25.11.2016, 14:26 Uhr

Letzes Buch „Wer wir waren“ Roger Willemsen: Traum vom Leben ohne Smartphone

Ein letzter Blick zurück: Roger Willemsen hat mit „Wer wir waren“ einen letzten Text hinterlassen. Foto: dpaEin letzter Blick zurück: Roger Willemsen hat mit „Wer wir waren“ einen letzten Text hinterlassen. Foto: dpa

Osnabrück. In seinem letzten Text diagnostiziert Roger Willemsen den Abschied vom Ich. Und träumt von einem Leben ohne Smartphone. „Wer wir waren“ ist eine brillante Zeitdiagnose.

Die Utopie schmilzt weg. Visionen hat niemand mehr. Das Ich zerfasert zu einer flüchtigen Existenz im Zeichen des Second Screen. Wie hält man eine solche Gegenwart aus? Vielleicht indem man über sie im Modus der Vergangenheit schreibt. „Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat“: Roger Willemsen wirft in seinem letzten Text einen Blick auf jene Zeit zurück, die mit dem Auftauchen des Smartphones die Qualität eines Epochenbruches gewinnt. Mit „Wer wir waren“ gibt Willemsen uns die Chance, die Dramatik dieser Zeitenwende zu erkennen. Hier weiterlesen: Roger Willemsen - sechs Fakten zum Autor im Video .

Willemsen stellt das Schreiben ein

Eigentlich sollte „Wer wir waren“ ein ausgewachsenes Buch werden. Als Roger Willemsen von der Krebserkrankung erfährt, an der er am 7. Februar 2016 sterben wird, stellt er das Schreiben an dieser großen Zeitdiagnose jedoch ein. Es bleibt eine knappe Rede, mit der Willemsen seine Gedanken 2015 erprobt. Und es bleibt jene Position melancholisch eingefärbter Überschau, die mit der Fiktion des Rückblickes auf den Beginn der digitalen Zeitrechnung eingenommen werden kann. Willemsen schreibt weder Dystopie noch das nächste „Empört Euch!“. Er verbietet sich jedes kulturkritische Lamento. Hier weiterlesen: Der Abschied von Roger Willemsen.

Der Abschied vom Ich

Willemsen analysiert stattdessen geistesklar und lakonisch den Abschied vom Ich jener Prägung, wie sie das große Projekt der Aufklärung einst konturiert hatte. Kritikfähig und selbststeuernd sollte dieses Ich sein, sein Leben als Projekt verstehen, sich formen, bilden und verwirklichen. Davon ist in Willemsens Sicht nichts geblieben. Analog zu Byung-Chul Hans Diagnose der „Müdigkeitsgesellschaft“ erkennt Willemsen in seinen Zeitgenossen lauter Abgekämpfte, die sich im Überholungsstress der digitalen Medienwelt selbst verloren haben. Die Erfindung des Mobiltelefons hat nicht einfach ein neues Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Das Smartphone hat das Bewusstsein der Menschen neu formatiert. Hier weiterlesen: Roger Willemsen hat kein Handy.

Im Modus schwebender Intelligenz

Roger Willemsen formuliert auch in seinem letzten Text gewohnt leicht, im Modus schwebender Intelligenz. Aber seine Diagnose fällt rabenschwarz aus. In der Welt der Apps und Selfies hat der Mensch verloren, was ihn zum Ich macht - die Konsistenz seiner Persönlichkeit. Die Frage nach Aufklärung und Kultur kann nach Willemsen nicht mehr sinnvoll gestellt werden, wenn nicht bedacht wird, wie Bewusstsein in der Digitalwelt überhaupt noch entsteht. Das souveräne Ich gibt es in dieser Sicht nicht mehr. Unter dem Druck permanenter Echtzeit hat sich der Mensch für Willemsen aus seiner Gegenwart verabschiedet. Hier weiterlesen: Wie Roger Willemsen den Bundestag gesehen hat .

Die Aufmerksamkeit trainieren

Was bleibt? Roger Willemsen hat uns keine Rezepte hinterlassen. Er deutet nur Handlungsoptionen an. Die liegen in einem Training der Aufmerksamkeit. Und in einem Leben ohne Smartphone. Willemsen träumte seinen Traum vom „kompletten Menschen“. Bis zuletzt.


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