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09.01.2016, 04:39 Uhr KOLUMNE

Nur Mut, liebe Leser: Hassen Sie mich bitte jetzt!

Von Joachim Schmitz

Auch wenn nicht immer von „Lügenpresse“ die Rede ist: In so mancher Mail schlägt Redakteuren Hass und Verachtung entgegen. Foto: Imago/Ralph PetersAuch wenn nicht immer von „Lügenpresse“ die Rede ist: In so mancher Mail schlägt Redakteuren Hass und Verachtung entgegen. Foto: Imago/Ralph Peters

Osnabrück. In unserer wöchentlichen Kolumne „Silberblick“ berichtet die Kulturredaktion über mehr oder weniger skurrile Beobachtungen aus Alltag und dem Kulturleben. In dieser Woche geht es um die Hass-Mails, die mittlerweile für so manchen Redakteur zum Arbeitsalltag dazugehören.

Es war einmal eine Zeit, da hatte ein Leserbrief etwas von einer Zeremonie. Wer in der Zeitung einen Text gelesen hatte, griff zu Stift und Papier, formulierte eigene Zeilen zum Thema, faltete den Leserbrief zusammen, unterschrieb ihn, steckte ihn in einen Umschlag, klebte eine Marke darauf und brachte das Werk zur Post.

Heute hat die Leserzuschrift etwas von einem Reflex. Die Menschen lesen im Internet, und wenn sie ihren Kommentar dazu abgeben wollen, reicht der Griff zu Smartphone, Tablet oder Laptop und – schwupps – weiß der Redakteur, was man von seinem Text hält. Eigentlich eine feine Sache – wäre da nicht die Neigung mancher Menschen, sofort die digitale Keule zu schwingen. Und so frage ich mich immer häufiger: Bin ich tatsächlich ein schwindsuchtgeplagter Schwachmat? Kaum in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren? Dafür aber sehr wohl fähig, über viele Jahre hinweg jeden „Tatort“ vollkommen falsch einzuschätzen?

Neuerdings aber frage ich mich auch: Warum eigentlich solche Hass-Mails eilig löschen? Ich habe begonnen, sie zu sammeln und liebevoll zu verwalten. Wie ein bizarres Panini-Sammelbilder-Album. Ganz ehrlich: Es macht mir von Woche zu Woche mehr Spaß, immer und immer wieder zu lesen, was für ein zerebral entkernter Vollhorst ich bin. Und darüber zu staunen, dass manche Menschen sogar ihren Heiligabend damit verbringen, solche Mails zu versenden, die dann tatsächlich mit den Worten „Frohe Weihnachten“ enden.

Vielleicht wollen Sie mich ja bei meinem neuen Hobby unterstützen – dann hassen Sie mich bitte jetzt! Das Internet sagt Ihnen, wie Sie mich erreichen. Aber nicht, wie Sie mich treffen.

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