30.01.2015, 17:29 Uhr

Bucerius Kunst Forum Hamburg Ausstellung „Miró. Malerei als Poesie“

80 Werke aus allen Schaffensphasen sowie eine Auswahl aus Mirós Künstlerbüchern werden gezeigt. Foto: dpa80 Werke aus allen Schaffensphasen sowie eine Auswahl aus Mirós Künstlerbüchern werden gezeigt. Foto: dpa

Hamburg. Kunstdrucke, Poster, Kalender, Postkarten, Kaffeebecher, lauter massenkompatible Scheußlichkeiten gibt es von Bildern Joan Mirós (1893– 1983). Seine leicht eingängigen Motive sind auch bei denjenigen beliebt, die nicht regelmäßig die Schwelle eines Museums überschreiten. Das Bucerius Kunst Forum widmet ihm nun eine Ausstellung.

Kunstkenner lassen Miró und sein spielerisch aufgeladenes Werk eher ein wenig links liegen. Vielleicht zu Unrecht. „Die akademische Kunstgeschichte muss Miró erst noch entdecken. Sie hat ihn gemieden. Es ist daher auch nicht bewusst, wie sehr er in die Avantgarde eingebunden war“, sagt jedenfalls Ortrud Westheider, die Direktorin des Bucerius Kunst Forums in Hamburg.

In der Ausstellung „Miró. Malerei als Poesie“ untersucht das Ausstellungshaus jetzt weltweit erstmals einen bisher weitgehend unbeachteten Aspekt seines Werkes: Wie sehr hat sich Miró von der literarischen Avantgarde seiner Zeit, namentlich im Paris der 1920er-Jahre, inspirieren lassen? Und inwiefern wirkten seine Bilder zurück, indem sie befreundete Poeten zu Texten ermunterten? Rund 80 Werke aus allen Schaffensperioden sind zu sehen, darunter über 40 Gemälde und – ganz zentral bei diesem Künstler – ebenso viele, häufig aufwendig gestaltete Künstlerbücher und Mappenwerke, die prominent in großen Vitrinen präsentiert werden. Im Medium des Buches entstanden bedeutsame Gemeinschaftswerke mit so bekannten Dichtern wie Paul Éluard, René Char, Pablo Neruda oder Alfred Jarry. 1700 Bände, so berichtet Juan Punyet Miró, der extra aus Mallorca angereiste Enkel des Künstlers , umfasse die vollständig erhaltene Bibliothek seines Großvaters, die heute in der Fundació Joan Miró in Barcelona aufbewahrt wird. Darunter finden sich Werke von Shakespeare, Dante, Goethe, Dostojewski, Nietzsche oder Rimbaud.Sein Großvater habe einen geregelten Tagesablauf gehabt. Von 9 bis 14 Uhr Malen, dann zwei Stunden Mittagessen, danach eine halbe Stunde Siesta. Anschließend widmete er sich dem Studium literarischer Werke. Nachts im Atelier drehte er dann noch einmal so richtig auf. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung setzt ein mit Mirós Frühwerk. Bereits auf einem noch dem Kubismus verhafteten Stillleben mit Schaukelpferd, Tonpfeife und Glas ist ein aufgeschlagenes Buch zu sehen. Auf dem Stillleben „Nord-Sud“ von 1917 sind ein Goethe-Band sowie der Schriftzug der Titel gebenden Literaturzeitschrift zu erkennen.

Mit dem Umzug nach Paris 1920 kam ein Wendepunkt: Miró begann, die Gegenstände aufzulösen. Erste monochrome Bilder entstanden. Die wenigen noch übrig gebliebenen Formen und Figuren scheinen jetzt zeichenhaft vor dem Fond zu schweben. Miró verkehrt in surrealistischen Pariser Dichter- und Künstlerkreisen, wo seine Bilder großen Anklang finden. „Es ging den surrealistischen Dichtern darum, die Sprache von der rationalen Geste zu befreien, um dem Leser die eigenen Assoziationen zu öffnen. Miró hat diese Befreiung unterstützt und sich Gedanken gemacht, wie man das in Malerei umsetzen kann“, erläutert Ortrud Westheider. Ausgehend von der Schrift, entwickelt er eine vollkommen neue, sehr eigenwillige Bildsprache. Auch wenn auf vielen seiner Bilder an Schriftzeichen erinnernde Symbole erkennbar sind, so entfalten diese jedoch keinerlei semantische Logik. Sie mutieren vielmehr zu frei flottierenden poetischen Formen zwischen Landschaften, Körpern und dem Kosmos.Die Freundschaft mit Surrealisten wie André Breton oder Louis Aragon ermunterte ihn Mitte der 1920er Jahre zu immer fantastischeren Bildideen. Weibliche Körper treffen auf Sterne, Sonnen und Vogelköpfe. Über allem schwebt eine große mediterrane Leichtigkeit, die, auch das zeigt die Hamburger Schau, 1936 nach der Machtübernahme durch Franco zunächst einmal umkippt. Unter dem Schock der Ereignisse entstehen vorübergehend auch dunkeltonige Bilder voller düsterer Dramatik. Ortrud Westheider: „Die politische Dimension dieses Künstlers wird hier
sehr deutlich. Dies alles
trägt zur Revision von Miró bei.“

Hamburg, Bucerius Kunst Forum: Miró. Malerei als Poesie. 31. Januar bis 25. Mai 2015. Mo-So 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr. www.buceriuskunstforum.de


0 Kommentare