20.09.2013, 15:33 Uhr

Staatsoper mit „Der Meister und Margarita“ Apple-Rausch statt Auerbachs Keller

<em>Hingebungsvoll:</em> Dietrich Henschel (Meister/Jeschua) und Cristina Damian (Margarita). Foto: Jörg LandsbergHingebungsvoll: Dietrich Henschel (Meister/Jeschua) und Cristina Damian (Margarita). Foto: Jörg Landsberg

dö Hamburg. Nicht Opernchefin Simone Young hat die neue Spielzeit an der Staatsoper Hamburg eröffnet, sondern der Nürnberger Musikchef und einstige Osnabrücker Kapellmeister Marcus Bosch. Auf dem Programm: Die Opern „Der Meister und Margarita“, die York Höller nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow komponiert hat.

Hamburg. York Höllers Oper „Der Meister und Margarita“ ist ein Spätheimkehrer: Ursprünglich von der Hamburgischen Staatsoper in Auftrag gegeben, erlebte das Werk seine Uraufführung 1989 in Paris. Erst jetzt hat die Oper nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow zurückgefunden; das Haus eröffnet damit die neue Spielzeit – und verbreitet damit durchaus Lokalkolorit. Dafür hat Regisseur Jochen Biganzoli zum Beispiel Corny Littmann auf die Bühne geholt.

Im blau glitzernden Smoking moderiert er vor der Pause eine Varieté-Einlage, halb Reminiszenz an die Ballszenen der Operette, halb Auerbachs Keller. Ruhig sitzt dabei Voland, der „schwarze Magier“, in seinem Sessel am vorderen Bühnenrand, während seine Gehilfen Geld vom Himmel regnen lassen. Littmann fühlt sich wie in „Hamburgs größtem Varieté“, es setzt ein paar Pointen zu HSV und Elbphilharmonie, und am Ende taumelt alles in den ultimativen Rausch. Den holt man sich aber nicht im Wein, der aus den Tischen fließt, sondern im Apple-Store bei einer wollüstigen Alt-gegen-neu-Plünderei.

Ein grell-buntes Fest zaubert Biganzoli hier auf die Bühne, wie er es zuletzt in Osnabrück bei „Nusch-Nuschi“, der mittleren der drei Operneinakter von Paul Hindemith, getan hat. Ein schriller Akzent im dominierten Labor-Weiß auf der Bühne von Johannes Leiacker.

Ein „Meister“ dominiert diese Bühne zunächst: Der Autor einer Geschichte über den Tod Jesu; der schwarz gekleidete, barfüßige Existenzialist erscheint in weltlicher Dreifaltigkeit. Gleichzeitig ist dieser Meister Jeschua, jener Jesus, den Pontius Pilatus zum Tod verurteilt, eine zweite Handlungsebene. Eine dritte handelt von staatlichen Stellen, die die Existenz Jesu leugnen – Bulgakow selbst kämpfte mit der Zensur des stalinistischen Russland –, bei diesem surrealistischen Spott verstand das Regime keinen Spaß.

Den Beweis für die Existenz Gottes und Jesu führt der Gegenspieler: Mephisto in Gestalt Volands, des schwarzen Magiers. Wie schon bei Goethe – der einen Cameo-Auftritt bekommt – ist dieser Mephisto ein Mann von Geist und Witz; Bass-Bariton Derek Welton singt ihn einschmeichelnd-mächtig und elegant, wie es zum blitzweißen Anzug passt.

Wenn schließlich genug Köpfe gerollt sind und genug disputiert wurde, rückt die Liebesgeschichte zwischen dem „Meister“ und seiner Geliebten Margarita in den Fokus: eine Variation auf das Jesus-Maria Magdalena-Thema.

Musikalisch umgesetzt hat Höller das Werk auf der Höhe seiner Zeit. Deshalb muten manche Live-Elektronik-Klänge, ein knappes Vierteljahrhundert nach der Entstehung, fast anachronistisch an. Das mindert den Wert der profilierten Komposition aber nicht. Scharf akzentuierte Motive haben Wiedererkennungswert, die Lovestory zwischen Meister und Margarita zieht ihre Wirkung aus fein gewobenen Klanggespinsten, über den sich sangliche Linien für den Bariton Dietrich Henschel und die Mezzosopranistin Cristina Damian spannen.

Dieses großartige Protagonistenpaar führt ein exquisites Sängerensemble an, unter vielen anderen mit Ulf Dirk Mädler und Jürgen Sacher als Gehilfen des Voland und vor allem Countertenor Andrew Watts in der Rolle des Katers Behemoth. Im Übrigen poliert der Nürnberger Musikchef Marcus Bosch die schillernde Partitur auf transparenten Hochglanz, die ein Klangspektrum von feingliedriger Kammermusik bis zum wuchtigen Opernpomp plus Live-Elektronik ausbreitet. Dabei hat der Abend ein paar Längen, darüber helfen weder Bosch und das wache Philharmonische Staatsorchester Hamburg hinweg noch Biganzolis fein durchdachte Regie. Trotzdem: Der dreistündige Abend ist ein Plädoyer für das zeitgenössische Musiktheater, unterm Strich ein sehr gelungenes.

Weitere Vorstellungen:

21., 26., 28.9 und 4.10. Kartentelefon: 040/356868


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