01.12.2016, 11:26 Uhr

Vor allem NRW betroffen Skabiesmilbe breitet sich aus: Die Krätze ist wieder da

Geht unter die Haut: Die Skabiesmilbe, hier in einer Computerillustration, löst die Krätze aus. Foto: imago/Science Photo LibraryGeht unter die Haut: Die Skabiesmilbe, hier in einer Computerillustration, löst die Krätze aus. Foto: imago/Science Photo Library

Bremen. Viele Jahre war es still geworden um die Krätze. Doch jetzt kehrt sie zurück, vor allem in NRW. Städte wie Düsseldorf und Duisburg vermelden zunehmende Fallzahlen. Dafür gibt es mehrere Gründe – etwa, dass sich der auslösende Parasit zu verstecken gelernt hat.

Schon der Name „Krätze“ verheißt wenig Gutes. Und tatsächlich: Wenn die Skabiesmilbe sich in der menschlichen Haut eingräbt und dort ihre Eier ablegt, kann es sehr unangenehm werden. Das Jucken kann sich bis zur nervtötenden Unerträglichkeit hochschaukeln, der man mit blutigem Kratzen begegnet. Und am schlimmsten wird das alles ausgerechnet nachts, weil die Tiere in der Wärme unter der Bettdecke besonders aktiv werden. Nicht umsonst wählte der Volksmund den Ausdruck „Ich glaub, ich krieg die Krätze“ dafür, dass etwas nicht mehr auszuhalten ist.

Viermal so viele Fälle

Doch die Zahl der Skabies-Fälle nimmt wieder zu. Besonders betroffen scheinen einige Großstädte in NRW. So stiegen die von den Gesundheitsämtern dokumentierten Fälle in Düsseldorf von 21 im Jahre 2013 auf 93 im Jahr 2016, in Duisburg ging es von 2014 bis heute von 44 auf knapp das Vierfache hinauf. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, da die Krankheit nur von Institutionen wie etwa Pflege- und Altersheimen, nicht aber von niedergelassenen Ärzten gemeldet werden muss.

In Köln hat sich die Quote in den letzten drei Jahren verdreifacht, die Krankheit ist also wieder voll da. Ob die Flüchtlingsbewegungen dazu beigetragen haben, ist fraglich. Unter den Migranten ist die Skabies-Quote zwar etwas höher als bei Bundesbürgern, doch dafür sind sie im Durchschnitt jünger und immunstärker, sodass die üblichen Kontakte in den Flüchtlingsheimen in der Regel nicht ausreichen, um eine Infektionswelle loszutreten.

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Hautärzte warnen vor Panik

Ohnehin warnt Uwe Reinhold vom Berufsverband der deutschen Dermatologen vor einer überzogenen Panik: „Denn es ist keinesfalls so, dass da plötzlich so etwas wie eine Seuche über uns hinweg rollt.“ Vielmehr sei die Milbe niemals ganz verschwunden gewesen. „Dort, wo Menschen eng beieinander sind, wie etwa in Pflegeheimen oder Kita-Einrichtungen, hat es all die Jahre immer wieder Skabies-Ausbrüche gegeben“, sagt der Bonner Dermatologe. Und dort werde es sie auch weiterhin geben.

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Sex als ideale Voraussetzung

Ganz zu schweigen davon, dass der Erreger, der zum Wirtswechsel den mehrminütigen Hautkontakt von Menschen braucht, auch ein treuer Begleiter von Liebespaaren ist. „Wo Menschen Sex machen“, erklärt Russel Currier vom American College of Veterinary Medical History Society in Iowa, „kann sich die Skabies-Milbe optimal verbreiten“. Denn dabei komme es zu viel Wärme, was die eher trägen Tiere ungewohnt mobil werden lässt, und zu mehrminütigem Hautkontakt, was ihnen mehr Chancen für den Wirtswechsel bietet. „Bereits Aristoteles und Galen würdigten die enorme Infektiosität der Krätze“, so der US-amerikanische Mikrobiologe, der sich auf die Geschichte parasitärer Erkrankungen spezialisiert hat. In der Bibel liest man von einer Krankheit namens „Zaraath“, deren Symptome ebenfalls auf Krätze hindeuteten. „Wenn früher von Lepra die Rede war, dürfte es sich in vielen Fällen um Skabies gehandelt haben“, vermutet Currier, „denn die kann in einigen Fällen auch zu heftigen Krusten und Beulen führen“.

Evolutionäre Stillstand-Künstler

Wie alle Milben, so gehört Skabies eigentlich zu den sogenannten evolutionären Stillstand-Künstlern. Das heißt, sie ist seit jeher so perfekt und überlebenstauglich, dass es sie schon seit Millionen Jahren gibt, ohne dass sich sonderlich etwas an ihr geändert hätte. Doch in den letzten Jahren scheint sich etwas verändert zu haben – und das erschwert den Kampf gegen sie.

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So hat Bernhard Korge von der Universität Köln beobachtet, dass die Milbe in den letzten Jahren unauffälliger arbeitet als vorher. „Das klinische Erscheinungsbild der Erkrankung hat sich verändert“, sagt der Dermatologe. Es ähnle jetzt mehr dem Hautekzem. Mit der Folge, dass es länger bis zur richtigen Diagnose dauere und der Patient länger andere Menschen infizieren könne. Auch dies könnte ein Grund für die zunehmende Verbreitung sein. Gewissheit über die Krankheit liefert erst eine mikroskopische Untersuchung durch den Hautarzt.

Gewissenhaftes Eincremen

Wenn Skabies allerdings erkannt ist, lässt sie sich relativ zügig in den Griff bekommen. Die klassische Behandlungsmethode erfolgt über eine Creme, die den Erreger abtötet. Ihr Erfolg steht und fällt zwangsläufig mit der Gewissenhaftigkeit, die beim Einreiben aufgewendet wird. Seit Anfang des Jahres ist in Deutschland aber auch ein – in der Anwendung leichteres – Medikament in Tablettenform zugelassen. Es enthält den Wirkstoff Ivermectin. „Er blockiert den Stoffwechsel der Milbe“, erklärt Reinhold. In der Regel reicht bereits eine einmalige, auf das Körpergewicht abgestimmte Gabe der Tabletten, um binnen 24 Stunden sämtliche Parasiten zu eliminieren – vorausgesetzt, sie haben noch keine Resistenzen aufgebaut. Denn auch Ivermectin ist nicht davor gefeit, dass Krankheitserreger sich durch genetische Veränderungen dem Zugriff des Mittels zu entziehen versuchen.

Hygiene in den eigenen vier Wänden

Außerdem erspart selbst eine erfolgreiche Therapie dem Patienten nicht das Ergreifen diverser Hygienemaßnahmen, um sich in den eigenen vier Wänden nicht erneut anzustecken. Dazu gehören das Schneiden der Fingernägel, das Saugen der Wohnung und die 60-Grad-Wäsche der Bettwäsche und Handtücher, zudem sollte die getragene Kleidung sicherheitshalber zwei Wochen erst mal nicht getragen werden.

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Und selbst trotz dieser Maßnahmen kann es passieren, dass drei bis vier Wochen nach der Behandlung wieder Skabies-Symptome auftreten. Der Grund: Der Körper stößt dann die Überreste von Eiern und Milben ab, was zu erneuten Entzündungsreaktionen führen kann. Was ärgerlich, aber nicht problematisch ist. Und danach sollte die Krankheit endgültig Geschichte sein.


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