15.01.2010, 05:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

„Das Stück muss ins Schwingen kommen“

Beschwören den Geist Violettas: das „Traviata“-Team Hermann Bäumer, Nadja Loschky und Gabriele Jaenecke. Foto: Jörn MartensBeschwören den Geist Violettas: das „Traviata“-Team Hermann Bäumer, Nadja Loschky und Gabriele Jaenecke. Foto: Jörn Martens

Passend zur Premiere von „La Traviata“, küren die Zuschauer von 3sat das Werk zur besten Oper aller Zeiten. Regisseurin Nadja Loschky hält zwar solche Votings nicht für das Maß der Dinge. Aber ein herausragendes Stück ist die Verdi-Oper auch für sie.

So viel Klasse nötigt Respekt ab. Vor gut zwei Jahren sagte sie dem „Deutschlandradio Kultur“, sie fühle sich noch nicht reif für Verdi. Denn über dessen „Rigoletto“ kam sie überhaupt zu Oper. „Deshalb war da von Anfang an eine sehr große Liebe und ein sehr großer Respekt. Deshalb traut man sich an solche Stücke nicht so leicht ran wie an ein Stück, das mir weniger am Herzen liegt.“

Mittlerweile hat sie ihr Regie-Studium an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin abgeschlossen mit einer Inszenierung von Monteverdis „Poppea“, („ein gutes Zwischenstadium“). Außerdem hatte Intendant Holger Schultze bei ihr angerufen und sie gefragt, ob sie die „Traviata“ machen wolle. Worauf sie spontan Ja sagte – um dann bei ihrer Professorin und jetzigen Ausstatterin Gabriele Jaenecke anzurufen. Mit ihr verstand sie sich schon während des Studiums hervorragend, was nun zur ersten gemeinsamen Regiearbeit führt.

„Assoziativ“ haben sie für die Inszenierung Material gesammelt: Zeitungsausschnitte, Kunstwerke, Gedichte von Hölderlin und Bachmann und den Roman „Nachtzug aus Lissabon“ von Pascal Mercier: In drei Tagen hat sie den gelesen und viel gefunden über die seelischen Zustände von Menschen, die gefangen sind. Denn eine Gefangene ist auch die Edelkurtisane Violetta.

Dabei ging es Loschky nicht darum, moralisch zu bewerten, welches Leben Violetta lebt. Ebenso wenig wollte sie das Stück in die Jetztzeit übertragen. „Was uns überhaupt nicht interessiert hat, ist, eine Straßenstrich-Hure im heutigen Berlin zu zeigen.“ Vielmehr begreift Loschky die Hure „als eine Außenseiterin, die sich gegen die Gesellschaft behauptet“. Eine Gesellschaft, die sich, wie Dramaturgin Dorit Schleissing ergänzt, eben den Luxus schöner und gebildeter Frauen leistet.

Mit Jaenecke zusammen hat sie dafür eine abstrakte Schwarz-Weiß-Welt entwickelt, natürlich inspiriert von einem der vielen Fotos und Schnipsel, die sie bei ihrer Materialsuche zusammengetragen haben. Versatzstücke aus verschiedenen Zeiten sollen das Zeitlose des abstrakten Raums betonen, in dem Violetta, dargestellt von Natalia Atamanchuk, ihrem von Verdi so himmlisch schön ausgestalteten Bühnentod entgegengeht.

Zutiefst emotional hat Verdi das getan, und darin liegt für Loschky auch der Grund, warum das Fernseh-publikum die Oper zur besten aller Zeiten kürte: ein gut gebautes Stück mit genialer Musik. Die umzusetzen ist die Aufgabe von Generalmusikdirektor Hermann Bäumer, damit sich die Hoffnung Loschkys erfüllt: dass es „ins Schwingen kommt“.


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