13.09.2016, 14:49 Uhr

„Tschick“ – Akins bester Film? Tschick: Akin verfilmt Herrndorf und rettet sich selbst

Dieses Buch musste ins Kino: Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick in Akins Herrndorf-Verfilmung „Tschick“. Foto: StudiocanalDieses Buch musste ins Kino: Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick in Akins Herrndorf-Verfilmung „Tschick“. Foto: Studiocanal

Berlin. Zwei 14-Jährige reisen im geklauten Lada durch Brandenburg und finden sich selbst. Fatih Akin bringt Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ ins Kino – und besteht!

Sechs Jahre nachdem Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ erschienen ist, drei Jahre nach dem Tod des Autors läuft die Verfilmung an. Endlich!

Darum gehört „Tschick“ auf die große Leinwand

Es lässt sich viel darüber schreiben, wieso die Brandenburger Lada-Tour zweier 14-Jähriger unbedingt ins Kino musste. Dass Herrdorfs Bestseller sich über zwei Millionen Mal verkauft hat und die Dramatisierung in der Saison 2014/15 zum meistgespielten Stück auf deutschen Bühnen wurde – es ist nur der banalste Grund. Dass Herrndorf mit der einer Roadmovie-Dramaturgie und der Screwball-Komik seiner brillanten Dialoge wie absichtlich für die Leinwand geschrieben hat – auch das ist nicht das Wichtigste. Ein schon besseres Argument sind vielleicht die guten Hauptdarsteller Tristan Göbel und Anand Batbileg. Aber zuallererst gehört „Tschick“ deshalb ins Kino: Weil die punktuelle Erwähnung einer Richard-Clayderman-Kassette im Autoradio erst hier richtig Sinn macht – in lang ausgespielten Nachtfahrten, über denen die „Ballade pour Adeline“ als lustiger, gefühlssatter Soundtrack liegt. Wer ist top, wer floppt? Die Kino-Charts der Woche

Clayderman-Soundtrack – besser geht‘s nicht!

Für das Selbstverständnis des Films ist die Musik so zentral wie für das der Protagonisten. Fatih Akins Schwelgen in der Urmelodie des Kitsches trifft Herrndorfs selbstironisch gebrochene Emotionalität perfekt. Auch die Helden des Films könnten keinen besseren Sound finden, um ihren Widerspruch gegen alle Erwartungen auszudrücken – gegen das Coolness-Diktat der Altersgenossen genauso wie gegen erwachsene Reden vom Ernst des Lebens. Dabei gehört gerade der Ernst zu den Stärken dieser Komödie. Noch bevor der Spaß losgeht, zeigt Akin ein apokalyptisches Szenario: den Unfall mit einem Schweinelaster, der den Ausflug von Tschick und Maik beenden wird. Mal schreibt Maik einen witzigen Schulaufsatz über den Alkoholismus seiner Mutter. Dann ritzen die Jungs und eine Freundin ihre Initialen in Stein – A.T. + M.K. + S.E. 2016“ – und machen daraus die „Atomkrise 2016“. Die Möglichkeit einer Katastrophe bleibt dem Film bis zum Ende eingeschrieben. Nie vergisst man, dass Herrndorf das Buch im Jahr seiner Tumor-Diagnose veröffentlicht hat. (Zum Interview mit Fatih Akin)

Ist „Tschick“ Akins bester Film?

Womöglich hat Fatih Akin mit „Tschick“ seinen besten Filme gedreht. Dabei verdankt es sich einem Zufall, dass er überhaupt zum Projekt gekommen ist. Vorbereitet wurde die Verfilmung mit einem anderen Regisseur, der kurzfristig ausgefallen ist. Akin – normalerweise seine eigener Autor und Produzent – sprang ein und hat zum ersten Mal wie ein Auftragsregisseur gearbeitet. Offenbar hat es ihm gutgetan. Vor zwei Jahren hatte er mit „The Cut“ noch ein historisches Tableau über den Völkermord an den Armeniern gewagt; die internationale Produktion scheiterte grandios, vielleicht gerade wegen der tiefen Involviertheit des Regisseurs, der seine deutsch-türkische Geschichte mitreflektierte und das Werk als Abschluss einer Trilogie zu Liebe, Tod und Teufel konzipierte. „Tschick“ wirkt nun wie ein Befreiungsschlag. Es überrascht nicht, dass Akin die Zusage als „wichtigste Entscheidung in meinem Leben“ bezeichnet und sagt: „Der Film hat mich gerettet in jeder Hinsicht.“ (Zur Kritik von Akins „The Cut“)

Herrndorfs Aliens und wir

In einer der schönsten Szenen blicken Tschick und Maik in die Sterne und stellen sich zwei Alien-Jungs vor, die gerade jetzt dort oben liegen und gegen alle Vernunft an die Existenz des Menschen glauben. Auch im Kinosaal gewinnt man in diesem charmanten Film den Glauben an die Menschheit zurück.


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