13.01.2017, 17:01 Uhr

Europäisches Entdeckerfestival Eurosonic Noorderslag: Hier treffen sich Fans und Experten


Groningen. Einmal im Jahr wird die niederländische Stadt Groningen zur Musikmetropole: während des Eurosonic Noorderslag Festivals. In 25 Locations treten an vier Tagen mehr als 300 Live-Acts auf, die in Europa als das „nächste große Ding“ entdeckt werden wollen.

Man muss schon aufpassen, dass man als Fußgänger nicht von einem „Fiets“ umgefahren wird. Groningen ist eine der fahrradfreundlichsten Städte Europas und obwohl das Wetter jetzt ungemütlich ist, der Wind kalt und Regenschauer in Schnee übergehen, sind besonders viele Fahrradfahrer unterwegs. Die meisten sind junge Leute im Musik-Entdeckungs-Modus, denn einmal im Jahr wird Groningen zum Schauplatz eines einzigartigen Festivals: dem Eurosonic Noorderslag. An vier Tagen treten mehr als 300 noch unbekannte Live-Acts aus ganz Europa in 25 Locations auf, die über die gesamte Innenstadt verteilt sind.

Überall sieht man Menschen in Schlangen vor den kleinen Häusern mit Backsteinfassade und bunten Leuchtreklamen stehen, die eine bestimmte Band sehen wollen. Vom Kleinen Café über zweckentfremdete Restaurants bis zur großen Mehrzweckhalle: Während des Festivals stehen in der 200000-Einwohner-Stadt alle Zeichen auf Rock und Pop live.

Es sind nicht nur die jungen Leute aus der Region, die hier etwas Besonderes geboten bekommen. Während ihrer 30-jährigen Geschichte hat sich die Veranstaltung zu dem wichtigsten Newcomer-Event Europas gemausert. Daher wimmelt es während der vier Tage in der Stadt nur so von Scouts, die man an den großen, eingeschweißten Ausweisen erkennt, die sie um den Hals hängen haben, damit man ihnen überall Einlass gewährt. Es sind Veranstalterbüros und Konzertagenturen, die ihre Leute zum Eurosonic schicken, um das „Next Big Thing“ zu entdecken. So wurde Groningen für Künstler und Bands wie Bastille, James Blake, Hozier und Milky Chance zur Startplattform für eine große Karriere.

Schauplatz Huize Maas am Fischmarkt mitten in der Innenstadt: Auf der Bühne des kleinen Cafés steht eine Frau im Glitzermini auf der Bühne und fordert das Publikum auf, mit ihr zu tanzen.

Es ist Vera Jonas aus Ungarn, die mit ihrer Band eine mitreißende Mischung aus Rock und Pop zelebriert. Kaum hat sie ihr Set beendet, startet ein schüchtern aussehender Sänger aus Schweden sein Konzert im hinten liegenden großen Saal: Albin Lee Meldau besticht mit souliger Stimme und gefühlvollen Bandarrangements. Aus Dänemark, Italien, Deutschland und sogar aus Portugal, dem diesjährigen Länderschwerpunkt, kommen andere Musiker, die an diesem Abend im Huize Maas auftreten.

Kein Wunder, dass die „Initiative Musik“, die zentrale Fördereinrichtung für die deutsche Musikwirtschaft, sich in Groningen einklinkt: „Da bei solchen Festivals kaum Honorare gezahlt werden, schließen wir mit unserer Kurztourförderung bestehende Finanzierungslücken“, sagt Jens Michow, Vorstandsmitglied der Initiative. So können es sich Bands wie das deutsch-italienische Projekt Fil Bo Riva leisten, an dem Event teilzunehmen, das ihnen viele Kontakte beschert und potentiell viele Auftrittsangebote.

Aber es sind auch viele europäische Medien beim Eurosonic präsent, die als Multiplikatoren für die Bands wichtig sind. „Seit 2004 sind wir regelmäßig mit dem WDR-Rockpalast vor Ort, um Konzerte aufzuzeichnen“, sagt WDR-Redakteur Peter Sommer. Er ist von der europäischen Dimension des Festivals begeistert. Weil der WDR Mitglied der EBU ist, der European Broadcast Union, nimmt er an einer speziellen Eurosonic-Kooperation teil: Vor den wichtigsten Auftrittorten sieht man Übertragungswagen von angeschlossenen Rundfunkstationen, die sich gegenseitig das Equipment für Radiosendungen zur Verfügung stellen. Zusätzlich hat der WDR diverse Kamerateams, die ausgewählte Konzerte und Interviews auch mit Bild aufzeichnen. So erklärt Joolz Holland, legendärer britischer Musiker und Fernsehmoderator, im Interview mit Rockpalast-Mitarbeiter Manuel Unger, dass das Eurosonic maßgeblich dazu beigetragen habe, dass die Dominanz amerikanischer und britischer Bands auf dem europäischen Markt, wie sie vor zwanzig Jahren noch geherrscht habe, zurückgedrängt worden sei. Und während eines Besuchs im Groninger Stadtarchiv entdeckt Unger eine Videoaufnahme aus den Anfangszeiten des Festivals, als dort eine Band namens Nirvana vor 50 Zuschauern auftrat, weil sie noch niemand wirklich kannte.

Jetzt leert sich der Saal vor der Hauptbühne des Huize Mass ein wenig. Merkwürdig, denn gerade war der Club beim Konzert von Winter Palace aus Dänemark noch rappelvoll. Aber so ist es beim Eurosonic: Während das Groninger Publikum sich von den Bands begeistern lässt, sind die Scouts und Medienleute schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auftrittsort. Ihnen genügen die ersten drei Songs, um einschätzen zu können, ob eine Band interessant ist oder nicht…


Konzertausschnitte und interviews vom Eurosionic Noorderslag Festival jetzt unter hier . Ausführliche Mitschnitte am 13. und 20. Februar ab 0.15 Uhr im WDR Fernsehen.

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