19.10.2016, 06:00 Uhr

Totgesagte leben länger Warum der Teppich plötzlich wieder in Mode ist


Osnabrück. Bis vor Kurzem als piefig und konservativ abgetan, ist der Teppich nun der Star in Architekturmagazinen. Wir haben nachgefragt, woher das Revival des textilen Bodenbelags kommt.

Viele Jahre galt der Teppich als piefig, konservativ und im doppelten Sinne angestaubt. Der meist sehr hochwertige Holzfußboden in modernen Wohnungen oder Häusern sollte zur Geltung kommen – da störte der Teppich nur. Seit kurzer Zeit wandelt sich der Einrichtungsstil jedoch wieder, und Teppiche finden reißenden Absatz. Besonders gefragt zurzeit: Orientteppiche.

Rückzug ins Privatleben

„In Architekturmagazinen ist das Thema Teppich zurzeit sehr präsent. Das fällt schon auf“, sagt Tanja Remke, Innenarchitektin aus Barsinghausen in der Nähe von Hannover. „Ich denke, es liegt daran, dass die Menschen sich in turbulenten Zeiten, wie wir sie gerade erleben, gerne wieder mehr auf ihr Zuhause konzentrieren.“

Dieses Verhalten ist nicht neu. Historische Beispiele für den Rückzug ins Private sind die Biedermeierzeit nach den napoleonischen Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts oder die 1950er- Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. „Der Trend des sogenannten Homings lässt sich auch daran erkennen, dass viel Geld anteilig in Wohnmöbel und Accessoires investiert wird“, meint Tanja Remke. Laut dem Statistikportal statista.de sind die Ausgaben von privaten Haushalten in Deutschland für Möbel, Leuchten und Teppiche in den vergangenen Jahren kontinuierlich von 33,48 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 39,46 Milliarden 2014 gestiegen. Die Tendenz ist weiter steigend. Das bestätigt auch Barbara Schmidt-Zock, Leiterin des Referats Wirtschaft beim Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie. „Es gibt ein starkes Wachstum im Teppich-Bereich. Das sind bei privaten Konsumenten vor allem die abgepassten Teppiche und Teppichfliesen sowie im Objektbereich, also in Büros und Hotels, die klassische Auslegeware.“

Der Orientteppich ist zurück

So unterschiedlich auch die Bedürfnisse von privaten Konsumenten und Hotelgästen oder Büromitarbeitern sein mögen, zeigt sich ein Trend überall: der Orientteppich. „Der ist gerade in beiden Bereichen sehr en vogue“, sagt Innenarchitektin Remke. Die meisten kennen die guten Stücke höchstens noch aus dem Wohnzimmer der Großeltern – doch jetzt liegen sie auch in den Vorstandsetagen von Banken oder im hippen Hauptsitz des Zimmer-Vermittlungsportals Airbnb im Silicon Valley. Allerdings würden sie heute häufig modern interpretiert, erklärt Remke.

Einer, der damit unheimlich erfolgreich ist, ist Teppich-Designer Jan Kath aus Bochum. Er soll schon Stücke an Promis wie Rockstar Anthony Kiedis, Frontmann der Band Red Hot Chili Peppers, verkauft haben. Handgeknüpft werden die Teppiche, die er zusammen mit einem Entwicklungsteam kreiert, in Nepal, Indien, Thailand und Marokko, schreibt die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ . Mehr als 2000 Menschen beschäftigt der Bochumer inzwischen. Doch die hohe Qualität und die Handarbeit haben ihren Preis: Wer einen echten Jan-Kath-Teppich sein Eigen nennen möchte, muss dafür durchaus einen vierstelligen Betrag hinblättern.

Beim Kauf auf die Qualität achten

Das schwedische Möbelhaus hat den Trend zum Teppich ebenfalls erkannt und mittlerweile auch handgefertigte Orientteppiche im Angebot, wie Ikea-Deutschland-Sprecher Sven Kleuter auf Nachfrage schreibt: „Teppiche sind absolut im Trend. Speziell die echten Orientteppiche erleben momentan eine regelrechte Renaissance.“ Sie ließen sich mit vielen verschiedenen Stilen kombinieren und passten sowohl zu modernen als auch zu traditionellen Möbeln.

Allerdings, so Tanja Remke, müssten Kunden bei gewebten Teppichen auf die Knüpfdichte, also die Anzahl der Knoten pro Quadratzentimeter achten. Je höher die Zahl, desto besser die Qualität. „Bei gewebten Teppichen ist eine gute Qualität durchaus fühlbar, man kann leicht ertasten, wie fest ein Teppich ist, und auch, ob er aus hochwertigen Materialien besteht“, sagt die Innenarchitektin.


0 Kommentare