25.07.2012, 13:57 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Utopie der Verständigung Grimms Märchen neu gelesen (14): Schneeweißchen und Rosenrot ertasten das soziale Gestrüpp der Erwachsenenwelt

Unzertrennlich: Schneeweißchen (Julie Juristova) und Rosenrot (Katharine Martin) in einem Film von 1979. Foto: ImagoUnzertrennlich: Schneeweißchen (Julie Juristova) und Rosenrot (Katharine Martin) in einem Film von 1979. Foto: Imago

Osnabrück. „Schneeweißchen und Rosenrot“ ertastet wie so manches Grimm’sche Märchen den schwierigen Schritt in die Außen- und Erwachsenenwelt. Die ungleichen Schwestern wachsen geborgen und angstfrei auf. Selbst nachts allein im Wald wacht ein Schutzengel über sie. Auch der wilde Bär, der eines Tages Wärme im Hüttchen ihrer Mutter sucht, verhält sich vertrauenserweckend.

Doch dann orakelt er etwas, das vermutlich viele Kinder beim Hören stört: „Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Freier tot!“ Wie oft unterbrechen Erwachsene die Harmonie lebendiger Gegenwart, indem sie bedeutungsvoll, aber unverständlich von Vergangenem oder Zukünftigem munkeln, das dem Kind noch widerfahren wird. Mit dem Bären-Gerede vom „Freier“ können die Geschwister noch nichts anfangen. Der Bär nervt also mit seiner unzeitgemäßen Mehrwisserei.

Ärgerlich auch für Kinder, die wie Rosenrot lieber im Freien spielen und toben: dass Schneeweißchen, die Häuslichere, Sanftere von beiden, die Auserwählte des verzauberten Bären wird. Versöhnlich stimmt nur, das Schneeweißchen und Rosenrot zueinandergehören wie zwei Seiten einer Medaille. Aber das begreifen Kinder noch nicht.

Sie wittern einmal wieder die einengende patriarchalische Moral, nach der einzig das saftlos-sanfte, das heißt keinesfalls widersprechende künftige Hausmütterchen vom Mann begehrt wird. Rosenrot bekommt deswegen am Ende nur den Bruder des Königssohns. Doch vorher, in der Außenwelt, für die der lange Arm des familiären Schutzengels allmählich nicht mehr reicht, müssen sich die Schwestern mit dem garstigen Zwerg befassen. Der schwingt so gar nicht mit auf der Ebene der Harmonie und der besten Absichten. Der lässt Hilfsbereitschaft in großer Not einfach an sich abprallen und mosert nur über seinen gekürzten Bart. Dem kann es niemand recht machen, weil er soziale Anstrengungen anderer nicht sieht, sondern nur Vor- und Nachteile für seine eigene Person.

Solche Menschen gibt es, will das Märchen wohl sagen, man muss lernen, mit ihnen zurechtzukommen. „Die Mädchen waren seinen Undank schon gewöhnt“, heißt es lakonisch bei den Grimms. Aber sie helfen dem Gift- und Gallezwerg trotzdem dreimal aus der Patsche, weil sie ihren familiären Werten, die auch schon der Bär/Ehemann teilt, treu bleiben. Erst als der Zwerg die Mädchen dem Bären als fetten Fraß anpreist, ist das Maß voll, und der Zwerg wird erschlagen.

Das Gute kann durchatmen. Faszinierend allerdings, wie viel Selbstbewusstein dem eigentlich doch „gottlosen“ Zwerg eingeräumt wird: Er verzaubert den Königssohn, der seiner Habsucht im Weg steht, bis zu seinem eigenen Tod. Er glaubt also, mit seinem sozial verkrüppelten System ewig existieren zu können. Aus seiner Zwergen-Sicht spricht ja auch nichts dagegen. Auch das müssen Kinder lernen: Jeder ist aus seiner Perspektive im Recht, ohne Krieg und Totschlag gibt es für andere nur den Weg, diese Perspektive wahr und ernst zu nehmen – eine der härtesten Lebensaufgaben.

Hier geht‘s zur Themenseite.


0 Kommentare