19.11.2016, 06:00 Uhr

Starker Trend in der Kunst Kunststars im Gespann: Kunstmuseen setzen auf Konflikt


Osnabrück. Große Künstler im Gespann: Immer mehr Kunstmuseen kreieren so packende Ausstellungsideen mit Zugkraft für das breite Publikum. Aber was sagt dieser Trend? Eine Analyse.

Mit Edgar Degas und Auguste Rodin schickt das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum gerade zwei „Giganten der Moderne“ in ein imaginäres Wettrennen. In Frankfurt spannt die Ausstellungshalle Schirn mit Alberto Giacometti und Bruce Nauman zwei Bildhauer von radikaler Energie in einer Ausstellung zusammen. Zufälle? Nein, durchaus nicht. Große Künstler im Gespann: Seit einigen Jahren ist dieses Konzept in führenden Museen zur Mode avanciert. Kein Wunder. Im hochtourigen Ausstellungsbetrieb suchen Kuratoren nach immer neuen Modellen, um die Spannung bei einem verwöhnten Publikum hochzuhalten und alte Muster hinter sich zu lassen. Auch Leihgeber wollen frische Themenkonzepte sehen. Sonst sagen sie ihre kostbaren Exponate nicht zu. Hier weiterlesen: Riese der Skulptur - Henry Moore in Münster .

Mehr als die klassische Retrospektive

„Es wird immer schwieriger, große Retrospektiven zu machen, die auch sinnvoll sind“, sagt Esther Schlicht, Ausstellungsleiterin an der Frankfurter Schirn, die für „Giacometti - Nauman“ (bis 22. Januar 2017) verantwortlich zeichnet. Gerade über den Schweizer Alberto Giacometti (1901-1966) habe es schon viele Überblicksausstellungen gegeben. Wenn nun der Jahrhundertbildhauer mit dem amerikanischen Bildhauer und Installationskünstler Bruce Nauman (geb. 1941) konfrontiert werde, gehe es darum, ein „entdeckendes Prinzip“ zur Philosophie der Ausstellungsgestaltung zu machen. Das zunehmend immer besser informierte Kunstpublikum sei mit großen Namen allein nicht mehr zu locken. Hier weiterlesen: Trump und Pegida - was uns alte Meister über Affekte und Populisten lehren.

Showdown der Giganten?

Werden Ausstellungen aber so zu Zweikämpfen von Großkünstlern, zu Showdowns der Kunstgiganten? Von „Boxkämpfen“ spricht jedenfalls Markus Müller, Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster. Das Konzept verspreche auf jeden Fall „gedoppeltes Marketing“, das sich aus zwei prominenten Namen und dem Modell der Konfrontation speisen ließe. Zeitgenossen würden unter dem Blickwinkel der gegenseitigen Beeinflussung kombiniert, Maler oder Bildhauer aus verschiedenen Epochen im Hinblick auf künstlerische Nachfolge. „Dahinter steht das Denken in binären Paaren“, sagt Müller. Die Lust an der strikten Alternative, die bis zum gegenseitigen Ausschluss gehen kann - liegt darin der Reiz des Formats? Hier weiterlesen: Bilder aus einer Krisenzeit - die Kunst des Hieronymus Bosch.

Was verbindet Rodin mit Joseph Beuys?

Das Modell ist jedenfalls seit einigen Jahren en vogue. Amsterdam feierte den 400. Geburtstag des Malergenies Rembrandt 2006 mit einer Ausstellung, die den niederländischen Meister der weltberühmten „Nachtwache“ mit dem italienischen Barockmaler Caravaggio („Medusa“) wie mit dem Antipoden im Wettkampf zweier großer Bildregisseure konfrontierte. Zuvor hatte bereits das J. Paul Getty Museum in Los Angeles mit Werken des französischen Fotopioniers Nadar (1820-1910) und des Pop Art-Königs Andy Warhol (1928-1987) eine spannungsreiche Zeitachse zum Verhältnis von Kunst und modernen Medien aufgezogen. Und wie passen Bildhauerfürst Auguste Rodin (1840-1917) und Kunstschamane Joseph Beuys (1921-1986) zusammen? Die Frankfurter Schirn wagte 2005 den heiklen Versuch - mit triumphalem Erfolg. Hier weiterlesen: Mit dem Selfie-Stick zur Mona Lisa .

Kuratoren setzen auf Kontraste

„Solche Gegenüberstellungen können wirklichen Erkenntniswert bieten“, meint Gerhard Finckh, Direktor des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, der gerade unter dem Titel „Giganten der Moderne“ (bis 26. Februar 2017) Edgar Degas (1834-1917) und Auguste Rodin in einem Wettstreit effektvoll inszeniert. Die Werke dieser Künstler zeigten Parallelen und Kontraste, so Finckh. „Ausstellungen, die nach diesem Muster gestaltet sind, machen klar, wie unterschiedlich die Welt wahrgenommen werden kann“, sieht Finckh, ähnlich wie seine Frankfurter Kollegin Schlicht, in den Paarbildungen großer Namen ein eigenes Erkenntnisprinzip. Der Kontrast zwischen Künstlern und ihren gegensätzlichen Gestaltungsideen gehöre allerdings auch zu den Wahrnehmungsmustern der Kunstgeschichte, sagt Finckh und erinnert an den Klassiker „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe“ (1915) von Heinrich Wöllflin, der mit der Unterscheidung von „malerischer“ und „linearer“ Kunst ein folgenreiches Begriffspaar in die Welt gesetzt habe. Hier weiterlesen: Mona Lisa der Moderne - Meisterwerk von Jackson Pollock wird restauriert.

Publikum bei der Stange halten

Aber vor allem setzen die Doppel-Ausstellungen genau jenen „zusätzlichen Impuls“, so Esther Schlicht, der benötigt wird, um ein verwöhntes Publikum bei der Stange zu halten. Prominente Namen, schönste Kunstwerke: Das Reservoir an Hits für die Blockbuster-Ausstellungen ist nicht unerschöpflich. Die Künstler-Konfrontation sorgt für die Hitzegrade der Sensation und verspricht genau jene Zündfunken, die im übertourten Ausstellungskarussell für frische Ideen sorgen. Droht dabei die Reduktion der Kunst auf den Konflikt, wie Markus Müller fürchtet? Esther Schlicht setzt anders an. „Wir wollen den Betrachter fordern“, sagt die Kuratorin zu einem Ausstellungsformat, das einem raffiniert einfachen Motto folgt: Nimm zwei! Hier weiterlesen: Prima Klima - wie Museen das richtige Klima für ihre Kunst sicherstellen.


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