07.08.2013, 08:30 Uhr

Bundesamt warnte vergeblich EU erlaubt mehr Gift im Fischfutter


Osnabrück. Nach diversen Fleischskandalen und Berichten über die Folgen der Massentierhaltung, ist der Appetit der Bundesbürger auf Fisch in den letzten Jahren stetig gewachsen. Den Lachsfreunden könnte er jetzt aber wieder vergehen: Denn die EU- Kommission hat beschlossen, im Futter für Salmoniden, zu denen auch Lachse gehören, eine zehnmal höhere Dosis des Pestizids Endosulfan zuzulassen. Experten warnen nun vor dem Verzehr von Lachs aus Zuchtfarmen.

Endosulfan ist ein Nervengift, das die Fortpflanzungsfähigkeit beeinflusst, möglicherweise sogar Krebs auslöst. Deshalb wurde es auf die Liste der „Stockholmer Konvention“ über langlebige organische Schadstoffe aufgenommen. In vielen Ländern ist es bereits verboten. Den Grenzwert für den Anteil in Fischfutter für Salmoniden hat die EU-Kommission jetzt aber von 0,005 Milligramm pro Kilogramm auf 0,05 Milligramm heraufgesetzt.

Im Bundesamt für Risikobewertung (BfR) ist man von dieser Entscheidung überrascht. Das BfR hatte sich in einem Gutachten, das die Behörde im Auftrag des Verbraucherministeriums erstellte, ausdrücklich gegen die Erhöhung des Grenzwertes ausgesprochen. Und BfR-Sprecher Jürgen Thier-Kundke betonte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Unsere Stellungnahme gilt nach wie vor. Von dieser Meinung werden wir auch nicht abrücken. Es sei denn, es werden uns neue Daten vorgelegt.“

Nach Angaben der Sprecherin des Bundesverbraucherministeriums, Mareike Enderle, hat Deutschland bei der Abstimmung, dem Vorschlag der EU-Kommission den Grenzwert zu erhöhen, als Teil eines Gesamtpakets zwar zugestimmt, doch habe man auf der Grundlage der Stellungnahme des BfR in einer Protokollerklärung darauf verwiesen, dass das Verhalten und der Verbleib von Endosulfan in der Umwelt bislang nicht vollständig geklärt sei. Die EU-Kommission sei außerdem aufgefordert worden, die Entwicklungen in diesem Gebiet weiter aufmerksam zu verfolgen und die Regelung zu gegebenem Zeitpunkt anzupassen“, betonte Enderle.

Die Sprecherin wies aber auch ausdrücklich darauf hin, dass die höheren Grenzwerte nicht für Lachs als Lebensmittel, sondern ausschließlich für Futtermittel gelten. „An den Grenzwerten für Rückstände im Lebensmittel Fisch einschließlich Lachs hat sich nichts geändert.“ Sie seien nach wie vor streng und müssten zwingend eingehalten werden. „Das ist für den Verbraucherschutz entscheidend“, meinte Enderle.

In der EU ist die Anwendung von Endosulfan längst verboten. In den USA und vielen Ländern der Erde ist es jedoch noch erlaubt. So werden in Norwegen die Fische zunehmend mit Pflanzenfutter aus Lateinamerika hochgepäppelt, das Endosulfan enthalten darf. Norwegen ist aber auch das größte Herkunftsland für in Deutschland gekauften Zuchtlachs. Kritiker glauben deshalb, dass die Brüsseler Entscheidung auf intensive Lobbyarbeit der norwegischen Aquakulturbranche zurückzuführen ist.

Die Verfechter von vegetarischer Fischnahrung weisen gerne darauf hin, dass es nachhaltiger sei, Zuchtfische mit Pflanzenrohstoffen zu mästen als das Füttern mit Wildfischen. Zudem sei es wesentlich billiger. „Die Grenzwerte für den Gehalt von Endosulfan im Futter für den Lachs sind von großer ökonomischer Bedeutung für die Fischzuchtbranche“, bestätigte die norwegische Lebensmittelbehörde „Mattilsynet“ der Tageszeitung „TAZ“. Das norwegische Ernährungsinstitut Nifes erklärte: Zuchtlachsverzehr im normalen Rahmen würde nur unbedeutend zur „akzeptablen Tagesdosis“ (ADI) dieses Pestizids beitragen, laut WHO 0,006 Milligramm pro Kilo Körpergewicht.

Jérôme Ruzzin, Biologe aus Bergen, kritisiert, die von der WHO zitierte Tagesdosis berücksichtige nicht die additive Wirkung einzelner Wirkstoffe. Er warnt vor den Umweltgiften im Lachsfleisch. 2010 verfasste Ruzzin zusammen mit US-Forschern eine Untersuchung, bei der in Lachsfilets hohe Werte an PCB, DDE – ein Abbauprodukt des Insektizids DDT – und Endosulfan nachgewiesen wurden.

„Das Niveau von Umweltgiften im Zuchtlachs ist im Verhältnis zu anderen Lebensmitteln so hoch, dass wir reagieren müssen“, sagt Ruzzin. Schwangere und Kinder sollten möglichst wenig davon essen, Konsumenten „zurückhaltend“ sein.

Die Branche dagegen wirbt weiterhin damit, dass Lachse durch ihren hohen Gehalt der Omega-3-Fettsäure ein Segen für die Gesundheit seien. Ausgerechnet dieser Gehalt aber sinkt, je mehr vegetarisches Futter an die Lachse verfüttert wird, haben Forscher festgestellt. Ein Eigentor der Branche, nennt das der Herzforscher Harald Arnesen in der TAZ: „Der Zuchtlachs enthält nur noch halb so viel dieser Fettsäuren wie vor zehn Jahren. Er wird immer mehr „zum schwimmenden Gemüse“.


0 Kommentare