22.03.2015, 14:27 Uhr

Konzert in der Osnabrückhalle Sinfoniker aus Wolgograd und Osnabrück begeistern


Osnabrück. Die Kooperation der Sinfonieorchester aus Wolgograd und Osnabrück geht in die zweite Runde. Diesmal auf dem Programm: ein neues Werk von Jens Joneleit und die „Leningrader Sinfonie“ von Dmitri Schostakowitsch.

Dieses Konzert ist mehr als ein Konzert: Es ist ein politisches Statement. Nicht nur weil es des Endes des Zweiten Weltkriegs gedenkt, sondern auch weil das Akademische Sinfonische Orchester Wolgograd und das Osnabrücker Symphonieorchester, zwei Orchester einstmals verfeindeter Völker mithin, zu einem glänzenden Klangkörper verschmelzen .

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit

Deshalb beginnt das Matineekonzert in der Osnabrück-Halle mit Begrüßungsreden: vom Osnabrücker Theaterintendanten Ralf Waldschmidt, vom Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, von der Leiterin des Komitees für Kultur und Bildung der Wolgograder Gebietsduma, Tatjana Zibisova. Was sie sagen, ist erwartbar, aber deswegen nicht weniger richtig und wichtig. Denn die beiden Orchester auf der Bühne werden durch insgesamt vier Konzerte in Osnabrück, Moskau und Wolgograd tatsächlich zu „Botschaftern des Friedens“, wie Griesert sagt. „Frieden ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Waldschmidt; die Orchesterkooperation zeige, dass „ein friedliches Miteinander möglich ist“. Dann schwenkt er zur eigentlichen Sache, zur Musik: Die „spricht für sich selbst“, vermittele damit „eine universelle Botschaft“. Erfrischend euphorisch sagt Zibisova, die Musik sei der „Schlüssel zu den Herzen“. Denn bei aller Politik: Dieses Konzert ist ein Konzert ist ein Konzert. Ein ziemlich gutes sogar.

Jens Joneleit  hat dafür eine Auftragskomposition geschrieben, die der Opfer und des Endes des Zweiten Weltkriegs aus heutiger Sicht gedenkt. Er übt sich dabei in Zurückhaltung: In „Ehrfurcht (Andacht)“ spielen lineare Linien und Klangschichtungen mit den klanglichen Möglichkeiten des spätromantischen Sinfonieorchesters, und keineswegs zufällig beginnt das Werk mit einem Zweitonmotiv, das den Beginn des Adagios aus Bruckners neunter Sinfonie zitiert. Joneleit beruft sich also auf ein kühnes Schlüsselwerk der musikalischen Moderne. Doch entwickelt er daraus keine Neue-Musik-Schlacht, und was die Klangmöglichkeiten des Orchesters angeht, bleibt er innerhalb des spätromantischen Spektrums. Dafür eröffnen seine kargen Klangflächen Assoziationsräume  für eigene Gedanken über Kriegsopfer und -leid. Diese Freiräume erschließen der Osnabrücker Generalmusikdirektor Andreas Hotz und das doppelte Orchester mit Klangsinn und mit der nötigen Präzision, um auch mal rabiat wie ein Granateneinschlag in die Stille zu fahren. Das Publikum dankt mit herzlichem Applaus für das engagierte Spiel und für die Komposition.

Eine strahlende Orchesterfreundschaft

Ohnehin kommt Joneleits Komposition die schwierige Funktion zu, nicht nur das Konzert eröffnen, sondern auch noch dem Monstrum von Dmitri Schostakowitschs siebter Sinfonie, der „Leningrader“, paroli bieten zu müssen. Und da setzt Joneleit einen passenden Kontrast entgegen.

Schostakowitsch hat die menschliche Tragödie des Krieges ungleich konkreter in Töne gefasst. Er legt falsche Fährten, lässt Idyllen von Morgenrot und Vogelgezwitscher aufscheinen, präsentiert typische Schostakowitsch-Themen: markant, einfach, ein bisschen schräg. Dem gegenüber stehen die Schreckensvisionen von Krieg und Leid – am prägnantesten im Marsch des ersten Satzes, der sich aus leisestem Pianissimo zu lärmender Donnergestalt auswächst.

Der russische Dirigent Alexander Polyanichko hat für dieses Werk die beiden Orchester zusammengeführt; er ist ein Kenner der Materie. Deswegen klappt nicht gleich jedes Detail auf Anhieb, aber es bleiben ja noch drei gemeinsame Konzerte. Und entscheidend ist: Unter seiner Leitung entwickelt das Orchester einen sonoren, dunklen Klang; die Streicher kommen mit hoher Intensität zur Geltung, die Bläsersolisten an Flöte, Oboe und Fagott leisten Großes, das Blech sowieso. Am Ende bricht sich Hoffnung Bahn: Zum Schluss strahlt die deutsch-russische Orchesterfreundschaft im hellsten Licht und flammender Intensität.


Wiederholung des Konzerts: Montag, 23. 3., 20 Uhr, in der Osnabrück-Halle. Kartentelefon: 05 41/34 90 24.

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