26.11.2016, 23:45 Uhr

Gelungene Operettenpremiere Das hat Rass‘: „Lustige Witwe“ am Theater Osnabrück


So geht Operette: Regisseurin Andrea Schwalbach und Dirigent Daniel Inbal nehmen die „Lustige Witwe“ von Franz Lehár ernst und bringen die Operette mit Lust und Liebe auf die Bühne.

Eine bunte Truppe aus der Provinz schleicht durch schäbige Pariser Gassen. Man landet vor einem Bretterverschlag: die wenig repräsentativen Pforte zur Wohnung einer pontevedrinischen Adeligen-WG. Plötzlich stehen sie sich mit offenen Mündern gegenüber: Die Damen und Herren aus der Provinz und die jungen Männer von Stand, die sich schon – oder immer noch – in Pyjama und Morgenrock einen letzten – oder ersten – Cognac gönnen.

Derartig präzise Pointen setzt Regisseurin Andrea Schwalbach in ihrer „Lustigen Witwe“ etliche. Sie erzählt das Stück am Theater Osnabrück mit Sinn für überdrehte Komik, ohne die Geschichte oder gar die Figuren aus dem Blick zu verlieren. Weiterlesen: Andrea Schwalbach und Daniel Inbal sprechen über „Die lustige Witwe“

Starke Charaktere, überdrehte Handlung

Der Ausgangspunkt ist operettentypisch: Grad Danilo soll die reiche Witwe Hanna Glawari heiraten, damit deren Vermögen im Land bleibt. Doch dem Glück steht eine gemeinsame unschöne Vergangenheit entgegen. Starke Charaktere haben Lehár und seine Textdichter Victor Léon und Leo Stein mit den beiden geschaffen, Figuren, die alle operettenhaften Überdrehtheiten auslösen, aber einen eigenen Kosmos bilden.

Jan Friedrich Eggert kehrt die nihilistische Seite des Grafen Danilo heraus, der sich nicht für seine Arbeit als Diplomat interessiert und schon gar nicht für eine feste Bindung, sondern allenfalls für die unverbindlichen Vergnügen bei Maxim. Im kraftvollen Bariton manifestiert sich Leidenschaft, aber auch Sarkasmus, der dem Herren innewohnt – da geht kein Johannes Hesters mit locker geschlungen Seidenschal champagnerselig „zu Maxim“, sondern Danilo steht in Unterhosen da und kämpft gegen den Cognac-Kater an. Und wenn er sich später in seinem Lied von den Königskindern als hoffnungslos verliebt in Hanna outet, äußert sich die Frustration nicht leise, sondern markig und mit geballter Faust in der Tasche. Schriller Spaß in der letzten Spielzeit: „Clivia“

Starke Darstellerin, starke Sängering: Susann Vent-Wunderlich

Ähnlich deutlich gestaltet Susann Vent-Wunderlich die Hanna Glawari. Ob im knallblauen Ballkleid, im Frack oder im schwarz-weiß gestreiften Rock (Kostüme: Nora Johanna Gromer): Diese Frau weiß, wer sie ist, was sie ist, was sie will und ist sämtlichen Männern haushoch überlegen. In Vent-Wunderlichs dramatisch fülligen Sopran nimmt die Vielschichtigkeit der Glawari klingend Gestalt an, von Traurigkeit bis zur Wut, von Ironie bis zu Grandezza, mit Feuer im rasanten „Das hat Rass’“-Marschlied, innig im emotionsgeladenen Vilja-Lied.

Draußen vor der Tür steht Hanna während dieser Reminiszenz an die Vergangenheit, während der Chor im Guckkasten auf der Bühne sitzt und lauscht (Bühne: Nanette Zimmermann). Der Kontrast folgt, wenn Valencienne (voller Spielfreude und mit leuchtendem Sopran: Erika Simons) und Camille (ein kerniger Tenor: Daniel Wagner) im Pavillon übereinander herfallen und ihr Verhältnis fast auffliegt. Da steht Camille an der Seite, während neben ihm ein brillant wie ein Comic in Szene gesetztes Chaos seinen Lauf nimmt.

Diese Liebe zum Detail kommt allen Figuren zugute. Mark Hamman darf als Baron Zeta seinen Tenor und sein komödiantisches Talent zur Geltung bringen, Genadijus Bergorulko ist als Njegus mal serviler Diener, mal gallische Tunte mit Pumps und Trikoloren-Hahnenschweif. Der Chor singt nicht nur gut dank Markus Lafleurs Vorbereitung, er ist sowohl über etliche Solisten und als Kollektiv ein wichtiger Teil des Geschehens. Nikola Pancic, Geiger im Osnabrücker Orchester, und Korrepetitor Fabian Liesenfeld mimen brave Hausmusiker; besonders liebevoll hat Choreograf Kyle Patrick aber mit sechs Studierenden des Instituts für Musik gearbeitet: Sie erscheinen wie Puppen aus einem Tim-Burton-Film, dann als Matrjoschka-Puppen und als Grisetten. Nach getaner Arbeit sinken sie wieder in sich zusammen – wie Nachfahren jener Olympia, die Jacques Offenbach ein paar Jahrzehnte vor Lehár in Paris auf die Bühne brachte.

In Schwung kommt die Operette aber natürlich durch die Musik, die Daniel Inbal mithilfe des gut gelaunten Osnabrücker Symphonieorchesters zum Brodeln bringt. Schon im Vorfeld hat Inbal geforscht und dem Camille Daniel Wagners eine zusätzliche Arie ausgegraben. Am Pult setzt Inbal das turbulente Spiel in Gang, sorgt für schlanke und drahtige Eleganz, für Operettenschmiss und quirliges Leben. Aber auch die ernsten Momente arbeitet er schön heraus, allen voran der in genialer Traurigkeit schwebende Walzer „Lippen schweigen“. So macht Operette Spaß.


Weitere Vorstellungen: 30.11., 3., 6., 9.12. Kartentelefon: 0541/7600076 oder www.theater-osnabrueck.de

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