwand.

Gerade mit den Chören geht Widmann äußerst liebevoll um: Den „Menschen“, dieses neue Geschöpf, hüllt er in filigrane Cluster, und wenig später modelliert er einen Bachchoral sanft in Richtung Moderne. Noch feiner klingt das wortwörtlich übernommene „Der Mond ist aufgegangen“: Der Saal transportiert ja nun mal feinsten Nuancen. Und er wird in Gänze genutzt. Weiterlesen: Die Eröffnung der Elbphilharmonie

So gurrt und lockt Sopranistin Marlis Petersen von einem der oberen Zuschauerränge als Taube in der Sintflut und steigt dann Stufe für Stufe mit feinen, wie improvisiert geträllerte Koloraturen die Treppe zur Bühne herab und leitet so über zum dritten Satz „Liebe“. Hier spielen Petersen und Bauer das Drama vom zärtlichen Beginn bis zum Mord aus Eifersucht durch, inklusive einer wundersamen Auferstehung. Petersen schmeichelt dabei mit feinsilbrig klarem Sopran; sie höhnt und leidet voller Energie und voller Emotion. Und Bauer klingt mal derb wie Baron Ochs, fühlt sich sensibel in Schuberts melancholische Kunstlied-Welt ein, gibt den Operettenclown. Die Musik dazu reicht vom derben Walzer und Weill’scher Groteske über Donaueschinger Klangchaos bis zum Operettenschmelz in bester Lehár-Tradition - auf dem Höhepunkt schunkelt der Chor einhellig im Dreivierteltakt.

Der Liebe folgt das „Dies irae“, und da geht die Reise von „Carmina Burana“, über Mozarts „Lacrimosa“ zu Beethovens Chorfantasie c-Moll op. 80. Die Welt retten aber die Kinder. Sie flehen mit ihrem „Dona nobis pacem“ allerdings nicht zu Gott, sondern formulieren einen Auftrag an jeden Einzelnen.

Mit Energie und Umsicht hält Kent Nagano den riesigen Apparat zusammen. Er gibt Orientierung, hilft Chor, Solisten, Kindern und seinem Orchester, Jörg Widmanns vielschichtiges Werk in seiner Tiefe und in seinem Humor umzusetzen - und es beschleicht einen das Gefühl, dass sich „Arche“ ganz gut für die Eröffnung der Elbphilharmonie geeignet hätte. Das Publikum applaudierte auf jeden Fall eine Viertelstunde lang begeistert - wann gibt es das schon mal bei einer Uraufführung?


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