03.10.2014, 18:30 Uhr

Abschiedstournee nach 40 Jahren Tenor Steven Harrold erklärt das Geheimnis des Hilliard Ensembles

Nach 40 Jahren verabschieden sie sich: Steven Harrold, Rogers Covey-Crump, Gordon Jones und David James (von links), das Hilliard Ensemble. Foto: Marco BorggreveNach 40 Jahren verabschieden sie sich: Steven Harrold, Rogers Covey-Crump, Gordon Jones und David James (von links), das Hilliard Ensemble. Foto: Marco Borggreve

Osnabrück. Nach 40 Jahren verabschiedet sich das Hilliard Ensemble von der Bühne. Vorher begibt sich das Quartett auf Abschiedstournee durch die Kirchen, die den britischen Gentlemen besonders ans Herz gewachsen sind; zum Abschluss des Festivals Musica Viva gastiert das Ensemble in der Osnabrücker Marienkirche. Mit dabei ist einmal mehr der Saxofonist Jan Garbarek. Über den Erfolg der Hilliards sprachen wir mit Steven Harrold.

Mr. Harrold, seit wann singen Sie im Hilliard Ensemble?

Fünfzehn Jahre habe ich mit der Gruppe gesungen.

Können Sie abschätzen, wie viele „Kyrie“, „Dona nobis“ und „Hallelujah“ Sie gesungen haben?

Das weiß ich nicht. Was ich sagen kann, ist, dass ich weit mehr als tausend Konzerte gesungen habe.

Sie haben mit vielen anderen Alte-Musik-Ensembles gearbeitet. Was macht die Hilliards aus?

Nun, die Hilliards sind bekannt für ihr breit gefächertes Repertoire. Der wichtigste Unterschied zu anderen Ensembles besteht aber darin, dass wir keinen Dirigenten haben, der uns erklärt, wie die Musik funktioniert. Wir treffen unsere Entscheidungen zu viert, als gleichberechtigte Partner.

Also eine demokratische Art zu singen?

Exakt.

Wie kommt der besondere Hilliard-Sound zustande?

Das ist nichts, was wir steuern. Der Klang ergibt sich aus dem Miteinander unserer vier Stimmen. Das hat sich über die Jahre organisch weiterentwickelt, aber die Stimme von David James, dem Countertenor, hat sehr viel mit dem Sound der Gruppe zu tun: Er singt von Anfang an beim Hilliard Ensemble.

Singen Sie überhaupt „Alte Musik“ im Sinne der historischen Aufführungspraxis?

Wir haben natürlich ernst genommen, was uns Experten gesagt haben. Aber es war nie unser Ziel, Alte Musik wiedererstehen zu lassen. Wir machen Musik für das heutige Publikum und versuchen nicht, etwas als Wahrheit hinzustellen, das unsere Zuhörer sowieso nicht nachprüfen können.

Warum hat sich das Hilliard Ensemble so sehr auf die Musik vor 1600 konzentriert?

Das hat unter anderem mit dem Umfang unserer Stimmen zu tun: Schreitet man weiter voran in die Epoche der Renaissance, braucht man einen Sopran und einen tiefen Bass. Die Fokussierung auf dieses Repertoire hat also sehr praktische Gründe.

Was machte denn den Erfolg des Hilliard Ensembles aus?

Es gab zwei große Momente im Leben des Hilliard Ensembles: Der eine war, den Komponisten Arvo Pärt zu treffen, der andere den Jazz-Saxofonisten Jan Garbarek . Die Projekte mit diesen beiden Künstlern erreichten ein breites Publikum und machten klar, dass wir sehr unterschiedliche Sachen machen.

Wer kam denn auf die geniale Idee, Ihre Musik mit der des Jazzsaxofonisten Jan Garbarek zu kombinieren?

Ich war damals ja noch nicht dabei. Ich weiß aber, dass Jan die Musik des Hilliard Ensembles gehört hat und das sein Interesse geweckt hat. Außerdem war da natürlich Manfred Eicher, der Chef des Labels ECM. Der war immer daran interessiert, seine Künstler zusammenzubringen und mit den Kombinationen zu experimentieren. Und schließlich war da der frühere Hilliard-Tenor John Potter, der Jan und dessen Musik sehr gut kannte. Ich weiß nicht, wer die erste Anregung gab, aber es entsprang dieser ECM-Connection.

Sie wollten auf Ihrer Abschiedstournee unbedingt noch einmal in der Osnabrücker Marienkirche singen. Was macht diese Kirche für Sie so außergewöhnlich?

Wir haben einige Konzerte dort gesungen und haben die Kirche in bester Erinnerung. Außerdem haben wir dort immer ein sehr gutes, sehr aufmerksames Publikum angetroffen. Und schließlich ist die Akustik dort sehr speziell und hilft uns, die Musik sehr einzigartig klingen zu lassen. Ich würde sagen, St. Marien zählt zu den besten Kirchen , in denen wir in Deutschland auftreten.

Was kommt in den nächsten 40 Jahren?

Nun, ich kann nicht für meine Kollegen sprechen, aber ich weiß, dass sie diesen Schritt nicht als Rückzug von der Musik verstehen. Aber das Hilliard Ensemble war eine große Verpflichtung: Wir sangen allein achtzig, neunzig Konzerte pro Jahr. Davon verabschieden wir uns. Ich selbst bin ja der Jüngste und muss deshalb noch eine ganze Menge singen... Ich werde künftig mit Gruppen arbeiten, mit denen ich bereits vor den Hilliards zusammengearbeitet habe. Zum Beispiel werde ich mehr Konzerte mit den Gothic Voices machen, einem kleinen Kammermusik-Ensemble.


Hilliard Ensemble und Jan Garbarek: 5.10. Osnabrück (ausverkauft). Weitere Termine: 17.10.Hamburg, 21.10. Paderborn, 25./26.10. Köln, 1.11. Hanover, 2.11. Bremen. Alle Tourtermine: www.hilliard ensemble.demon.co.uk

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