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12.04.2016, 06:00 Uhr KOLUMNE

Einfach zu hässlich? Streit um Kunst von Henry Moore

Von Dr. Stefan Lüddemann


New York. An der New Yorker Columbia University protestieren Studierende gegen eine Plastik des britischen Bildhauers Henry Moore (1898-1986). Dessen Werke gelten eigentlich als etablierte Kunst.

Lange Jahre war er über jeden Meinungsstreit erhaben. Bronzeplastiken des britischen Bildhauers Henry Moore (1898-1986) gehören zur fraglos akzeptierten Ausstattung öffentlicher Plätze in aller Welt. Moores Plastik vor dem Bonner Bundeskanzleramt war Millionen bekannt - als Bildmotiv aus der „Tagesschau“. Doch nun haben es Moores Plastiken, einst als zu revolutionär abgelehnt, wieder schwer. In New York rebellieren Studierende der renommierten Columbia University gegen die Aufstellung einer „Liegenden Figur“ Moores vor der Campus Bibliothek. Das berichten Zeitungen wie „Telegraph“ oder der „Guardian“. Danach vergleichen Studenten Moores Werk mit einem „missgestalteten Dinosaurier“ oder einer „sterbenden Heuschrecke“. Die Onlinepetition gegen Moore läuft jedenfalls über. Hier weiterlesen: Weltstar der Skulptur - Thomas Schüttes neue Ausstellungshalle .

Auf armseligem Niveau

Um was geht es da? Liefern ausgerechnet Studierende einer Eliteuniversität das Musterbeispiel einer Kunstkritik auf armseligem Niveau? Oder deutet sich in der harschen Abrechnung ein Generationenbruch des Geschmacks an, der hinwegfegt, was bislang Konsens zu sein schien? Jennifer Wulffson Bedford, Kunsthistorikerin an der Brandeis University, kommentierte den Studentenprotest nach dem Bericht im „Guardian“ als hässliches reaktionäres Geschwätz. Dabei übersieht sie allerdings die Parallelen zwischen der Moore-Schelte und einem anderen Beispiel eines Aufstandes der Jungen gegen den Kunstgeschmack ihrer Eltern - der Instagram-Aktion gegen die Gemälde des französischen Impressionisten Auguste Renoir (1841-1919). Auch da sorgt die ungewohnte Heftigkeit der Kritik an einem eigentlich sakrosankten Künstler für Überraschung und Unverständnis. Hier weiterlesen: Henry Moore und die Künstler von heute.

Für sechs Millionen versteigert

Dabei scheint die „liegende Figur“ von Henry Moore aller Argumente auf ihrer Seite zu haben. Ein anderer Guss der 1969/70 entstandenen Bronze des Bildhauers wurde 2013 für rund sechs Millionen US-Dollar von Christies versteigert. Das Exemplar, das nun an der Columbia University steht, verdankt sich einer Stiftung des Sammlerpaares David und Laura Finn. Sie stellten die Plastik schon vor 20 Jahren zur Verfügung. Erst jetzt kam es Medienberichten zufolge zur Aufstellung nach dem positiven Votum zuständiger Universitätsgremien. Dabei richtet sich der Studentenprotest wohl auch gegen die Form der Kommunikation. Das Moore-Projekt wurde nur kurz mitgeteilt, aber offenbar kaum oder gar nicht diskutiert. Hier weiterlesen: Was bringen die Skulptur-Projekte 2017 in Münster?

Problem der Kommunikation?

Geht es am Ende nicht so sehr um Kunstgeschmack als vielmehr um eine als autoritär empfundene Kommunikation und mangelnde Beteiligung? Das spielt in dem Streit sicher eine Rolle. Allerdings erklärt das nicht die drastische Wortwahl in der Kritik der Studierenden. Mit ihren Anwürfen gegen angeblich missgestaltete Kunst erinnern sie an lange überwundene Kämpfe um die Kunst der Avantgarde und nicht zuletzt auch an die Kampagne gegen angeblich „entartete Kunst“ der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Von bestens ausgebildeten jungen Leuten wäre größere Sorgfalt in der Wortwahl, eine präzisere Argumentation und vor allem mehr historisches Bewusstsein zu erwarten. Hier weiterlesen: Begehbare Skulpturen - die Museumsinsel Hombroich in Neuss.

Immer noch unsere Antike?

Der Streit um Henry Moore offenbart aber ebenso wie der Protest gegen Renoir einen anderen Paradigmenwechsel. Die Überzeugungskraft der künstlerischen Moderne scheint abzunehmen. „Die Moderne ist unsere Antike“: Der von Roger M. Buergel, Leiter der Documenta 12 von 2007, zum Mantra erhobene Satz gilt offenbar nicht mehr. Eine junge Generation wendet sich scheinbar ab. Womöglich ist das Phänomen aber auch andersherum lesbar. Weltberühmte Künstler wie Auguste Renoir und Henry Moore bieten beste Angriffspunkte - dafür, sich von der Generation der eigenen Eltern wirkungsvoll abzugrenzen, und dafür, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden. Die Wertschätzung für Henry Moore und sein Werk geht unterdessen weiter. Tony Cragg, der berühmteste britische Bildhauer der Gegenwart, zeigt Gipsskulpturen Moores noch bis zum 9. Oktober 2016 in seinem Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal. Hier weiterlesen: Ein Besuch im Skulpturenpark Waldfrieden .


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