25.11.2016, 18:00 Uhr

Krank durch ungeschützten Sex Warum Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch sind

In Deutschland und Europa sind Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch. Das liegt auch daran, dass es Dating-Apps heute leichter machen, jemanden kennenzulernen. Foto: dpaIn Deutschland und Europa sind Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch. Das liegt auch daran, dass es Dating-Apps heute leichter machen, jemanden kennenzulernen. Foto: dpa

Osnabrück. Seit etwa 15 Jahren steigt kontinuierlich die Zahl der Neuinfektionen mit Geschlechtskrankheiten. Allein bei Syphilis zuletzt um 19 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Gab es im Jahr 2000 noch etwa 800 Syphilis-Fälle pro Jahr, waren es 2015 mehr als 6800 . Neben Syphilis gibt es nur für zwei weitere sexuell übertragbare Infektionen (STI), wie Geschlechtskrankheiten heute genannt werden, eine Meldepflicht: Hepatitis B und HIV. „Auf Basis der Schätzungen und einem Vergleich mit Daten aus anderen Ländern Europas geht man jedoch davon aus, dass sexuell übertragbare Infektionen wie die Chlamydien-Infektion über die Jahre angestiegen sind“, sagt Dr. Christine Winkelmann, Leiterin des Referats Prävention von HIV/AIDS und anderen STI bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Mit dem Slogan „Gib‘ Aids keine Chance“ hat sich die Aufklärungsarbeit früher vor allem auf HIV und AIDS spezialisiert. Die neue Kampagne „Liebesleben“ ist nun – auch aufgrund steigender Infektionszahlen – breiter aufgestellt und soll zu allen Themen rund um sexuelle Gesundheit Aufklärung und Information bieten.

Sexuell übertragbare Infektionen können zu Unfruchtbarkeit führen

„Betroffen sind von der Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen vor allem Männer, die Sex mit Männern haben sowie heterosexuelle Jugendliche und junge Erwachsene, die häufig wechselnde Partner haben“, sagt Professor Norbert Brockmeyer. Er ist Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit an der Universitätshautklinik Bochum und zugleich Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft – Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit. Jedoch erkrankten häufig auch ältere Menschen an Geschlechtskrankheiten, weil sie glaubten, dass es das in ihrem Alter nicht mehr gibt. Dennoch plädiert Brockmeyer dafür, besonders Jugendliche und junge Erwachsene zu schützen. „Viele sexuell übertragbare Infektionen können sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen zu Unfruchtbarkeit führen, oder auch später zu Komplikationen in der Schwangerschaft. Ein hoher Schutz der Schwangeren und ihres Kindes ist entscheidend auch für das Gemeinwohl, deshalb sollten wir unbedingt unsere Vorsorgemaßnahmen noch verbessern oder ausweiten“, erklärt Brockmeyer.

Viele Krankheiten sind in der Bevölkerung nicht bekannt

Doch woher kommt die deutliche Zunahme von Krankheiten wie Syphilis, HIV, Chlamydien und Tripper? Haben die Infektionen ihren Schrecken verloren, weil sie sich gut behandeln lassen? Christine Winkelmann von der BZgA erklärt, dass sexuell übertragbare Infektionen noch nicht so gut in der Bevölkerung bekannt sind und so ein geringeres Bewusstsein vorherrscht, dass man sich mit einer STI angesteckt haben könnte. „Hinzu kommt, dass STI schambesetzt sind und die Kommunikation darüber vielen Menschen nicht leicht fällt.“ Dem stimmt auch Norbert Brockmeyer zu, doch es gebe noch weitere Gründe. Zum einen sei es heute viel leichter, jemanden kennenzulernen, etwa über Dating-Apps oder spezielle Chatrooms. „Sie können heute innerhalb von fünf Minuten eine Verabredung zum Sex vereinbaren“, so der Mediziner. Häufig werde dabei eine Intimität vorgespiegelt, die es so gar nicht gebe. Viele würden dann über Kondome nicht mehr nachdenken. Zudem würde es mittlerweile eine Szene geben, in der Drogen zum Sex immer populärer werde. „Zu diesen Menschen haben wir im Moment nur einen begrenzten Zugang, um ihnen klar zu machen, wie wichtig Verhütung ist“, so Brockmeyer.

HPV-Impfung auch für Jungen sinnvoll?

Der Mediziner bemängelt darüber hinaus, dass nur Mädchen gegen humane Papillomaviren (HPV) geimpft werden. „Jungen sind genauso gefährdet. Sie können zwar keinen Gebärmutterhalskrebs bekommen, dafür aber andere Karzinome, die ebenfalls gefährlich sind.“ In Großbritannien würden Jungen schon länger gegen HPV geimpft werden. Auch weil man heute davon ausgehe, dass etwa 30 Prozent der Mund- und Rachenkarzinome durch HPV ausgelöst werden. Ähnliches gelte für Chlamydien. Ein Screening wird bei jungen Frauen bis zum 25. Lebensjahr einmal jährlich von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. HIV-Forscher Brockmeyer versteht das nicht: „Was macht es für einen Sinn, Mädchen zu testen, wenn sie beim nächsten Kontakt mit ihrem Partner wieder Chlamydien bekommen?“ Er fordert regelmäßige Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten für Jungen und Mädchen, weil bis zu 90 Prozent der sexuell übertragbaren Infektionen symptomlos sind, der Patient von seiner Erkrankung also gar nichts merkt. Erst dann würden die Zahlen zurückgehen, ist Brockmeyer überzeugt. Zudem müssten nicht nur die Tests selbst, sondern auch das Gespräch zwischen Arzt und Patient bezahlt werden. Das sei im Moment nicht der Fall.

Hemmschwelle senken

Bleibt noch ein Problem: Auch wenn Männer oder Frauen eine Infektion bei sich feststellen würden, wüssten sie häufig nicht, an wen sie sich wenden können. Das müsse sich endlich ändern, fordert Brockmeyer. In Bochum gibt es unter seiner Leitung seit Kurzem das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, ein Zusammenschluss aller wichtigen Organisationen – neben den Ärzten des Katholischen Krankenhauses Bochum, Aidshilfe, Gesundheitsamt ProFamilia, Madonna und Rosa Strippe. „Die Hemmschwelle ist deutlich gesenkt worden. Wir bekommen die Patienten früher zu sehen, vielleicht auch, bevor sie viele weitere anstecken konnten.“


Das sind die häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen:

  • Chlamydien: Die Erkrankung wird durch Bakterien ausgelöst, die Männer und Frauen gleichermaßen treffen kann. Unbehandelt kann sie bei beiden Geschlechtern zu Unfruchtbarkeit führen. Symptome der Chlamydieninfektion sind leichte, andauernde Ausflüsse und manchmal Schmerzen beim Wasserlassen. Behandelt wird die Infektion mit Antibiotika.
  • Genitalwarzen: Die Erkrankung wird von den sogenannten humanen Papillomaviren (HPV) verursacht. Auch hier sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen. Zu erkennen ist eine Infektion an hellrosa bis grauen Warzen im Genitalbereich. Für die Behandlung gibt es verschiedene Methoden. Allerdings können die Viren, wie bei Herpes, im Körper bleiben und immer wieder auftreten. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Mädchen ab neun Jahren eine Impfung gegen HPV, weil sie auch Gärmutterhalskrebs auslösen können.
  • Herpes: Durch den Herpes-Simplex-Virus Typ 2 wird Genitalherpes ausgelöst. Eine Ansteckung äußert sich meist durch brennende und juckende Hautbläschen im Genitalbereich. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Eine Infektion muss nicht zwingend behandelt werden, weil sie auch von selbst heilt. Bei Schwangeren kann eine Infektion allerdings zu Komplikationen führen. Zur Behandlung können antivirale Cremes eingesetzt werden. Die Viren bleiben allerdings lebenslang im Körper und können immer wieder Infektionen auslösen.
  • Syphilis: Es handelt sich dabei um eine bakterielle Infektion, die fast den ganzen Körper und nicht nur den Genitalbereich erfassen kann. Die ersten Anzeichen sind Geschwüre an Schleimhäuten, danach folgt oft eine Schwellung der Lymphknoten und grippeähnliche Symptome. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Die Krankheit kann mit Antibiotika behandelt werden.
  • Tripper/Gonorrhö: Die Krankheit wird durch Bakterien ausgelöst und äußert sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen durch eitrigen Ausfluss und Schmerzen beim Wasserlassen. Im schlimmsten Fall kann eine Infektion bei beiden Geschlechtern zu Unfruchtbarkeit führen. Behandelt wird die Krankheit mit Antibiotika.

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