15.03.2016, 12:43 Uhr

Monumentaler Kopf-Roman Vespers „Frohburg“ für Buchmesse-Preis nominiert

Autor Guntram Vesper schreibt sein Leben lang von Frohburg. Foto: Volker Poland/Verlag Schöffling & Co./dpaAutor Guntram Vesper schreibt sein Leben lang von Frohburg. Foto: Volker Poland/Verlag Schöffling & Co./dpa

Göttingen. Zwischen „Frohburg“ und „Frohburg“, zwei Büchern identischen Titels, liegen 31 Jahre und rund 900 Seiten: 1985 veröffentlichte Guntram Vesper einen schmalen Gedichtband, nun überrascht er mit einem Werk, das erneut nach Vespers Geburtsort benannt ist und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

Dessen Gattungsbezeichnung als Roman relativiert als Motto ein Fontane-Zitat: „Für etwaige Zweifler also sei es Roman!“ Ein Roman aber ist „Frohburg“ nicht, sondern eine Sammlung von Bruchstücken einer Autobiografie und separat tragfähigen Novellen – allenfalls, wie Vesper jüngst erklärt hat, ein „Roman meines Kopfes“.

Ebenfalls zu relativieren wäre die Behauptung, der Autor habe sechs Jahre an diesem Buch geschrieben: Er schreibt sein Leben lang daran. Nahezu sämtliche Bücher Vespers erzählen von Frohburg, jener „auf halber Fernstraßenstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz“ gelegenen Kleinstadt, in der Vesper 1941 als Sohn eines Landarztes zur Welt kam. 1957 verließ die Familie die DDR und ging in den Westen, wo Vesper in Friedberg ein Internat besuchte, um anschließend zum Studium nach Göttingen zu gehen, wo er noch heute lebt.

Die obsessive Beschäftigung mit der eigenen (Familien-)Geschichte mag mit der Flucht zu tun haben, dem Verlust geliebter Menschen und Dinge. Dazu kommt die Sozialisation in der späten Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit, das Sensorium für Gewalt, das zum Hauptmotiv in Vespers Werk geworden ist. Das manifestiert sich in veritablen Kriminalromanen im Roman, etwa dem Fall eines Doppelmordes an zwei jungen Frauen, erzählt aus der Perspektive von Vespers Vater, der überhaupt erstaunlich oft das Wort erhält. Der eigentliche Erzähler, Vesper, nimmt immer wieder energisch das Heft in die Hand, unterbricht den Erzählfluss, um aus seiner Göttinger Gegenwart zu plaudern, Kollegenschelte zu betreiben oder den Umgang mit seinen Geschichten zu kommentieren: die „klangen erst einigermaßen wahr, wenn ich sie mir erzählte, immer wieder erzählte, mit Ergänzungen, Wiederholungen, mit Abweichungen, Abirrungen“. Entsprechend wuchert und mäandert der Text auf eine fast organische Weise. Von Hölzchen auf Stöckchen kommt der Erzähler, reiht Abschweifung an Exkurs, nimmt nach kühnen Schleifen einen Faden wieder auf, den man schon verloren glaubte, um ihn plötzlich mit einem kategorischen „Schnitt“ zu kappen.

Dieser souveräne Erzähler, dem nichts zu entgehen scheint, hält sich zurück mit Wertungen. Allein die thematischen Schwerpunkte, zu denen neben finsteren Schleuser- und Schmugglergeschichten aus dem Erzgebirge primär Vorkommnisse aus der Frühzeit der DDR und der sowjetischen Besatzung gehören, verraten Haltungen und Vorlieben – nicht zuletzt die Leidenschaft des Bibliomanen, der schon in jungen Jahren die Antiquariate heimsuchte, um rare Schätze zu bergen. Besonders Karl May hat Vespers Erzähllust und -weise beeinflusst, all die archaischen Abenteuererzählungen, die den Roman füllen. Für den gilt, was Peter Rühmkorf in Vespers Gedichten erkannt hat: „den immensen Kunstaufwand, dessen es bedurfte, die Unruhe des Kopfes nur für einen Augenblick zu stillen“. Dieser unruhige Kopf will immer weiter erzählen, um, wie es vor Jahren bei Vesper hieß, die „Vergangenheitsscherben aus dem tiefen Innern des Landes“ zu sichern und die zentralen Fragen nicht aus den Augen zu verlieren, die Vesper schon 1979 in seinem Prosaband „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ gestellt hat: „In welcher Welt wir leben. Was wir wollen. Wer wir sind.“


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