23.08.2016, 06:00 Uhr

Leser fragen, Martin Rütter antwortet Warum buddelt Hund Sammy immer vor dem Fressnapf?


Osnabrück. „nachSITZen“ heißt die aktuelle Live-Show, mit der der Experte für Hundeerziehung Martin Rütter durch Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz tourt. Für uns hat Rütter selbst nachgesessen und fünf Fragen unserer Leser beantwortet.

Warum buddelt Sammy immer vor dem Fressnapf?

Die erste Frage kommt von Maja Feldscher.

Mein Hund Sammy (ca. 7 Jahre) hat vor dem Essen eine merkwürdige Angewohnheit. Er schiebt vor dem Futternapf sein Kopf hin und her, wie Sie es auf dem Video sehen können. Wir haben ihn mit cirka einem Jahr aus dem Tierheim geholt und diese Macke zeigte er von Anfang an. Warum macht er das?

Martin Rütter: Auf dem Video sieht man, dass Sammy versucht, sein Futter zu vergraben. Wildhunde verbuddeln Nahrungsreserven für schlechte Zeiten. Dieses ursprüngliche und instinktive Verhalten zeigen einige Hunde auch im Haus weiterhin als ritualisiertes Verhalten. Denn auch Sammy kann im Wohnzimmer ja nicht wirklich den Futternapf einbuddeln. Daher ist das Verhalten auch nur angedeutet: Es werden angedeutete Buddelbewegungen gemacht, diese aber nicht wirklich in letzter Konsequenz durchgeführt.

Ich habe ein solches Verhalten einmal bei einer Hündin beobachten können, die einen Tag vorher acht Welpen geboren hatte. Die Hündin wurde von ihrer Familie natürlich gut versorgt und hatte dieses Verhalten zuvor auch noch nie gezeigt. Durch die Geburt war der Magen-Darm-Trakt beansprucht, so dass die Hündin in den ersten beiden Tagen nicht viel fressen konnte. Da sie aber wusste, dass sie eine ganze Schar Welpen zu versorgen hatte, versuchte sie den in die Wurfkiste gestellten Futternapf zu verbuddeln und mit den Laken in der Wurfkiste zu bedecken. Sie sorgte sozusagen für später vor! Einige Hunde zeigen ein ähnliches Verhalten, wenn Sie einen Knochen im Garten einbuddeln oder unter den Sofakissen verstecken!

Eventuell hängt dieses Verhalten mit dem zusammen, was Sammy in seinem ersten Lebensjahr erlebt hat, also in der Zeit bevor er ins Tierheim kam. Vielleicht musste er in dieser Zeit länger Hunger leiden, sodass Nahrung eine besondere Bedeutung für ihn hatte?

Gerade wenn ein Verhalten an das eventuelle Überleben eines Hundes gekoppelt ist, zeigt es sich oft auch dann noch, wenn es eigentlich keine Notwendigkeit mehr dafür gibt. Daher zeigt Sammy das Verhalten immer noch, obwohl er ja vermutlich seit sechs Jahren keinen Hunger leiden oder sich um seine Ernährung selbst kümmern musste.

Möglicherweise ist die Futtermenge aber auch einfach zu groß für Ihren Hund. Er fühlt sich gut versorgt, hat eigentlich mehr Nahrung zur Verfügung als er benötigt, und zeigt aufgrund dessen das ritualisierte Verhalten des Verbuddelns. Je nach dem Ernährungszustand von Sammy sollten Sie daher vielleicht auch die Futtermenge etwas reduzieren.

Maxi wird blind, wie können wir ihm helfen?

Diesen Hilferuf schickte B.-Marija Klein.

Unser Shitzu – Rüde „Maxi“, 3 ½ Jahre alt, nicht kastriert, wird in den nächsten Monaten ganz blind sein, da sich seine Netzhaut gänzlich auflösen wird. Wie können wir unseren Hund darauf vorbereiten? Sollte er noch etwas lernen? Schlecht sehen tut er schon seit einigen Monaten, es wird aber schlimmer. Wir wohnen in einer Doppelhaushälfte, seine Gassi-Runde ist fast immer die Gleiche…

Martin Rütter: Auch blinde Hunde können noch ein erfülltes Leben haben, insbesondere dann, wenn ihre Menschen ihnen im Alltag so gut es geht helfen.

Gestalten Sie den Alltag von Maxi so, dass dieser sich einfach zurecht finden kann. Dies beginnt, wie Sie es ja jetzt bereits machen, mit einer vertrauten Gassi-Runde. Achten Sie aber auch in der Wohnung darauf, nicht ständig umzuräumen und die Wohnung umzugestalten. Maxi kann ja zur Zeit noch etwas sehen und sich so ein gutes Bild Ihrer Wohnung sowie der näheren Umgebung machen und für später abspeichern.

Zudem sollten Sie Maxi beibringen, auf Hörzeichen zu reagieren. Für Hunde ist die Körpersprache sehr wichtig, weshalb sie normalerweise auch eher auf die Körpersprache des Menschen, und somit auf Sichtzeichen reagieren. Überprüfen Sie, ob Ihr Hund die wichtigsten Signale wie Wörter für „sich hinsetzen“, „sich hinlegen“, „kommen“ und „bleiben“ auch außer Sicht beherrscht, indem Sie sich zum Beispiel hinter eine Tür stellen. Damit Maxi Sie auch aus größerer Entfernung oder bei schlechtem Wetter mit viel Wind und Regen gut hört, können Sie ihm auch beibringen, auf die Signale einer Pfeife zu reagieren. Mit unterschiedlichen Pfiffen können Sie Maxi so auch auf weite Distanz das Signal zum Sitzen und Bleiben oder aber zum Kommen geben.

Schulen Sie außerdem die verbliebenen Sinne, und hier insbesondere die Nase, indem Sie Maxi Gegenstände oder Futter suchen lassen oder ihm beibringen, eine Spur zu verfolgen. Damit Maxi sich auch in unbekannten Umgebungen zurecht findet, muss er lernen, sich an Ihnen zu orientieren. Sie können dann Hindernisse wie z.B. Stufen durch Klopfen mit einem Stock anzeigen.

Achten Sie bei Spaziergängen darauf, dass Ihr Hund nicht plötzlich vom Kontakt mit einem anderen Hund überrascht wird. Normalerweise sieht ein Hund einen anderen Hund schon aus weiter Distanz auf sich zu laufen, und kann den anderen Hund beziehungsweise die Begegnung mit ihm so bereits von weitem einschätzen.

Da Maxi diese Möglichkeit bald nicht mehr hat, bitten Sie die Halter von anderen Hunden, ihren Hund erst einmal an die Leine zu nehmen. Stellen Sie Kontakt mit dem Halter her, und lassen Sie einen Freilauf erst zu, wenn Maxi registriert hat, dass es nun zu einer Hundebegegnung kommt.

Wie gewöhnen wir Fila das Jammern ab?

Eine andere Leserin möchte von dem Hundeexperten wissen:

Unser Australian Shepherd Mädchen Fila ist ein Jahr alt , aber sie hat sich angewöhnt sehr oft einfach zu jammern. Wie kann man ihr das abgewöhnen ? Sie sucht außerdem ständig unsere Aufmerksamkeit, springt uns an und krabbelt an uns hoch oder legt ihre Tatze ab. Wie gewöhnen wir ihr an, dass wir sagen, wann sie Aufmerksamkeit bekommt oder wir mit ihr Spazieren gehen?

Martin Rütter: Fila versucht sowohl mit dem Jammern als auch mit dem Anspringen und Pfote ablegen, Ihre Aufmerksamkeit zu erreichen. Und sie wird damit vermutlich auch Erfolg haben, denn dafür reicht bereits eine kleine Geste wie ein kurzer Blick als Bestätigung aus. Selbst wenn Sie genervt mit Fila schimpfen, verbucht diese das bereits als Teilerfolg. Denn zumindest haben Sie ja gemerkt, dass Fila etwas von Ihnen möchte.

Zwar haben Sie offensichtlich noch nicht wirklich verstanden, was ihr eigentliches Ziel war, nämlich ein Spaziergang, eine Schmuseeinheit, also Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, aber dies ist für Fila dann nur umso mehr ein Zeichen dafür, dass sie dran bleiben muss. Irgendwann werden Sie hoffentlich verstehen, was sie möchte, und sich mit ihr beschäftigen.

Jedes Mal wenn Sie daher, ob bewusst oder auch unbewusst, auf Filas Jammern und Nerven reagieren, verstärken Sie dieses Verhalten. Ignorieren Sie das Verhalten von Fila daher einfach komplett. Das bedeutet, dass Sie Fila daraufhin weder anfassen (also zum Beispiel kurz streicheln), noch anschauen oder ansprechen dürfen. Setzen Sie einfach die Tätigkeit, welche Sie gerade durchführen, ungeachtet Filas Verhalten fort.

Fila wird schnell lernen, dass Sie mit Ihrem Verhalten keinen Erfolg mehr hat, und die Jammerei einstellen. Doch Achtung, gerade dann, wenn Sie denken, Sie hätten mit Ihrem Training Erfolg gehabt, kann es passieren, dass Fila erneut beginnt zu jammern. Dieses Verhalten nennt man in der Lerntheorie „spontane Erholung“. Seien Sie darauf gefasst, denn wenn Sie jetzt vor lauter Überraschung doch wieder auf Filas Forderung reagieren, wird dies dazu führen, dass Fila noch stärker jammern und fordern wird als vor dem Training. Sie hat dann nämlich gelernt, dass sie nur ausdauernd genug sein muss: Irgendwann werden Sie schon reagieren.

Natürlich heißt das nun nicht, dass Sie Fila nicht mehr streicheln beziehunsgweise nicht mehr mit Fila sprechen oder spielen dürfen. Immer, wenn Fila ruhig ist, nicht jammert oder fordert, können Sie selbst Fila zu einem Spiel oder einer Schmuseeinheit auffordern. Sie müssen in Bezug darauf der agierende Partner sein, nicht der Reagierende!

Mein English Setter ist immer auf der Flucht

Dieser Leser aus Hagen hat Ärger mit seinem englischen Setter.

Im Haus ist mein englischer Setter sehr anhänglich und super umgänglich. Aber sobald wir draußen sind, kennt er mich quasi nicht mehr und hat eine mangelhafte Leinenführung. Auch ist es zum Beispiel im Garten sein einziges Ziel, einen Fluchtweg zu finden. Was kann man da machen?

Martin Rütter: Der englische Setter gehört zur Rassegruppe der Vorstehhunde. Als Jagdhund wurde er ursprünglich dafür gezüchtet, Wild, und hier insbesondere Vögel wie zum Beispiel Fasane, Rebhühner, etc. aufzuspüren, indem er in weiten Kreisen über die Felder läuft und die Gerüche der Wildtiere ortet.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Ihr Setter draußen gerne schnell und weit entfernt, denn diese Eigenschaften wurden durch Zuchtauslese bei dieser Rasse verstärkt. Dazu passt auch das Verhalten Ihres Hundes im Garten, da dieser meistens für den notwendigen Auslauf eines solchen Hundes zu klein ist. Zudem passiert aus Sicht Ihres Hundes im Garten nichts wirklich Spannendes: Es gibt kein Wild, welches man orten, keine Spuren, die man verfolgen könnte.

Gründe, aus denen ein Hund an der Leine zieht, gibt es viele. Einer davon kann auch mangelnde Auslastung und große Jagdleidenschaft sein. Wenn Ihr Setter sein Bedürfnis, weite Strecken zu rennen und Wild aufzuspüren, nicht ausleben darf, wird sich dies auch in der Leinenführigkeit widerspiegeln.

Ich würde Ihnen daher raten, Ihren Hund zunächst einmal auszulasten. Er muss die Möglichkeit haben, zu rennen, Spuren zu verfolgen und Beute zu machen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum einen können Sie Ihrem Setter das Apportieren beibringen. Probieren Sie einfach einmal aus, welchen Gegenstand Ihr Hund spannend findet: Vom Ball über den Futterbeutel bis hin zu diversen Dummys,zum Teil. sogar mit Fell oder Federn versehen, gibt es mittlerweile die unterschiedlichsten Apportiergegenstände für Hunde.

Vielleicht hat Ihr Hund auch Spaß am Verfolgen von Spuren? Dann legen Sie ihm doch einfach eine Spur aus Fleischwurststücken, die er danach absuchen muss. Gerade viele Vorstehhunde lieben auch das Spiel an der Reizangel. Hierbei wird ein Gegenstand an eine Schnur, die sich an einem Stock befindet, festgebunden und mit Hilfe dieser sogenannten Reizangel bewegt. Der Hund darf dann in hohem Tempo dem Gegenstand hinterher hetzen. Durch die Beschäftigungsmöglichkeiten wird Ihr Hund zum einen ausgelastet, zum anderen werden Sie aber auch spannend für Ihren Setter, so dass er draußen viel mehr auf Sie achten wird. Natürlich lösen Sie damit jedoch nicht die Probleme in Bezug auf Rückrufbarkeit und Leinenführigkeit. Ein Training hierzu sollten Sie jedoch erst beginnen, wenn Sie Alternativen für Ihren Hund zur Beschäftigung gefunden haben.

Emma ist ein Balljunkie

Familie Brandt aus Osnabrück macht sich Sorgen um ihre Labradorhündin Emma:

„Wir haben eine 5jährige braune Labradorhündin namens Emma. Unsere Emma ist ballsüchtig im wahrsten Sinne des Wortes. Sobald sie einen Ball sieht, ist sie fast nicht mehr ansprechbar und das Ballwerfen macht ihr unheimlich viel Spaß. Nun habe ich schon des öfteren gehört, dass es für die Gelenke von Hunden nicht gut ist, wenn sie dabei immer wieder abstoppen müssen und das ganze Gewicht auf die Knochen und Gelenke verlagert wird. Unsere Hündin wiegt derzeit cirka 34 Kilo-ist also kein Leichtgewicht. Laut Tierärztin muss sie cirka 3-4 Kilo abnehmen. Meine Frage ist, ob es andere Möglichkeiten gibt, wo sie eventuell auch einen Riesenspaß hat. Sie reagiert besonders auf Ball- und Stöckchenspiele mit viel Spaß und Freude.“

Martin Rütter: Mit 34 Kilogramm sollte Ihre Labrador Retriever Hündin tatsächlich einiges abnehmen. Eine Labrador Retriever Hündin sollte je nach Größe und Alter ca. 25 bis 27 kg wiegen. Zu viel Gewicht kann beim Hund wie beim Menschen auch gesundheitliche Auswirkungen auf den Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System und die Gelenke haben. Tatsächlich auch insbesondere dann, wenn Spiele durchgeführt werden, welche die Gelenke stark belasten, wie zum Beispiel das Abstoppen vor dem Ball beim Apportierspiel.

Dennoch sollte ein Hund natürlich beschäftigt werden, einfach nur spazieren gehen ist auf Dauer für einen Hund langweilig. Da Labrador Retriever zur Gruppe der Apportierhunde gehören, sind Apportierspiele grundsätzlich schon geeignet. Bitte nutzen Sie für Apportierübungen aber immer Bälle bzw. Spielzeug, welches für Hunde geeignet ist, und niemals einen Stock. Ein Hund kann sich beim Apportierspiel mit dem Stöckchen schwer verletzen. Der Stock kann sich schlimmstenfalls tief in den Rachen des Hundes bohren und diesen somit schwer bis tödlich verletzen. Aber auch kleine Splitter, die vom Hund verschluckt werden, können in der Speiseröhre oder im Magen/Darm Trakt zu schweren Verletzungen führen.

Damit Ihr Hund nun aber kein Ball-Junkie wird, müssen Sie das Apportierspiel kreativ gestalten. Einfach immer nur dem Ball hinterher hetzen, führt in der Regel dazu, dass der Hund hochfährt, und wie Sie ja auch beschreiben, irgendwann nur noch den Ball sieht, so dass er vom Menschen nicht mehr ansprechbar ist. Das Spielobjekt sollte für einen Hund aber niemals wichtiger sein als sein Mensch!

Gestalten Sie Ihr Spiel zukünftig daher so, dass Ihre Hündin lernt, auf Sie zu achten und Ihren Anweisungen genau zu folgen. Lassen Sie Emma zum Beispiel erst einmal absitzen, bevor sie den Ball holen darf. Führen Sie im nächsten Schritt andere Übungen wie ein Ablegen oder ein paar Schritte bei Fuß laufen durch. Emma lernt so, sich zurück zu nehmen und zu warten, zugleich aber auch, sich zu konzentrieren und auf Sie zu achten.

Solange Emma noch nicht abgenommen hat, können Sie zudem das Apportierspiel als Suche aufbauen. Werfen Sie den Ball in höheres Gras, oder verstecken Sie ihn so, dass Emma ihn nicht direkt sehen kann. Nun ist ein schneller Sprint mit starkem Abstoppen nicht mehr möglich, Emma muss ihre Nase einsetzen und ruhig und konzentriert suchen, um den Ball zu finden. So schonen Sie die Gelenke von Emma, können aber dennoch ihr geliebtes Apportierspiel weiter durchführen.

Hier geht es zur Webseite von Martin Rütter.


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