19.03.2016, 11:10 Uhr

Zwischen Wissenschaft und Poesie Beeindruckende Ausstellung „Wunder der Natur“ in Oberhausen eröffnet


Oberhausen. Die Welt einmal von oben zu sehen wie ein Astronaut – davon träumen viele. Im Gasometer Oberhausen ist das nun in der Ausstellung „Wunder der Natur“ möglich. Doch die Ausstellung hat noch mehr bieten.

Für ein erstklassiges Foto müssen Fotografen über sehr viel Wissen verfügen. Sie müssen ihren Beruf perfekt beherrschen und dazu über extrem viel Ausdauer und Geduld verfügen. Anders ausgedrückt: Der Einsatz ist enorm. Wer schon einmal an einer Safari teilgenommen hat, weiß, dass der Aufwand für eine spektakuläre Naturaufnahme oft in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Rein optisch gesehen, lohnt sich ein derlei hoher Ressourcen-Einsatz oft allemal.

Ausstellung bis zum Jahresende zu sehen

Bis zum Jahresende ist nun eine Auswahl solcher Bilder im Gasometer Oberhausen zu sehen. Mehr als 150 hochwertige Naturaufnahmen sind ausgestellt, die sonst nur in renommierten Magazinen zu sehen sind. „Wunder der Natur“ heißt die aktuelle Ausstellung. Ob mit dieser Präsentation die „Krone der Schöpfung“ vom Sockel gestoßen werden soll? Sicher nicht. Um diese Frage beantworten zu können, zitiert Kurator Professor Peter Pachnike den Zukunftsforscher Robert Jungk: „Erst wenn wir begreifen, wie genial biologische Systeme sind, werden wir lernen, das Leben der Pflanzen und Tiere – das sich in Milliarden Jahren gebildet hat – faszinierend zu finden und mehr zu bewundern als alle Innovationen der menschlichen Technik.“ Damit wird der 74-jährige Professor durchaus recht haben. Spätestens wenn die Besucher durch alle Etagen des alten Gasspeichers von 1929 flaniert sind.

Genau hinsehen

Als visuelles Appetithäppchen spiegeln die fotografischen Arbeiten die Vielfalt von Leben und von Überlebensstrategien wider oder zeigen einfach, wie der gewöhnliche Alltag von Lebewesen ist, wie ihre Familien funktionieren, wie sie Beute jagen oder Gefühle ausdrücken. Doch nicht nur per Tele- und Weitwinkelobjektiv gewähren die kleinen und großen Protagonisten Einblicke in ihr Tagesgeschäft. Manchmal muss der Betrachter wirklich genau Hinsehen, wenn eigentlich eine Lupe oder gar ein Mikroskop notwendig wären. Nur gut, dass alle Bilder in Quadratmetergröße dieses Spektrum der winzigen Welten wiedergeben.

Am Ende sollen es doch nur Denkanstöße sein, zum Fragen anregen. „Sich noch einmal wie ein Kind fühlen, das nachdenkt, fragt und Antworten sucht, das neugierig seine Welt erkundet“, skizziert Peter Pachnike den roten Faden der Tour. Dass auch die Erwachsenen nicht aus dem Staunen herauskommen, dafür sorgt bis Ende des Jahres die erste Riege der internationalen Naturfotografen.

Beziehungen und Fähigkeiten

List und Tücke dienen nicht nur uns Menschen manchmal dazu, unser Ziel möglichst schnell zu erreichen, sondern auch einigen Tieren. In einigen Küstenregionen ist etwa ein ungewöhnliches Phänomen zu beobachten, wenn sich ein Heringsschwarm ankündigt. Dann warten an Land zahlreiche Raubvögel auf die Ankunft von Delfinen. Zusammen holen sie sich dann ihre Mahlzeit. Die einen drücken die Beute nach unten, die anderen zur Wasseroberfläche – zum Vorteil aller Beteiligten.

In zehn Kapiteln werden genau derartige Beziehungen und Fähigkeiten visuell beschrieben. Selbst die Vielfalt sexueller Rituale finden hier ihren Platz, um das Know-how aufzuzeigen, mit welchen Tricks die Natur arbeitet, damit jeder Topf sein Deckelchen finden kann.

Hautnah zeigt sich der Überlebenskampf zwischen zwei Geparden und einem Springbock, kurz vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen. Verborgen bleibt den Zuschauern allerdings die Antwort auf die Frage, wie viel Zeit wohl die Fotografin Marina Scarr investieren musste, bis ein Alligator sein Maul so weit geöffnet hat, dass ein Hecht auf die Idee gekommen ist, in den Schlund hineinzuspringen.

„Depot der Natur“ Nahe des Centros

Neben Fotodokumenten, die durch das Erdgeschoss zu schweben scheinen, wird im Zentrum des Eingangsbereichs auch eine Videoproduktion gezeigt. Anschaulich ist darin zu sehen, wie schnell sich ein Fötus bereits innerhalb weniger Wochen im Mutterleib entwickelt.

Doch nicht nur auf digitaler Grundlage zeigen sich im Gasometer die Mysterien. Die modernen Naturwissenschaften beteiligen sich hier im Ruhrgebiet aus ihrer Perspektive mit den „Wundern der Natur“. Extra für diese Präsentation haben das Übersee-Museum in Bremen, das Ruhrmuseum aus Essen sowie das Duisburger Naturkundemuseum ihre Magazine durchstöbert, um nahe des Centros ein „Depot der Natur“ abbilden zu können.

Doch damit nicht genug. Das größtes „Wunder der Natur“ ist zweifelsohne die Erde selbst. Für sie wurde die größte Fläche im Gasometer reserviert. Zwischen dem Deckel, der einst als Dichtung zwischen Gas und Dach diente, befindet sich heute gut 100 Meter Platz, die nun mit der Erde gefüllt wurden. Just diese aufblasbare Kugel ist das Bonbon der Ausstellung.

Für die perfekte Darstellung haben die Ausstellungsmacher professionelle Hilfe gesucht. Beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt wurden sie fündig. Denn wer hat einen besseren Blick auf die Erde als ein Astronaut? Na ja, so faszinierend der Blick vom All auf den Blauen Planeten auch sein mag, der Blick im Gasometer auf unseren Planeten ist besser. Sogar Niels Sparwasser vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt muss das neidlos anerkennen. Dazu haben er und seine Mitstreiter viel zu viel Zeit, Daten und Arbeit investiert.

Projektion aus 1,5 Millionen Bildern

Angesichts dieser Fülle an visuellen Möglichkeiten konnte es da außer Frage stehen, sich nur mit einer mittelmäßigen Kopie abgeben zu wollen? Natürlich nicht. Entsprechend gigantisch war daher der Arbeitsaufwand: Zig Satelliten lieferten die passenden Bilder, mal tagsüber geknipst, mal nachts, bei Wind und Wetter, mal versperrten Wolken den Blick, mal schien die Sonne auf den Boden. Dazu in den unterschiedlichsten Farbspektren. Am Ende lagen 1,5 Millionen Bilder auf dem Rechner.

Im zweiten Schritt fing das große Rechnen an. Für die dreidimensionale Simulation eines gesamten Tagesablaufes liefen die Rechner rund um die Uhr und das 115 Tage lang. Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen: Am Ende hatte ihre Animation eine Auflösung von 58 Millionen Pixel. Damit stand ihnen genug Datenmaterial zur Verfügung, um aus der aufblasbaren Hülle mit 20 Meter Durchmesser eine kleine Erdkugel zu zaubern. Ein Dutzend Projektoren wurden so im Raum justiert, dass auf der weißen Hülle ein Abbild unseres Planeten projiziert wird. Mit einem Beamer lässt sich eben nicht nur auf Schwarzdorn gut mit Licht malen, wie es bis vor wenigen Wochen eindrucksvoll in Bad Rothenfelde bei der Lichtsicht-Biennale geschehen ist.

Overview-Effekt

Es gibt noch einen weiteren Vorteil, den die Zuschauer gegenüber gewöhnlichen Astronauten haben: Wenn sich ein Erdbewohner in Oberhausen seinen Heimatplaneten anschaut, kann er gleichzeitig noch den Klängen von Brian Eno lauschen. Einen Geheimtipp hat auch die Geschäftsführerin des Gasometers, Jeanette Schmitz, für ihre Gäste: „Die Fahrt im gläsernen Panoramaaufzug auf das Dach bietet einen Blick auf unseren Heimatplaneten, wie ihn sonst nur Astronauten erleben.“

Die Raumfahrer haben dafür sogar einen besonderen Fachbegriff erschaffen, für dieses heimelige Gefühl für den Blick von „oben“: Sie nennen es Overview-Effekt, die Demut, das Besondere, einmal aus ungewöhnlicher Perspektive auf die Erde schauen zu dürfen und damit auch die Fragilität des ganzen Ökosystems auf einen Blick erkennen zu können.


Die Ausstellung „Wunder der Natur“ läuft bis zum 30. Dezember 2016. Geöffnet ist der Gasometer dienstags bis sonntags zwischen 10 und 18 Uhr. Montags ist er geschlossen, außer es ist ein Feiertag, oder in Nordrhein-Westfalen sind Schulferien. Mit Bus und Bahn ist der Gasometer/Centro Oberhausen vom Hauptbahnhof aus gut zu erreichen, per Auto ebenso (für das Navi: Arenastraße 11, Oberhausen/Rheinland). Führungen werden angeboten. Informationen: http://www.gasometer.de, mail: info@gasometer.de

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