03.06.2012, 12:51 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Prickelndes Opernerlebnis Netrebko, Schrott und Vargas beim Open-Air in Münster


Münster. Manchmal sind Operngöttinnen zutiefst menschlich. Das zeigt sich in kleinen Gesten: Kurz reibt sich Anna Netrebko mit den Händen über die Oberarme, lächelt ins Publikum – und hat den Kontakt hergestellt. „Io son l‘‘umile ancella“ singt sie, ich bin nur die bescheidene Magd des Dichters, in innigen Tönen, die sich schön in die farbintensive Abendstimmung fügen.

Ein leise gerauntes „ah“ geht durchs Publikum, als Anna Netrebko im schulterfreien, smaragdgrünen Kleid die Bühne betritt: Auch wenn Erwin Schrott mit seinem hitzigen „Le veau d‘or“ als Mephistopheles aus Gounods Faust das Publikum zum Tanz ums Goldene Kalb peitscht, gleichsam der kühlen Juninacht die Hitze der Hölle entgegensetzt – der unumschränkte Star des Abends ist die russische Sopranistin. Zumal der derzeit wohl gefragteste Tenor der Welt, Jonas Kaufmann, krankheitsbedingt absagen musste.

Schwere Karten für Ramón Vargas also? Keineswegs. Der mexikanische Tenor gibt mit dem Rodolfo aus Verdis Schilleradaption „Luisa Miller“ seinen Einstand, umreißt das Wesen des Operntenors als Figur zwischen Wut und stiller Verzweiflung. Und so geht es munter durch die Geschichte des bel canto, des schönen Operngesangs: Das Triumvirat Schrott-Netrebko-Vargas – als „Gipfeltreffen der Stars“ firmiert das Konzert – betont den Glamourfaktor der kapriziösen, immer wieder totgesagten und doch ewig jungen Dame namens Oper.

Das spiegelt sich im weiten Rund um die Bühne wieder: Edle Limousinen eines Sponsors werben für sich und sind gleichzeitig die Requiesiten, um die stimmungsvolle Kulisse des Münsteraner Schlosses in den Publikumsraum zu verlängern. Die Sektflöten für die 10000 Gäste sind zwar aus Plastik – nach deutschen Sicherheitsbestimmungen ist ein Klassik-Open-Air eben das gleiche wie Rock am Ring. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch, weil auf der Bühne drei große Sänger einen Abend voller Opernkulinarik bereiten. Und sie tun das mit Freude: Wenn das derzeit berühmteste Opernpaar Netrebko-Schrott zu Lehárs „Lippen schweigen“ Walzer tanzen, ist das, als würde der Sommerwind die Gardine zum Wohnzimmer kurz zur Seite wehen und man einen zufälligen Blick auf sie erhaschen.

Dafür brauchen aber auch Operngötter eine vertraute Umgebung, und für die sorgt der italienische Dirigent Marco Armiliato, ein bewährter Begleiter für musikalische Gipfeltreffen. Diesmal poliert er mit der Neuen Philharmonie Westfalen und dem Norddeutschen Figuralchor das akustische Tafelporzellan, auf dem das edle Terzett seine exquisiten Opernhäppchen serviert.


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