06.05.2015, 20:30 Uhr

Rasanter Überflieger aus Ostwestfalen Herforder Museum Marta wird zehn Jahre alt


Herford. Das Herforder Museum Marta wird am 7. Mai 2015 zehn Jahre alt. Als Kunst-Ufo anfangs misstrauisch beäugt, hat es sich längst etabliert. Aber wo steht das Haus jetzt?

„Wir sind ein junges Museum, eigentlich noch im Babyalter“, sagt Marta-Direktor Roland Nachtigäller und lächelt kokett dazu. Dabei kürte der Kunstkritikerverband AICA das Haus mit der markanten, von Architekturstar Frank O. Gehry entworfenen Wirbelkontur erst 2014 zum Museum des Jahres. Allerdings verfügt das Marta über eine mit 370 Werken nur bescheiden dimensionierte Sammlung. 2500 Quadratmeter Ausstellungsfläche und 2,7 Millionen Euro Jahresetat weisen das Haus nicht unbedingt als Schwergewicht in der Museumslandschaft aus. Macht aber nichts. Das Marta definiert sich nicht über Volumen, sondern über Beweglichkeit.

Das Marta wurde 2014 zum Museum des Jahres gewählt. Was bedeutet diese Auszeichnung? Lesen Sie hier den Kommentar.

Insofern beeindrucken turbulent verdrehte Fassade und das wie ein Banner flatternde Titandach des Hauses als programmatisches Statement. Die Marta-Mannschaft spielt einen offensiven Stil – mit Themen auf der Grenze zwischen Kunst, Design und Gestaltung, einem feinen Gespür für Trends und jeder Menge Entdeckungen guter Künstlerinnen und Künstler.

Konsequent reißen Roland Nachtigäller und seine Kuratoren Grenzpfähle um, die bislang das etablierte Terrain von Künsten markieren. Das Marta präsentierte zuletzt Künstler als Sammler, erkundete mit der Schau „Booster“ die Schnittmenge zwischen Kunst und Klang. Und derzeit läuft eine Präsentation, die Künstler als Vordenker und Kommentatoren der Architektur präsentiert. Dazu die privaten Fotos von Frida Kahlo als Publikumsrenner – und fertig ist eine ebenso unterhaltsame wie inspirierende Ausstellungsmixtur. Rund 65000 Besucher im Jahr markieren keinen sensationellen, aber einen mehr als achtbaren Wert.

Das Museum Marta zeigt Fotos von Frida Kahlo. Warum ist die Schau eine Sensation? Lesen Sie hier die Kritik.

„Es gibt einen breiten Konsens für das Marta. Viele Leute sind aus dem Schimpfmodus herausgekommen“, konstatiert Museumsleiter Nachtigäller. Vorbei scheinen in der Tat die Zeiten, in denen manche Herforder das futuristische Marta als vermeintlichen Fremdkörper anfeindeten und das Programm als zu abgehoben kritisierten. Gründungsdirektor Jan Hoet – der 2014 verstorbene ehemalige Documenta-Leiter amtierte in Herford bis 2008 – verbrachte seine Zeit jedenfalls im Kampfmodus. Kontroversen um Ausstellungen verblassten beinahe gegenüber Anfeindungen wegen überzogener Etats. Legendär Jan Hoets Ankündigung von 2006, persönlich für Defizite des Marta haften zu wollen.

Der Kurator Jan Hoet starb 2014. Lesen Sie hier den Nachruf auf den Gründungsdirektor des Museums Marta.

Alles Schnee von gestern? Offensichtlich. Herfords Bürgermeister Tim Kähler (SPD) lobt das Museum Marta nicht nur als „ganz wichtiges Aushängeschild“, er will auch dafür sorgen, dass das Haus keine finanziellen Sorgen drücken. Die könnten sich allerdings 2016 ergeben. Dann fehlen rund 500000 Euro, die bislang an das über eine städtische Energie-Holding aufgestellte Marta indirekt vom Energieversorger Eon geflossen sind. Eon zieht sich aus dem Konstrukt zurück, dafür übernimmt die Stadt den Betrag, der aus Gewinnen eines Energienetzes bezahlt werden soll. „Der Betrag wird mittelfristig hinterlegt“, gibt Bürgermeister Kähler eine Zusage für die nächsten fünf Jahre. Das Museum erwirtschaftet ohnehin schon einen erheblichen Teil des Budgets selbst. Der öffentliche Zuschuss liegt den Angaben zufolge bei insgesamt 1,6 Millionen Euro pro Jahr. Rund eine Million erzielt das Marta selbst über Sponsoren, Eintrittsgelder, den Museumsshop und Vermietungen des Marta-Forums.

Was läuft aktuell im Museum Marta? Lesen Sie hier die Kritik zur Ausstellung mit Architekturobjekten.

Und wie geht es weiter? Roland Nachtigäller will zum Jubiläum eigentlich nicht zurück-, sondern lieber in die Zukunft blicken. Er möchte die Sammlung des Hauses weiter ausbauen, um künftig im Austausch der Leihgaben mit anderen Häusern besser mithalten zu können. „Wir müssen eigentlich immer mehr ein Museum werden“, sagt er zu der Entwicklungsperspektive seines Hauses. Allerdings gilt für einen Tag: Glückwunsch an den Museumsüberflieger Marta!


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