13.02.2016, 22:58 Uhr

Premiere im Theater Osnabrück Robert Teufel inszeniert „Orest“ von Euripides


Osnabrück. Anhaltender, nachdrücklicher Applaus im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück: Robert Teufels Inszenierung des „Orest“ von Euripides beeindruckt durch klare Regie, eindrucksvolle Schauspieler und eine beklemmende Aussage.

Wie ein Blitz des zornigen Olympiers Zeus schlägt die martialisch wummernde Musik zu. Sie trennt schlagartig hell und dunkel, Auftritt um Auftritt. Wie auf einer Tribüne sitzen oben die Zuschauer um eine tiefe, nachtschwarze Bühnenwanne herum. Unten wirft sich Orest in höchster Erregung an die hölzernen Wände, die Sabine Mäder (Bühne und Kostüme) so sinnreich im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück gebaut hat.

Mittendrin prangt eine Blutlache und symbolisiert den ewigen Zwang zur Rache. Erst ringt Orest mit der Entscheidung, seine Mutter, Klytaimnestra zu töten – aus Vergeltung für ihren Gattenmord. Dann halten ihn nach der blutigen Tat die Rachegeister gefangen.

Der junge Gastschauspieler Martin Aselmann spielt die abgrundtiefe Gewissensqual seines Orest berührend eindrucksvoll. Diese Verzweiflung erlaubt ihm sogar kleine Sprachtändeleien und moderne Flapsigkeiten, ohne die konzentrierte Essenz des Euripides-Textes (übersetzt von Peter Krumme) an eine Aktualisierung zu verraten.

Kein Vertrauen mehr zu den Göttern

Die charismatische Klytaimnestra Stephanie Schadewegs, der selbstgefällig und feige mit dem Publikums-„Volk“ kokettierende Menelaos Tim Egloffs (auch ein Gast) oder der so göttlich bräsig die überlebten Werte vertretende Tyndareos von Tilman Meyn können Orests Argumenten nichts Überzeugendes entgegenhalten.

Denn die alte Welt, in der noch die Götter halfen, ist morsch geworden, die Menschen vertrauen den Olympiern nicht mehr. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, das Robert Teufel , erstmals als Gastregisseur am Osnabrücker Theater, mit eindringlicher Wucht und Klarheit beleuchtet.

Das Verhängnis heißt Elektra

Elektra heißt dieses Verhängnis. Marie Bauer hockt in mehr männlicher als weiblicher Kleidung an der Bühnenwand, bewacht mitfühlend das Wahnsinns-Martyrium des Bruders und zieht mit deutlich artikulierter, feierlicher Strenge, wie man sie von Inszenierungen antiker Stoffe kennt, Bilanz.

So lange, bis sie den Käfig der traditionellen Schicksalsergebenheit sprengt. Nun wird Marie Bauers Stimme spielerisch weich, sie kichert andauernd wie ein Backfisch. Sie umgarnt damit und mit grausamen Strategien den Bruder, um vielleicht doch noch dem Muttermord-Todesurteil der Bürger gegen sie und Orest zu entgehen. Sie will die schöne Helena töten und deren Tochter Hermione (Ann Sophie Agarius ) kidnappen, um ihrem Onkel Menelaos seine unterlassene Hilfe heimzuzahlen.

Im Blutrausch der Rache

Wie nun das Geschwisterpaar miteinander turtelt, im blinden Rausch der Rache triumphiert und sich übermütig mit Theaterblut bespuckt, gehört zu den glänzenden Einfällen dieser Inszenierung. Hier ist eine neue gesellschaftliche Zelle entstanden, die sich ihre eigene Moral schafft. Der Kreislauf der Rache, dem Orest anfangs entkommen wollte, hat noch anarchischere Dimensionen angenommen. Denn nun erheben sich zwei Einzelne als (Scharf-) Richter über Helena, der die Schuld am Trojanischen Krieg und Tod so vieler Familienväter zugesprochen wird.

Was können wir Zeugen vertrackter Kriege manchmal Besseres tun, als fragend zurückzublicken zu den Anfängen und seien es die griechischen Sagen? Robert Teufel und sein Team tun es mit Gewinn. Teufels augenzwinkerndes Spiel mit der wankelmütigen Meinungsbildung einer Demokratie (Volksherrschaft), vertreten durch das Publikum, macht jedenfalls sehr nachdenklich – und Euripides’ „Orest“ topaktuell.


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