30.11.2016, 17:28 Uhr

Sully for President! Was hat Eastwoods „Sully“ mit Trump zu tun?


Berlin. Heldengeschichte als politische Wunschfantasie: Clint Eastwood und Tom Hanks schildern in „Sully“ die Notwasserung vom Hudson. Und idealisieren den Piloten als Führungsgenie, das dem korrupten System die Stirn bietet.

Am 15. Januar 2009 gelingt es dem Piloten Chesley „Sully“ Sullenberger, seinen havarierten Airbus auf dem Hudson notzuwassern. 155 Menschen an Bord verdanken ihr Leben seinem Augenmaß und Pflichtbewusstsein: Am Ende der Evakuierung schreitet er zweimal durch die geflutete Maschine, um wirklich als Letzter von Bord zu gehen. Seitdem wurde Sullenberger mit einem Koffer voller Orden behängt. Natürlich stimmt man auch selbst gern in den Jubel über den besonnenen Piloten ein – in der Betroffenheit über den aktuellen Absturz bei Medellin besonders. Wo aber liegt in der Geschichte des untadeligen Pflichtmenschen der Konflikt, den ein Kinofilm braucht?

Allein gegen das korrupte System

Clint Eastwood findet ihm im Kampf des Einzelnen gegen den Apparat. Denn während Sullenberger in den Medien als Held vom Hudson gefeiert wird, muss er sich vor einem Untersuchungsausschuss rechtfertigen. Hätte der nach einem Vogelschlag beschädigte Airbus womöglich auch noch sicher auf den Flughafen zurückkehren können? Bei nüchternem Verstand erscheint es sinnvoll, das wenigstens zu überprüfen. In Eastwoods Empörungsdramaturgie wird die Kommission allerdings zum Rufmordkommando selbstsüchtiger Bürokraten, die die Kosten für den Verlust der Maschine abwälzen wollen. Schon die Sprache entlarvt sie, wenn sie vom Absturz statt von einer Notwasserung sprechen. Falsche Daten aus dem Cockpit gaukeln dann auch noch zu Unrecht die Funktionsfähigkeit eines in Wahrheit zerstörten Triebwerks vor. Und Computersimulationen, in denen der Rückflug nach LaGuardia glückt, gelingen nur, weil die Software Schrecksekunden, Fehleranalyse und die Towerkommunikation aus dem Zeitplan rausrechnet. Tests unter realistischeren Bedingungen führen später zu Katastrophenbildern, in denen der Havarist in New Yorks Wolkenkratzer stürzt.

Parteiische Sympathielenkung in „Sully“

Immer wieder spielt „Sully“ das menschliche Augenmaß gegen die blinden Automatismen der Sicherheitstechnik aus; und schon hier möchte man Eastwoods Hang zur Vereindeutigung und seiner parteiischen Sympathielenkung widersprechen. Es sind genug Flug- und Bahnunglücke in Erinnerung, bei denen der menschliche Faktor zur Katastrophe führte. Dass man „Sully“ mit so unbehaglichen Gefühlen verlässt, hat aber einen anderen Grund: In einem ohnehin vergifteten politischen Klima spielt Eastwoods Heiligengeschichte lustvoll mit dem Klischee des korrupten Systems: Tom Hanks bescheidener Lebensretter ist ein Überzeugungstäter im Kampf gegen verkommene Eliten.

Und mit dieser Lesart bedient der Film leider die Denkmuster, die eben erst eine ganz andere Katastrophe begünstigt haben: den Ausgang der US-Wahl. In einem viel diskutierten Interview hatte Eastwood Donald Trump noch im Wahlkampf als kleineres Übel geschildert. Sein Wunschpräsident, sagte er im selben Gespräch, wäre Sullenberger – das integre Führungstalent, das dem Apparat die Stirn bietet hat. Das Schlussbild von „Sully“ vollzieht diese Inthronisierung und stellt den realen Sullenberger in präsidialer Geste mit seinen Überlebenden unter eine US-Flagge. Wirklichkeit wird Eastwoods Wunschbild wohl nicht. Den Vorschlag, für die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzuziehen, hat Sullenberger 2009 abgelehnt.

„Sully“. USA 2016. R: Clint Eastwood. D: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney. 96. Minuten. Ab 12 Jahren.




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