10.09.2015, 06:14 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Wie wird die Grippesaison 2015/16? Robert-Koch-Institut: Neuer Grippeimpfstoff steht zur Verfügung

Ein Piks zum Schutz gegen Grippe. Foto: dpa/lsnEin Piks zum Schutz gegen Grippe. Foto: dpa/lsn

Osnabrück. In diesen Tagen werden die ersten Grippeimpfstoffe an die Arztpraxen in Deutschland ausgeliefert. Mit dem Experten vom Robert-Koch-Institut Cornelius Remschmidt haben wir über seine Zusammensetzung und über die Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Grippeimpfstoffen gesprochen. Diese Problematik war in der Saison 2014/15 besonders deutlich geworden:

Mit bundesweit insgesamt 67471 Influenza-Fällen wurden im Vergleich zur Grippesaison 2013/2014 rund zehnmal so viele Influenzaerkrankungen nachgewiesen. Einige Experten glauben, dass unter anderem die Tatsache, dass der letztjährige Impfstoff gegen eine Variante des Grippevirus nur unzureichend wirksam war, zu der Schwere der Grippewelle beigetragen hat.

Es gibt Hinweise, dass die Grippewelle in Australien in diesem Jahr besonders heftig ausfallen könnte. Landesweit wurden bis Anfang August bereits 30000 Erkrankungen registriert. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Müssen auch wir uns auf eine besonders heftige Grippewelle einstellen?

Man kann die Daten aus Australien nicht auf unsere Situation übertragen. Wir können derzeit weder voraussagen, wann uns die nächste Welle trifft, noch wie schwer sie sein wird.

Der Impfstoff der vergangenen Saison hatte sich zum Teil als unzureichend wirksam erwiesen. Welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

Die Weltgesundheitsorganisation hat die in der Saison 2014/15 nicht optimale Übereinstimmung bei einer der drei bzw. vier Impfstoffkomponenten mit den hauptsächlich zirkulierenden Viren zum Anlass genommen, eine veränderte Zusammensetzung des Impfstoffes für die kommende Saison zu empfehlen. Sogenannte dreivalente Influenzaimpfstoffe sollen demnach Antigene folgender Influenzaviren enthalten:

•A / California / 07 / 2009 (H1N1)pdm09 – dies ist das Virus, das die Pandemie 2009/2010 ausgelöst hat

•Verändert zum Vorjahr: A/Switzerland/ 9715293/2013 (H3N2) ()

•Verändert zum Vorjahr B/Phuket/3073/2013 ()

Der viervalente Influenzaimpfstoff enthält dann noch zusätzlich Antigene des

•Influenzavirus-Stamms B / Brisbane / 60 / 2008.

Wir sind also für die nächste Grippewelle gut gerüstet?

Prinzipiell ja. Soweit man das überblicken kann, sind die Typen, die derzeit in Australien zirkulieren, in dem Impfstoff enthalten. Aber denken Sie an die vergangene Grippesaison. Da hatte sich das H3N2-Virus, als es zu uns kam, so stark verändert, dass diese Komponente nicht mehr zum Impfstoff passte. Das Influenza-Virus verändert sich ja quasi täglich. Es finden Veränderungen der Erbinformation statt. Irgendwann kann dann die Anzahl der Veränderungen so hoch sein, dass ein Virustyp nicht mehr gut zu der Impfung passt, und es kommt es zu einer Abschwächung der Impfwirkung. Sicher können wir die Wirksamkeit des Impfstoffes erst bestimmen, wenn die Grippe bei uns angekommen ist.

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Deutet einer der bisher bekannten Subtypen dieser Grippesaison auf eine besondere Schwere möglicher Infektionen hin?

Auch das lässt sich derzeit nicht ableiten. Es gibt viele Komponenten, die für die Schwere eines Krankheitsverlaufs eine Rolle spielen.. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass das H3N2-Virus etwas schwerere Verläufe bei älteren Menschen verursacht.

Ist es richtig, dass in Deutschland grundsätzlich nur ein dreivalenter Impfstoff geimpft wird. In den USA dagegen immer ein viervalenter?

Das ist nicht ganz richtig. In Deutschland sind sowohl die dreivalenten als auch die viervalenten Impfstoffe zugelassen und verfügbar. Theoretisch hat man die Wahl. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich nicht festgelegt: Die Stiko sagt nur, es soll mit einem Impfstoff geimpft werden, der zugelassen ist und die von der WHO empfohlene Zusammensetzung hat. Man kann also theoretisch beide Impfstoffe nehmen.

Wobei der Schutz durch den viervalenten Impfstoff doch besser sein dürfte.

Der Schutz des viervalenten Impfstoffes ist nicht per se besser als der des dreivalenten Impfstoffes. Wenn jedoch zwei verschiedene B-Viren zirkulieren oder wenn das in dem dreivalenten Impfstoff enthaltene B-Virus nicht dem zirkulierenden B-Virus entspricht, hat man mit dem viervalenten Impfstoff einen Vorteil.

Ist es am Ende so, dass die Kasse für den dreivalenten Impfstoff zahlt, für den viervalenten muss der Patient aber selbst aufkommen?

Vermutlich ist das häufig der Fall. In Deutschland gibt es ein Ausschreibungssystem: Das heißt, dass je nach Bundesland die Impfstoffe ausgeschrieben werden oder die Kassen ohne Ausschreibung darüber entscheiden, welche Impfstoffe sie für ihre Versicherten einkaufen. Seit dieser Saison müssen das Impfstoffe von mindestens zwei Herstellern sein. Da die Ständige Impfkommission aber keine Empfehlung gegeben hat, dass ein viervalenter Impfstoff bevorzugt verwendet werden soll, entscheidet am Ende der Preis. Und hier ist der Dreierimpfstoff in der Regel etwas preiswerter als der viervalente.

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Haben die Krankenkassen darüber schon entschieden?

Ja, die Verträge sind geschlossen.

Und sind es nun drei- oder viervalente Impfstoffe?

Das erfahren wir nicht. Die Verträge sind geheim.

Ab wann wird der Impfstoff in deutschen Praxen zur Verfügung stehen?

Er sollte eigentlich ab Anfang September da sein, also in der Regel jetzt. Von Engpässen habe ich bisher nichts gehört.

Forscher in aller Welt suchen schon seit Jahren nach einem Impfstoff, der weniger spezifisch ist und gegen alle Subtypen des Influenzavirus schützt. Derzeit gibt es Meldungen, wonach gleich zwei Forschergruppen unabhängig voneinander einen Weg gefunden haben wollen, die Wandelbarkeit des Virus zu umgehen. Was halten Sie davon?

Wir brauchen bessere Influenza-Impfstoffe. Daher ist jede Forschung in dieser Richtung äußerst willkommen. Aber der Impfstoff muss nicht nur gegen ein sehr wandlungsfähiges Virus wirken. Er muss auch sicher sein. Denn ein Impfstoff, der gut gegen das Virus wirkt, aber die Leute erst einmal zwei Wochen ans Bett fesselt oder Schlimmeres, ist wenig sinnvoll.


Der neue Grippeimpfstoff für die Grippesaison 2015/2016 wird bereits ausgeliefert. Für eine Impfung ist es aber nach Ansicht des Experten Cornelius Remschmidt noch zu früh.„Wir empfehlen die Grippeimpfung im Oktober oder November“, betont der Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts im Gespräch mit unserer Redaktion. Virologen weisen darauf hin, dass Flüchtlinge und Helfer in Notunterkünften besonders gefährdet seien. Hier weiterlesen >>

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