09.01.2016, 05:36 Uhr

Charlie Adlard im Interview The Walking Dead: Diese Kirkman-Idee war selbst dem Zeichner zu hart


Berlin. Charlie Adlard zeichnet die Bilder zu Robert Kirkmans „The Walking Dead“. Bei einer Szene hätte er sich beinahe geweigert. Ein Interview.

Die Fernsehserie „The Walking Dead“ hat einen weltweiten Zombie-Hype ausgelöst. Grundlage sind die Comics von Robert Kirkman (Text) und Charlie Adlard (Bild). Im Interview verrät der britische Zeichner, welche Szene er am liebsten nie gezeichnet hätte, warum seine Recherche-Mails ihn in den Knast bringen könnten und wie er nach einem erfüllten Leben mit wandelnden Leichen selbst mal bestattet werden will.

Herr Adlard, Sie verbringen Ihre ganze Arbeitszeit mit verrottenden Untoten. Was genau unterscheidet Ihren Beruf vom normalen Bürojob?

Ich genieße jeden einzelnen meiner Arbeitstage und das seit über 20 Jahren. Den „Walking Dead“ habe ich zwölf wunderbare Jahre mit einem sicheren Arbeitsplatz zu verdanken.

Wie schalten Sie ab? Zeichnen Sie nach Feierabend rosa Ponys für Ihre Kinder?

Das muss ich nicht. Die Zombies sind nur Striche auf Papier. Ich will den kreativen Prozess nicht kleinreden, aber meine Anteilnahme beim Zeichnen ist mäßig. Wahrscheinlich lasse ich das alles schon bei der Lektüre des Skripts hinter mir. Ich muss mich also abends nicht von belastenden Tagen in Blut und Verwesung erholen und entspanne wie jeder andere auch. Manchmal sogar, indem ich zum Spaß weiterzeichne: beim Aktzeichnen in der Kunstschule. Das ist befreiend – nach der kleinteiligen und präzisen Arbeit am Comic etwas Expressives und Großformatiges mit Pastellkreide zu machen. (Weiterlesen: The Walking Dead Staffel 7: Bestätigt AMC Verlängerung?)

Nutzen Sie für die Gestaltung zerfallender Körper medizinische Handbücher?

Eigentlich ist das für die Zombies nicht nötig. Auch wenn die „The Walking Dead“-Fans mir jetzt widersprechen werden: In Wahrheit gibt es gar keine Zombies. Ich kann alles frei erfinden. In den Comics passieren allerdings auch Lebenden sehr hässliche Missgeschicke. Sie wissen, wovon ich rede. Und wenn es um Bilder von Folter und Verwundung geht, beginnt für mich ein verstörender Prozess der Recherche. In einem faschistischen Staat, der alle E-Mails seiner Bürger liest, würde ich sofort verhaftet werden.

Wie entwerfen Sie Figuren? Wie genau sind die Vorgaben vom Autor Robert Kirkman?

Das kommt darauf an. Eine unwichtige Nebenfigur beschreibt Robert womöglich gar nicht, zentrale Charaktere schildert er etwas genauer. Aber der Zeichner bin ich, und am Ende muss eben ich mir ein Bild von seinen Beschreibungen machen.

Versuchen Sie Klischees über Männer, Frauen, Schwarze und Weiße zu vermeiden?

Wenn ich Asiaten zeichne oder Schwarze oder was auch immer, versuche ich wirklich, Klischees zu vermeiden. Letztendlich mache ich aber eben doch Comics. Natürlich möchte ich die nicht in Misskredit bringen, aber wenn man eine Figur wieder und wieder zeichnet, braucht man stilistische Klischees, weil sie das Tempo steigern. Aber ich gebe mir Mühe; wie gut es mir gelingt, entscheiden die Leser. (Weiterlesen: The Walking Dead Staffel 6: Enttäuscht das Midseason-Finale?)

Ich musste über eine Szene lachen, bei der die Heldin Lori ihr Baby stillt – und nicht wegen der Untoten in Sorge ist, sondern weil ihr älteres Kind ihre Brüste sieht. Wäre das für Amerikanerinnen noch ein Problem, wenn die Welt untergeht?

Dass man sie nackt in der Öffentlichkeit sehen könnte? O je! Nein. Es hat Spaß gemacht, Loris Sorgen beim Stillen aufzugreifen, aber im echten Weltuntergang hätte sie wohl andere Probleme. Wir werden immer wieder mal für Unstimmigkeiten kritisiert, aber wir erzählen nur eine Geschichte und haben nicht die Zeit für alle Details. Neulich bin ich auf die Zahnhygiene angesprochen worden. Und es stimmt: Wir denken in den Comics nicht darüber nach, wie die Überlebenden ihre Zähne pflegen. Natürlich gibt es bei uns Lücken. Neulich hat jemand auf Atomkraftwerke hingewiesen: Wenn die nicht gewartet werden und havarieren, geht die Welt noch einmal unter. Stimmt. (Weiterlesen: „Fear the Walking Dead“ – was taugt das Spin-off?)

Ich habe die Szene auch rausgepickt, um über unterschiedliche Tabus zu sprechen, die in Amerika und in Europa herrschen.

Oho! Na, da haben Sie eins meiner Lieblingsthemen erwischt. Als Europäer bin ich voll auf Ihrer Seite, wenn es um die verrückten Tabus in Amerika geht. In den USA kann ich jede Art von Gewalt zeichnen. Waffen sind eine absolute Selbstverständlichkeit. Aber wenn ich eine nackte Brust zeichne, werde ich geteert und gefedert. Auch weil es die Verkäufe negativ beeinflusst. Die Doppelmoral ist krank. Ich will nicht zu kontrovers werden, aber ein Land, das in fast religiöser Ehrfurcht die Waffe hebt, aber eine öffentlich stillende Frau als Verbrechen an der Natur begreift, ist schräg. Natürlich betrifft mich das bei der Arbeit an „The Walking Dead“ – und ich lerne es immer mehr zu schätzen, dass die Leute in Europa Bilder von Sex und Gewalt mit den gleichen Vorbehalten oder mit der gleichen Offenheit betrachten.

Gab es Szenen, mit denen Sie sich selbst unwohl fühlen?

Ein einziges Mal, bei einer Folterszene. Michonne, eine unserer zentralen Figuren, rächt sich dabei am Gouverneur. Das ist einer der Schurken des Comics. Damals habe ich Robert Kirkman gesagt: Jetzt musst du mich überzeugen, das zu zeichnen. Alle anderen Szenen – der Tod von Glenn, der Schuss ins Auge von Carl, all diese oft wirklich blutigen Bilder muss man zeigen, weil hier der Schockeffekt zählt. Darauf kommt es bei den „Walking Dead“ an: dass die Geschichte immer und überall explodieren kann. Beim Gouverneur und Michonne war es anders. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich bin immer noch überzeugt: Was man nicht sieht, ist mächtiger als das, was man sieht. Ihr Vorstellungsvermögen hat Schlimmeres zu bieten, als ich zeichnen kann. Ob es um Filme oder Comics geht: Wenn das Monster gezeigt wird, ist es zu 99,9 Prozent eine Enttäuschung. Nehmen Sie „Alien“. Der Film ist großartig, aber er ist um so viel besser, solange man das Monster nur aus dem Augenwinkel sieht. Bei den Comics ist es genauso: Wenn das Blut eimerweise fließt, verliert es seine Wirkung.

Was hat Kirkman geantwortet?

Er hat gesagt, dass wir Michonnes Rache sehen müssen – um zu begreifen, wie grausam und unmenschlich die Zombie-Welt sie hat werden lassen. Schreie hinter einer geschlossenen Tür hätten ihm nicht gereicht. Ich bin nicht religiös. Aber wenn wir an Jesu Verbot denken, Auge um Auge Rache zu üben, dann tut Michonne das Gegenteil; und damit ist sie genauso schlimm wie der Gouverneur, an dem sie sich rächt. In der Normalität wäre sie ein besserer Mensch, aber sie hat sich der brutalisierten Welt der lebenden Toten angepasst.

Das Problem an der Folterszene ist ja, dass es einen monströsen Verbrecher trifft, der eine Strafe verdient hat. Die Konstellation rechtfertigt Folter.

Ein guter Punkt. Der Gouverneur ist ein absoluter Bastard, für den es keine mildernden Umstände gibt. Das macht sein Leiden akzeptabel. Das Folteropfer ist böse – mit einem großen B. Und die Frau, die ihn foltert, gehört zu den Guten. Wenn der Gouverneur ein komplexerer Charakter wäre, würde es den Wandel von Michonne schwerer verdaulich machen – und auch interessanter.

Diese Chance verpasst übrigens auch die Netflix-Serie „Marvel’s Daredevil“ – auch hier übt der Held Selbstjustiz, ohne dass es auch nur einmal einen Unschuldigen träfe.

Ah, bitte nicht mehr verraten! Ich habe gerade die erste Episode gesehen und freue mich darauf, wie es weitergeht. Von allen Marvel-Serien ist „Daredevil“ die einzige, bei der ich das Gefühl habe, sie könnte was taugen. Allerdings muss ich zugeben, dass Daredevil auch einer meiner Lieblingscharaktere aus der Marvel-Welt ist. („Daredevil“ im Interview: Charlie Cox beantwortet knallharte Gewissensfragen.)

Marvel gehört – genauso wie „Star Wars – der Disney Company. Wie gefällt Ihnen das?

Wir dürfen Pixar nicht vergessen. Disney gehört so ziemlich jede maßgebliche Entertainment-Firma. Und es ist mir egal. Solange sie gute Filme machen, interessiert mich der Merchandising-Wahnsinn nicht. Das eigentliche Produkt muss gut sein. Bislang ist Marvel unter der Flagge von Disney tadellos. Und seien wir ehrlich. Als Disney Lucasfilm gekauft und einen neuen „Star Wars“-Film angekündigt hatte, haben alle nur gesagt: Muss das sein? Gucken Sie, wie die Meinung umgeschwenkt ist. Ob es Disney war oder Lucasfilm, in einer der Firmen war jemand schlau genug, um das Desinteresse in Hysterie zu verwandeln.

Sie sind bekennender Lego-Fan; Lego ist ein weiteres Unternehmen, das mit „Star Wars“ viel Geld verdient. Würden Sie gern mit einer „Walking Dead“-Edition spielen?

Ich bin ein massiver Lego-Fan und würde es lieben. Aber bedauerlicherweise wird es die „Walking Dead“-Box von Lego nie geben. Das müssen die Fans sich selbst bauen; und ich habe auch schon einige Lego-Zombie-Welten von Fans gesehen. Lego stellt jugendfreies Spielzeug her und wird sich nie an Zombies wagen. Leider. Die Lego-„Walking Dead“-Edition würde vermutlich bedeuten, dass ich jederzeit eine Werkstour in Billund machen dürfteund ein Leben lang Gratis-Lego-Steine beziehen würde. („The Walking Dead“, Staffel 9: Hier geht‘s zum Mid-Season-Trailer)

Gefällt Ihnen eigentlich etwas an den Comics besser als in der Serie? Oder andersrum?

Um ehrlich zu sein, bin ich ein echter Fan der Serie. Natürlich finde ich dies und das in den Comics besser erzählt. Und ich freue mich, wenn Fans mir sagen, dass sie die Serie mögen – die Comics aber besser finden. Wie sollte es auch anders sein? Die Comics sind das Ausgangsmaterial. Und Fernsehen hat seine eigenen Regeln. Einige Dinge gehen hier einfach nicht, das war uns klar. Fernsehen hat ein Budget, in den Comics können wir uns alles leisten. Unterm Strich bleibt „The Walking Dead“ eine Serie, die den Comics gerecht wird.

Robert Kirkman lebt in Kentucky, Sie in England. Wie arbeiten Sie überhaupt zusammen?

Man muss nicht mehr im selben Land leben, um zusammenzuarbeiten. Es gibt Mails, Scanner, WLAN, Breitband-Anschlüsse. Wir skypen. Es ist leicht, auf Distanz miteinander zu arbeiten. Unser einziges Problem ist die Zeitverschiebung. Seine Morgen sind meine späten Nachmittage; und dann muss man auch noch im Blick behalten, ob er gerade in Kentucky oder in Kalifornien ist.

Aber im wirklichen Leben getroffen haben Sie schon mal.

Na klar, oft. Auf Conventions. Es ist nicht so, dass er nur die Skripts schickt und ich draufloszeichne. Ich habe Freunde, die ich in den letzten zehn Jahren seltener gesehen habe als Robert.

Kirkmans neue Serie „Outcast“ hat ein anderer Zeichner übernommen. Liegt das an Ihrem Drang nach kreativer Freiheit?

Ja. Ich hätte keine Zeit für eine zweite Serie. Robert und ich haben über neue Ideen gesprochen, aber zwischendurch möchte ich auch gern mit anderen Künstlern arbeiten. Robert genießt den Luxus, gleichzeitig mit unterschiedlichen Zeichnern zu arbeiten. Das wünsche ich mir auch. Und so gern ich mit Robert an einem zweiten Projekt arbeiten würde – wir müssen vorher erst „The Walking Dead“ zu einem Ende gebracht haben. (Weiterlesen: Was taugt Robert Kirkmans „Outcast“? Kritik und Bilder.)

Was vermutlich nicht passieren wird, bevor sie selbst wandelnde Leichen sind.

Das trifft’s.

Gibt es einen geheimen Punkt, an dem Sie aussteigen? Nach Kapitel 1000? Nach der Verwandlung aller Figuren in Zombies? Oder wenn Sie einfach zu viel Geld mit „The Walking Dead“ verdient haben?

Abwarten. Ich habe keine unmittelbaren Ausstiegspläne. Fürs Erste bin ich verfügbar.

Trotzdem machen Sie nebenher andere Projekte. Zum Beispiel?

Ich habe gerade mein zweites Langzeitprojekt gestartet. „Vampire State Building“, das im französischen Verlag Soleil erscheint. Soleil kooperiert mit Delcourt, dem französischen Verlag von „The Walking Dead“. Es ist also alles eine große Familie. Vor einigen Jahren habe ich für Soleil schon den Band „Breath of the Wendigo“ gezeichnet, und ich liebe die europäische Comic-Industrie.

Erzählen Sie mal ein bisschen über „Vampire State Building“.

Die Geschichte ist mit dem Titel erzählt. Ich zeichne es fast vollständig digital, was ich noch nie gemacht habe. „The Walking Dead“ ist komplett Handarbeit ; wir haben vor zwölf Jahren per Hand angefangen und machen schon aus Gründen der Geschlossenheit auch so weiter .

Genau genommen, haben ja nicht Sie angefangen, sondern Ihr Zeichner-Kollege Tony Moore. Bedauern Sie, dass „The Walking Dead“ nicht ganz Ihr Werk ist? Wollen Sie den Anfang noch mal nachzeichnen?

Alles, nur das nicht. Ich werde immer wieder mal auf diese Idee angesprochen, aber es wäre mein schlimmster Albtraum. Es lässt sich nun mal nicht ändern. Auch wenn es ein bisschen unglücklich ist, dass Tony jetzt seit 146 Bänden im selben Atemzug erwähnt wird, weil die ersten sechs Bände von ihm waren. Aber was soll ich sagen: Man kann seine Bände nicht verschweigen; er hat es in Gang gebracht , er war der Erste, der ein Bild von Rick Grimes entworfen hat. Wir haben nicht darüber nachgedacht, als alles angefangen hat . Wer hätte ahnen können, dass „The Walking Dead“ sich zu so einer gewaltigen Marke auswachsen würde. Man könnte sagen, dass Tony mehr Kapital daraus schlägt als ich, während ich still die Bücher weiterzeichne. Aber es ist, wie es ist. Er hat einen bedeutenden Beitrag geleistet.

Hat jemals ein Fan den Mut besessen, Ihnen zu sagen, dass Moores Bilder besser sind?

Nicht ins Gesicht. So was erfahre ich nur online.

Herr Adlard, was ist, nach all den Jahren mit lebenden Toten, ihr Letzter Wille: Wollen Sie beerdigt oder verbrannt werden?

Ich wollte schon immer verbrannt werden. Als nicht religiöser Mensch halte ich den Körper nur für ein Behältnis, das uns durchs Leben trägt. Wenn ich tot bin, bin ich tot. Es ist mir egal, was danach mit meinem Körper passiert. Sie können jedes Einzelteil zu Forschungszwecken verwenden. Das kratzt mich nicht, selbst wenn nur noch ein Augapfel zum Verbrennen übrig bleibt.


Charlie Adlard wird am 8. April 1966 in England geboren. Seine Arbeit als Comiczeichner beginnt hier mit Serien wie „Judge Dredd“ und „Savage“. Auch die US-Großverlage engagieren Adlard. Für Marvel arbeitet er an „The Hellfire Club“ und „Warlock“; für DC an „Batman: Gotham Knights“ und „Green Lantern“. Mit Titeln wie „White Death“ und „Codeflesh“ macht er sich auch auf dem Gebiet der Graphic Novel einen Namen. Sein bislang größter Erfolg ist die Zusammenarbeit mit dem Autor Robert Kirkman, dessen Zombie-Serie „The Walking Dead“ er 2004 mit Band sieben von seinem Kollegen Tony Moore übernimmt. Daneben arbeitet Adlard auch weiter für europäische Häuser, etwa für den französischen Verlag Soleil, für den er gerade die Serie „Vampire State Building“ entwickelt. „The Walking Dead“ erscheint auf Deutsch beim Verlag Cross Cult.

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