17.11.2016, 18:01 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Ellis Kaut im Doodle Nach den Prozessen: Pumuckl-Zeichnerin ehrt Ellis Kaut


Berlin. Die Pumuckl-Autorin Elisabeth „Ellis“ Kaut wäre heute 96 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag hat Pumuckls Zeichnerin Barbara von Johnson für Kaut ein Doodle gestaltet. Im Interview erinnert sie an den Kobold – und an Ellis Kaut, mit der sie sich nach einem langen Streit noch spät versöhnte.

Die Autorin Elisabeth „Ellis“ Kaut hat den Kobold Pumuckl erfunden, die Künstlerin Barbara von Johnson gab ihm sein Gesicht. Heute wäre Ellis Kaut 96 Jahre alt geworden. Zum ersten Geburtstag nach dem Tod der Schriftstellerin hat von Johnson ein Pumuckl-Doodle für Ellis Kaut gezeichnet. Im Interview erzählt die Zeichnerin von ihrem Leben mit dem Kobold – und der späten Versöhnung mit Kaut, mit der sie einen langen Rechtsstreit um Pumuckl ausgefochten hatte.

Frau von Johnson, Sie feiern den Geburtstag der verstorbenen Ellis Kaut mit einem Pumuckl-Doodle. Können Sie Ihren Entwurf in einigen Worten erläutern?

Nicht nur ich persönlich, sondern wir alle feiern mit dem Doodle den Geburtstag der berühmten Ellis Kaut, gedenken der Autorin und erinnern uns an ihr „Kind“, an den kleinen, frechen Kobold mit Namen Pumuckl. Mein Doodle-Entwurf zu Ellis Kauts Geburtstagsgedenken stellt den kleinen pfiffigen Kobold dar, der zu Ehren der Autorin eine Kerze auf einer Geburtstagstorte anzündet. Die Geschenkpakete, die Google gewidmet sind – was man unschwer daran erkennt, dass die Buchstaben von Google daraufstehen – symbolisieren, welches Geschenk der Pumuckl für nunmehr schon zwei Generationen gewesen ist, die mit ihm groß geworden sind. Nach Koboldsmanier sind diese Buchstaben übrigens nicht gerade, sondern in sich schief angeordnet, denn schließlich hatte ja der Pumuckl da seine Hände im Spiel. Geburtstagstorte mit Lebenslicht, Geburtstagsgeschenke und der Pumuckl selbst erschienen mir als Zeichnerin die klarste und einfachste Form, um an die Herzen der Kinder und jung gebliebenen Erwachsenen zu appellieren, an den Pumuckl und seine Erfinderin zu erinnern und so den Geburtstag von Ellis Kaut im und mit dem Bild zu feiern. (Zum Tod von Elisabeth Ellis Kaut: Ein Nachruf)

Pumuckl hat Sie begleitet, seit Sie ihn mit 21 Jahren zum ersten Mal gezeichnet haben. Er ist ein Lebensprojekt und eine Figur, die über Sie und Ellis Kaut hinausgewachsen ist. Zugleich haben Sie ein gutes Jahrzehnt um den Kobold prozessiert. Hat Pumuckl Sie glücklich gemacht?

Pumuckl ist für mich wie mein viertes Kind, und mit Kindern ist das so eine Sache: Sie machen glücklich, aber man hat auch seine liebe Not mit ihnen. Ich habe mit dem Pumuckl alle Phasen eines sich individuell entwickelnden kleinen Genius mitgemacht, ich habe ihn quasi von seiner Geburt bis zur Pubertät begleitet. Ich habe durch und mit ihm meine grafischen und zeichnerischen Fähigkeiten geübt und vervollkommnet, ich habe gelernt, dass man sich für sein „Kind“ zur richtigen Zeit einsetzen, aber es auch loslassen muss, wenn es in die Welt hinauszieht. Meine Aufgabe war es, den Pumuckl sichtbar werden zu lassen, er ist an meiner Feder kleben geblieben, wollte von mir gezeichnet werden und als er dann bildlich gesprochen den Kinderschuhen entwachsen ist – sie wissen ja, dass der Pumuckl ausschließlich barfuß läuft – und beim Film und Fernsehen in die Bewegung kam, da habe ich ihn nur noch aus der Entfernung begleitet. Er hat mich mit Leben und mein Leben erfüllt, da sage ich gerne von Herzen: „Danke, lieber Pumuckl!“ (Verbotene Doodles: Die geheimen Regeln der Google-Gags)

War Ihr Pumuckl-Entwurf auf den ersten Versuch geglückt oder erinnern Sie sich an verworfene Versionen? Und hat Ihr Bild zu Ellis Kauts Büchern Vorbilder in der Wirklichkeit?

Es war der Pumuckl, der mich ausgewählt hat, der von mir gezeichnet werden wollte, natürlich ist er auf den ersten Versuch geglückt, denn ich habe eigentlich mich selber porträtiert: Die vorstehenden Zähne, das Hohlkreuz, wodurch der Eindruck eines Bäuchleins entsteht, die verwuschelten Haare, das hat er alles von mir. Ich bin schon immer am liebsten barfuß gelaufen, genau wie der Pumuckl. Natürlich ist der Pumuckl geglückt, ich bin ja auch geglückt. (Zerg Rush, Tilt und Barrel Roll: Mit diesen Google Easter Eggs bringen Sie Ihre Kollegen zur Verzweiflung)

Sie haben Malerei unter anderem bei Oskar Kokoschka gelernt. Wie viel Expressionismus steckt in Pumuckl?

Pumuckl bedarf einer gewissen Einfühlsamkeit, einer Spontanität, einer Ausdrucksfähigkeit, die eigentlich jede Kunst verlangt. Als Künstler bringt man Unsichtbares in die Sichtbarkeit, darum geht es. Ich bin ja nicht nur mit Pumuckl verheiratet, will sagen verbunden, sondern der Pumuckl ist nur (und das meine ich nicht abwertend) eines meiner künstlerischen Betätigungsfelder: Ich male, ich mache Fotos, Objekte, Materialbilder, ich schweiße, ich dichte – meine Ausdrucksform ist vielseitig. Pumuckl ist Expression von Temperament, vom inneren Kind, von Sensibilität, von Unverschämtheit, von Drolligkeit – das sind alles Ausdrucksformen des Lebens, die sich in allen meinen Kunstwerken wider-spiegeln. Wie beim Expressionismus geht es beim Pumuckl in der Tat um die bildliche Umsetzung von „Ausdruck“ – zwar nicht um meinen subjektiven Ausdruck als Künstlerin, sondern um den individuellen Ausdruck des kleinen Koboldes, aber Ausdruck ist schließlich Ausdruck. Pumuckl bewegt seit nun 53 Jahren die Menschen emotional, und kräftig in der Farbe ist er auch, insofern hat er durchaus expressionistische Züge.

Die Erfolgsgeschichte von Pumuckl fällt in die Kindheit Ihrer Söhne, die 1973 und 1978 geboren wurden – und vermutlich Fans des Kobolds waren. Welche Rolle spielte Pumuckl bei Ihnen Zuhause?

Eines Tages kam mein ältester Sohn von einem Besuch bei seiner Spielkameradin nach Hause, er muss damals wohl so fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, in die Schule ging er auf jeden Fall noch nicht. Er war sehr aufgeregt und sagte: „Du, Mama, ich hab ne tolle Geschichte gehört von Punuckl oder so ähnlich“. Das war der Moment als der Pumuckl bei uns im Hause Einzug hielt, bis dahin war er einfach meine Arbeit gewesen. Am Anfang war die Begeisterung schon groß, aber meine Söhne hatten ihre sehr eigene kreative Art, mit dem Pumuckl umzugehen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich aus dem Kinderzimmer ein furchtbares Gekrächze hörte, als ich einmal nach Hause kam. Als ich nachschaute, fand ich meinen ältesten Sohn vor, der auf einem alten Plattenspieler drei oder vier Pumuckl-Platten übereinandergelegt hatte und das Gerät auf höchster Ge-schwindigkeit laufen ließ. Als ich schimpfte und fragte, ob er denn wahnsinnig geworden wäre, antwortete er: „Stör mich nicht Mama, ich bin nicht wahnsinnig, ich will nur in ganz schneller Zeit so frech werden wie der Pumuckl“. Zeitweise herrschte dann bei uns im Hause eine ziemliche Pumuckl-Überflutung, und meine Söhne reagierten auf den Kobold, der ihnen auf der Bettwäsche, auf Federmäppchen, Stiften, Rucksäcken und Schulranzen permanent entgegenlachte, eher abweisend: Sie haben versucht, ihn durch Abkratzen loszu-werden, sie waren Pumuckl-müde und wollten lieber selber Pumuckl sein. (Google verdoodelt den eigenen Geburtstag – was ist faul daran?)

Nachdem Rechtsstreit um Pumuckl haben Sie sich mit Ellis Kaut versöhnt. Was haben Sie gesagt?

Ich habe Ellis Kaut im Krankenhaus besucht, weil es mir ein ganz starkes Anliegen war, mit ihr Frieden zu schließen. Statt Blumen habe ich ihr eine Biene mitgebracht, eine Holzbiene auf einem langen Eisenstab. Ich habe mich vor sie hingekniet, sie saß damals im Rollstuhl und habe gesagt: „Liebe Ellis, du hast der Welt wie eine fleißige Biene köstlichen Honig gebracht, ich danke dir dafür!“ Und dann hatten wir beide Tränen in den Augen, und sie antwortete: „Siehst, Barbara, jetzt haben wir es doch noch geschafft!“
(Bessie Coleman im Doodle: Warum starb die schwarze Flugpionierin so früh?)

Kürzlich hat eine modernisierte Version des Pumuckls von Jan Saße für Unruhe gesorgt, weil dem Kobold das Bäuchlein wegmodernisiert wurde. Wie stehen Sie zu Pumuckls Leibesfülle – und der erhitzten Debatte darüber?

Ich habe im Laufe der Jahre „meinen“ Pumuckl in den unterschiedlichsten Ausführungen erleben dürfen: Da gab es Versionen mit vier Fingern und vier Zehen, einer Nase wie bei einem Zirkusclown und so einiges mehr. Ich habe mir durchaus etwas dabei gedacht, als ich dem Pumuckl ein Bäuchlein gemalt habe – weshalb Herr Saße meinte, Pumuckl verschlanken zu müssen, das sollten sie ihn selber fragen. Ich finde es sehr berührend, dass der Pumuckl nach so vielen Jahren immer noch von Menschen umgeben ist, die ihn so lieben, wie er ist und die sich dagegen wehren, dass er verändert wird – solche treuen Freunde wünscht sich doch jeder von uns! (Der schlanke Pumuckl: So sieht er aus)

Wie kam es vor Ellis Kauts Geburtstag zur Zusammenarbeit mit Google?

Google fragte bei mir wegen der Rechte am grafischen Pumuckl an, da ein Doodle zu Anlass des Geburtstages von Ellis Kaut erscheinen sollte. Meine Agentur ist dann sehr schnell mit Google übereingekommen, dass ich als Zeichnerin des originalen Pumuckl als Gastkünstlerin für das Doodle tätig werden sollte – denn das Kreativteam in Kalifornien war von der Idee sehr angetan, dass der kleine Kobold nach so langer Zeit wieder von seiner wahren „optischen Mama“ gezeichnet werden würde. Über das Marketing-Büro von Google in Hamburg wurden über zwei Wochen hinweg mehrere Entwürfe mit dem Kreativteam ausgetauscht und abgestimmt, und dabei wurde nach und nach die heutige Version sichtbar – das ist doch wunderbar! (Pumuckl darf wieder rund sein: Tochter von Ellis Kaut rudert zurück)

Das Interview mit Barbara von Johnson zum Ellis-Kaut-Doodle wurde schriftlich geführt.



Barbara von Johnson: Als 21-Jährige gewinnt Barbara von Johnson (geb. 1942) einen Wettbewerb, den Ellis Kaut selbst in einer Grafikschule abhält, um den Pumuckl grafisch sichtbar werden zu lassen. Bis 1978 illustriert Barbara von Johnson zehn Sammelbände sowie 33 Plattencover und Hörspielkassetten mit Kauts Geschichten über den Klabautermann und seinen Meister Eder. Als die Figur 1982 zum Helden einer Fernsehserie und mehrerer Kinofilme wird, übernimmt zunächst ein ungarisches Zeichnerteam und dann Kauts Schwiegersohn Brian Bagnall den Zeichenpart. Ab 2002 führte Barbara von Johnson mehrere Prozesse, in denen sie ihr Urheberrecht an der visuellen Pumuckl-Figur einklagte und auch durchsetzte. Barbara von Johnson stellt weltweit Karikaturen, Collagen, Objekte und Materialbilder, Fotografien und Malerei aus und sie hat Gedichte verfasst, die sie mit der Sängerin Tatjana Haider in der Bühnenshow „Intimbereiche“ zum Vortrag bringt. Barbara von Johnson ist Mutter von drei Söhnen, und lebt und arbeitet in München. 2015 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen.

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