15.11.2016, 06:00 Uhr

Dauerleihgabe der Sparkasse Henri Matisse in Münster: 120 Werke aus 50 Jahren


Münster. Picasso allein zu Haus? Nein, das Münsteraner Picasso-Museum zeigt Henri Matisse, den Meister der entspannten Linien und leuchtenden Farben. Eine Kunsterfahrung, die über Grenzen geht.

Er wollte eine reine Kunst ohne aufregende Sujets, Bilder, die als „geistiges Beruhigungsmittel“ wirken sollten. Henri Matisse (1869-1954) zieht das große Publikum bis heute in die Museen. Zugleich steht seine Kunst unter dem Verdacht, allzu unterhaltsam zu sein. Diesen Künstler zog es unwiderstehlich zum Ornament. Aber gilt nicht gerade das wegen seiner Indifferenz gegenüber Themen und Inhalten als oberflächlich und beinahe schon frivol? Markus Müller, Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso stellt Matisse neu zur Diskussion und mit ihm eine gestalterische Philosophie, die Kunst für Design und Raumausstattung öffnen sollte. Hier weiterlesen: Picasso, Matisse, Renoir - Maler an der Cote d´Azur .

120 Werke in der Ausstellung

Die 120 Werke, die nun zu sehen sind, mögen weit überwiegend Arbeiten auf Papier sein. Gleichwohl eröffnen sie den Überblick über eine Werkentwicklung, die von der Revolte kurz nach 1900 hin zu der 1951 eingeweihten Rosenkranzkapelle im südfranzösischen Vence führte. Farbe und Licht haben Henri Matisse über ein halbes Jahrhundert hinweg fasziniert. Anfangs warf der Maler grelle Farben wie Blendgranaten unter ein geschocktes Publikum. Fünf Jahrzehnte später ließ er Farben als Lichtschleier über die Wände seiner Kapelle an der Cote d´Azur gleiten. So machte Matisse seine Kunst milder und zugleich entschiedener - als Grenzüberschreitung in den Raum. Hier weiterlesen: Pablo Picasso - ein Genie in Stichworten .

Picasso muss Konkurrenten weichen

Natürlich entbehrt eine Matisse-Ausstellung gerade in einem Pablo Picasso gewidmeten Museum nicht der Pikanterie. Für die Dauer einer Ausstellung muss Picasso, der Faun, der Minotaurus, ja der Planet der Kunst der Moderne, zur Seite rücken und einem Künstler Platz machen, der sein Schatten, sein Gegenüber, ja sein gar nicht so geheimer Konkurrent war. Wo Picasso impulsiv zupackt, analysiert Matisse kühl. Wo Picasso überwältigt, zieht sich Matisse dezent zurück. Picasso und Matisse - zwei wie Feuer und Wasser? Gleichviel: Die Sparkasse Münsterland-Ost hat ein großes Matisse-Konvolut in Paris erworben. Die Dauerleihgabe bildet nun den Kern der aktuellen, Henri Matisse gewidmeten Schau. Hier weiterlesen: Planet Picasso - Kunstexperte Markus Müller im Interview.

Kostüme für das Ballett

Münster hat nun alles im Korb, was zu Matisse gehört: Die ruhenden Odalisken, Wandfresken mit Faunen, wie sie Matisse für Folkwang-Gründer Karl Ernst Osthaus entwarf, die berühmten Scherenschnitt-Bilder und schließlich auch, als triumphaler Höhepunkt inszeniert, die nach den Entwürfen neu gefertigten Kostüme für Strawinskys Ballett „Der Gesang der Nachtigall“. In all der entspannten und ausgelassenen Farbigkeit kann sich der Betrachter verlieren, wenn er nicht dem Lichtfaden folgt, der sich durch dieses Werk zieht. Picasso liebt die Hitzegrade plakativer Erotik. Matisse kühlt seinen Ausdruck der Daseinsfreude zur abstrakten Lichtkunst herab - eine spannende, und in der Kunst des 20. Jahrhunderts, einmalig intensive Parallelaktion. Hier weiterlesen: Auguste Renoir zwischen Hass und Liebe - ein Porträt.

Schwebende Umrisse

Dafür kultiviert, nein präpariert Matisse Linie und Farbe als reine, nur sich selbst meinende Gestaltungswerte aus allen Motivwelten heraus. Ob Menschenfigur, Pflanze oder Stern: Mit seinen Scherenschnitten reduziert Matisse alle Motive auf schwerelose, in einem Bildraum schwebende Umrisse, von denen er zuletzt auch die Farbe ablöst. In der Kapelle von Vence sind die Fenster und Wandgestaltungen nur noch Anlässe für farbige Lichtsensationen, die den ganzen Raum zum Exponat machen. Münster macht plausibel, wie sehr Matisse als Vorläufer einer zum Design entgrenzten Kunst verstanden werden muss. Von ihm führen deutlich trassierte Spuren in unsere Gegenwart, zu Olafur Eliassons Lichtschleiern oder den farbigen Raumkörpern von Jorge Pardo. Henri Matisse hat vorgeführt, wie grenzenlos eine Kunst sein kann, die sich dem Loslassen und der Reduktion verdankt. Matisse kam dafür sogar ohne jede zwingende Kraftgeste aus. Hier weiterlesen: Henri Matisse im Picasso-Museum .


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