23.01.2015, 15:07 Uhr

Reise durch den Kontinent vergessener Bilder Jürgen Kaumkötters Buch über Kunst zum Holocaust

Der Autor und sein Buch: Jürgen Kaumkötter im Gespräch. Foto: Michael GründelDer Autor und sein Buch: Jürgen Kaumkötter im Gespräch. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ ist der Titel von Jürgen Kaumkötters Buch über Holocaust-Kunst. Der Band zeigt viele ungesehene Bilder.

Osnabrück. Sie hat leuchtend blaue Augen und trägt ein rosa Kleid. Er ist hingerissen und malt die junge Schöne in einem Aquarell. Eine normale Künstlerromanze? Nein, denn der Maler Jan Markiel sitzt im Konzentrationslager Auschwitz, und die junge Frau, Krystyna Madej, ist jenseits des Lagerzauns, hilft den Gefangenen. Das 35 mal 25 Zentimeter große Bild entsteht 1944. In diesem Jahr wird der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum in Auschwitz ermordet. Doch von Tod und Vernichtung ist auf dem Bild von Markiel nichts zu spüren. Er malt das perfekte Idyll.

Jürgen Kaumkötter kuratiert die Ausstellung „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ im Deutschen Bundestag. Wie sieht sein Konzept aus? Lesen Sie hier das Interview.

Es sind Bilder wie die von Markiel, mit denen Jürgen Kaumkötter die vielen anrührenden und zugleich bestürzenden Geschichten erzählt, die er in seinem Buch „Der Tod hat nicht das letzte Wort“ versammelt hat. Kaumkötter zeigt in seinem Buch rund 250 Kunstwerke als Beispiele eines ganzen Kontinents vergessener Bilder. Sie entstanden in den Konzentrationslagern oder werden bis heute geschaffen – als Beispiele einer Kunst, die das Grauen von Verfolgung und Völkermord thematisiert. Kaumkötter weist den Weg zu diesen Bildern und kämpft um ihre kunsthistorische Anerkennung.

Felix Nussbaum hat in Auschwitz vor seinem Tod 1944 länger gelebt, als bisher angenommen. Was sagen Jürgen Kaumkötter und andere Experten dazu? Lesen Sie hier den Bericht.

Dazu besteht gerade in Deutschland, dem Land der Täter, aller Anlass. Was Wissenschaftler in den USA, in Polen, Israel und weiteren Ländern als „Holocaust-Kunst“ untersuchen, findet hierzulande noch zu wenig Beachtung. Künstler wie Peter Kien, Marian Ruzamski oder eben Jan Markiel sind nur wenigen Experten ein Begriff. Kaumkötter breitet in dem Buch das Resultat seiner jahrelangen Spurensuche aus. Zugleich plädiert er eindringlich dafür, die Kunst aus den Lagern nicht nur als historisches Dokument, sondern als absolute, eigenwertige Kunst zu sehen. Ein unlösbarer Widerspruch?

Es scheint so. Denn Kaumkötter legt den ganz persönlichen Anstoß seiner Forschung offen. Er fragt sich, ob nicht eigene Vorfahren von der Verfolgung der Familie Nussbaum materiell profitiert haben. Der Buchautor avanciert so auch zum Rechercheur in eigener Sache – und zum Repräsentanten einer Generation, die nach der Schuld der Eltern und Großeltern fragt. Damit gewinnt Kaumkötter Glaubwürdigkeit – und gerät in ein Dilemma. Denn er fokussiert Kunst als Zeugnisse der Opfer und möchte sie zugleich doch auch jenseits dieser thematischen Klammer sehen. Ein schwieriger Spagat.

Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück ist längst ein Architekturklassiker. Lesen Sie hier, warum das so ist.

Weitaus wichtiger ist allerdings die Leistung Kaumkötters, den Blick der Forschung wie des breiten Lesepublikums auf eine Terra incognita der Kunst zu richten und zugleich Lebensläufe der Opfer des Holocaust detailreich auszuleuchten. Mit der Frage, wie Kunst ausgerechnet im Konzentrationslager Auschwitz entstehen konnte, fokussiert der Autor den immanenten Irrsinn des Terror- und Vernichtungssystems selbst. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Ansatz Kaumkötters, Holocaust-Kunst 1945 nicht einfach enden zu lassen, sondern sie als Thema bis in die Gegenwart weiterzuverfolgen.

Der Blick auf die KZ-Comics von Michel Kichka oder die Objektkunst Sigalit Landaus provoziert die Frage nach Fernwirkungen des Völkermords im Leben der Generationen. Eine wichtige Frage.

Jürgen Kaumkötter: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Kunst in der Katastrophe 1933–1945. Galiani-Verlag Berlin. 384 Seiten, 39,99 Euro.


0 Kommentare