17.09.2015, 17:31 Uhr

Currentzis und Musicaeterna Richard Wagners „Rheingold“ bei der Ruhrtriennale


Bochum. Wenn es groß werden soll und bedeutend, kommt Richard Wagner ins Spiel. So ist das auch bei der ersten Ruhrtriennale von Johan Simons: Er holt das „Rheingold“ ins Ruhrgebiet, als großes Spektakel mit Teodor Currentzis in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Bei der Ruhrtriennale muss immer alles ein bisschen größer sein; selbst „Rheingold“ allein wäre zu wenig. Deswegen lässt Intendant Johan Simons Teodor Currentzis und Musicaeterna spielen, die wilde Truppe aus Perm. Dann findet Wagners tönende Kapitalismuskritik in der Jahrhunderthalle Bochum statt, in einer Kathedrale aus der Blütezeit der Industrialisierung also: was für ein Spannungsfeld! Und schließlich wagen Simons und Currentzis, was in Bayreuth mit Hügelbann belegt würde: Sie lassen das Räderwerk der Musik stillstehen, addieren elektronisches Brummen und Quietschen sowie ein antikapitalistisches Manifest hinzu. Hier weiterlesen: Haydns „Schöpfung“ bei der Ruhrtriennale

Hereingeführt wie ein Mafiaboss: Teodor Currentzis

Deshalb wummert das tiefe „Es“ bereits durch die Halle, lange bevor es losgeht: der Ur-Ton, aus dem Wagners Weltdeutungsmodell namens „Ring des Nibelungen“ wuchert, elektronisch verstärkt. Dann wird Teodor Currentzis hereingeführt, von den Kontrabassisten seines Orchesters Musicaeterna umgeben, als wären sie Bodyguard und Currentzis ein wichtiger, bedrohter Politiker oder Mafiaboss. Das Orchester kommt hinzu, und irgendwann grummelt der echte Wagner im Orchester mit, entwickelt sich der berühmte Kanon der acht Hörner, wiegt und wogt und wallt Richard Wagners lautmalerische Schöpfungsgeschichte. Das Vorspiel aus dem Lautsprecher (Sounddesign: Will-Jan Pielage) ist dabei ein Gimmick, ebenso wie die Einlage in der berühmten Hämmerszene, wo die Musiker mit Currentzis zusammen mit Hämmern die Stahlgerüste der Halle abklopfen. Das schadet Wagner nicht, einer tieferen Erkenntnis dient es aber auch nicht.

Was zwischen den Showeinlagen passiert

Da lohnt es sich schon eher, auf das zu achten, was zwischen den Showeinlagen passiert. Currentzis mit seinem Orchester nähert sich dem „Rheingold“ quasi von hinten, aus der musikgeschichtlichen Vergangenheit, und deckt auf, wie sehr Wagner hier noch dem Orchesterrezitativ verpflichtet war, wie sehr der Neuerer also in der Operntradition wurzelt. Andererseits legt Currentzis dar, wie weit Wagner in die Zukunft reicht, wie etwa Gustav Mahlers Naturidyllen bereits anklingen. So nimmt Currentzis Wagner gewissermaßen in die Zange aus Vergangenheit und Zukunft und offeriert die Musik ungewöhnlich licht und ungewöhnlich rhythmisch, scharf akzentuiert, fast tänzerisch. Umso krasser ist der Kontrast bei den Riesen Faffner und Fasolt: Da steht das Orchester auf und charakterisiert die beiden als kantig, roh und angsteinflößend. Der dynamische Höhepunkt, wenn Mime den Hort umräumt, schmerzt grässlich in den Ohren, während das Orchester bis an die Grenze der Hörbarkeit zurückgeht, wenn Alberich den Tarnhelm erklärt. Klar darf Currentzis nicht vom Leder ziehen wie bei Mozart oder Rameau ; so viel Freiheit räumt Wagner einfach nicht ein. Trotzdem holt der Dirigent überraschende Aspekte aus der Partitur.

Tolle konzerte Aufführung

Mit ihm arbeiten hervorragende Sänger: Mika Kares ist ein verführerisch eleganter Wotan, Leigh Melroses Alberich erinnert an Günter Wallrafs „Ganz unten“-Ali und singt herrlich böse, geifernd, gewalttätig. Ebenfalls fein: Elmar Gilbertsson als geplagter Mime, und Anna Patalong, Dorottya Láng und Jurgita Adamonyte als reizende Rheintöchter. Peter Lobert gibt Fafner wuchtiges Format; bezaubernd lyrisch und eindringlich singt schließlich Jane Henschel als Erda. Lediglich Peter Bronders Loge enttäuscht.

Musikalisch geht das Ruhr-„Rheingold“ also wunderbar auf. Und die Inszenierung durch den Ruhrtriennalen-Intendanten? Nun, Simons findet allenfalls zu einer halbszenischen Fassung: vor dem Orchester drei Wasserbassins, über dem Orchester Walhall als Villa im Gründerzeit-Look, in einem eingeschobenen Monolog von Stefan Hunstein Kapitalismuskritik à la „Eigentum ist Diebstahl“ – sonderlich originell ist das nicht. Eine schöne Idee ist es, Nibelheim im Bergbau zu verorten (Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Teresa Vergho); ansonsten hätte dem Abend etwas von dem Mut zur eigenen Geschichte gutgetan, den Frank Castorf in Bayreuth an den Tag gelegt hat. Als konzertante Aufführung war der Abend allerdings exquisit.


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