06.02.2015, 14:42 Uhr

Jedes dritte Ehepaar trennt sich Die Scheidungsrate sinkt – werden die Familien stabiler?

Seit einigen Jahren sinken die Scheidungsraten leicht – dennoch lässt sich jedes dritte Paar scheiden. Foto: ImagoSeit einigen Jahren sinken die Scheidungsraten leicht – dennoch lässt sich jedes dritte Paar scheiden. Foto: Imago

Osnabrück. Jahrzehntelang kannten die Scheidungsraten in Deutschland nur eine Richtung: Sie stiegen unaufhaltsam. Seit ein paar Jahren hat sich dieser Trend bei uns und auch in den USA umgekehrt – die Scheidungsrate sinkt leicht, und die Paare, die sich trennen, sind länger verheiratet als noch vor 20 Jahren. Sind Ehe und Familie also wieder stabiler als vor 20 Jahren?

Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2013 rund 169800 Ehen geschieden, das waren 5,2 Prozent weniger als 2012. Nach den derzeitigen Scheidungsverhältnissen wird demnach etwas mehr als jede dritte Ehe geschieden. Allerdings halten Ehen, die heute geschieden werden, länger als noch vor 20 Jahren. Die durchschnittliche Dauer der im Jahr 2013 geschiedenen Ehen betrug 14 Jahre und acht Monate – 1993 waren es nur elf Jahre und sieben Monate.

„Ich habe schon vor 25 Jahren die Prognose abgegeben, dass die Scheidungsrate sinken wird“, erklärt der Soziologe Professor Hans Bertram. Bis zu seiner Emeritierung im April 2014 leitete er den Lehrstuhl für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Im Gegensatz zum deutschen Trend steigen die Scheidungszahlen in Osnabrück und im Emsland

Vor kurzer Zeit beschäftigte sich die „New York Times“ in ihrer Online-Ausgabe mit diesem Thema. Die Autorin Claire Cain Miller nannte verschiedene Gründe, warum auch in den USA die Scheidungsraten seit ein paar Jahren wieder langsam sinken. Als Ursache führte sie an, dass Paare heute später und überlegter heirateten als früher. Zudem sei es nicht mehr notwendig zu heiraten, nur weil ein Kind unterwegs sei. Werde dann doch eine Ehe geschlossen, sei sie meist stabiler. Nicht zuletzt deshalb, weil die Paare vor der Hochzeit meist schon länger zusammenwohnten und wüssten, auf was sie sich einlassen. So weit, so sinnvoll die Erklärungen.

Dem widerspricht allerdings Soziologe Bertram: „Die sinkenden Scheidungsraten sind einfach zu erklären. Es heiraten weniger Menschen, und deshalb gibt es auch weniger Ehen, die geschieden werden.“ Zudem würden Ehen insgesamt altern, und weil länger bestehende Ehen seltener geschieden würden, müsse rein statistisch die Scheidungshäufigkeit sinken: „Wir können aus den gesunkenen Scheidungsraten also nicht ableiten, dass Ehe und Familie nun stabiler geworden sind.“

Das „verflixte siebte Jahr“ gibt es nicht

Und was ist mit den Erklärungsansätzen der „New York Times“-Autorin? „Soweit man das beurteilen kann, ist das leider nicht so.“ Bertram räumt zwar ein, dass Ehen heute womöglich überlegter geschlossen würden und weniger aus gesellschaftlichem Druck, er glaubt jedoch nicht, dass das einen Effekt auf die Scheidungsrate hat: „Diese Faktoren spielen vielleicht eine Rolle, aber ich wäre da eher zurückhaltend.“ Aus der Sexualforschung ist laut Bertram bekannt, dass Menschen, die mit mehreren Partnern zusammen waren, häufiger vergleichen und sich eher scheiden lassen als Menschen, die nur einen Partner hatten: „Da sich das Verhalten der jungen Erwachsenen heute hinsichtlich Ehe und Familie seit den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren nicht wesentlich geändert hat, werden auch die Scheidungen nicht weniger“, so der Soziologe.

Und was hält nun eine Ehe zusammen? „Die beste Versicherung gegen Scheidung sind drei bis vier Kinder. Wenn Sie ein Kind haben, ist die Scheidungswahrscheinlichkeit etwa bei 30 Prozent, haben sie keine Kinder etwa bei 50 Prozent. Aber wenn Sie dann auf die drei Kinder zusteuern, sind Sie bei elf Prozent auf der sicheren Seite“, erklärt der Soziologe.

Das hänge damit zusammen, dass Paare die Kindererziehung als gemeinsames Projekt begreifen, das sie zusammenschweißt. Je länger sie damit beschäftigt seien, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch darüber hinaus zusammenbleiben. „Das ist ja leicht nachvollziehbar. Wenn Sie drei Kinder großziehen, dann werden sie allein sieben Jahre die Kinder wickeln müssen.“ Die Aufgabe mit mehreren Kindern sei für das Paar viel herausfordernder, als wenn sie nur auf sich selbst angewiesen seien.

Zudem sinke die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Scheidung, wenn die Finanzen stimmten. Akademikerehen sind laut Bertram stabiler als Arbeiterehen: „Wenn Sie in der Mittelschicht leben und sich etabliert haben, dann sind die Anforderungen des Lebens meist gut zu bewältigen. Wenn sie aber in prekären Beschäftigungsverhältnissen leben, dann sind die Anforderungen kompliziert. Und das schlägt auch auf die persönlichen Beziehungen durch.“

Ein weiterer Aspekt, der die Scheidungswahrscheinlichkeit herabsetzt, lässt sich mit einem amerikanischen Sprichwort zusammenfassen: „Happy wife, happy life“ (dt.: Glückliche Ehefrau, glückliches Leben). Die meisten Scheidungsanträge werden laut Statistischem Bundesamt von den Ehefrauen eingereicht. Aber woran liegt das? „Es gibt zwei Gründe dafür: Erstens merken die Männer es offensichtlich nicht so schnell, wenn die Beziehung nicht gut läuft. Der zweite Punkt ist, dass in einer modernen Gesellschaft Frauen auch Gelegenheit haben, andere Männer kennenzulernen“, sagt Bertram. Lernen Frauen andere Männer kennen, seien sie häufig eher bereit, ihren Partner zu verlassen.

Bei Männern gehe es eher um das Abenteuer. Dieses stelle aber nicht automatisch die Beziehung zur Ehefrau infrage. Das bestätigt auch eine Studie der Rutgers University in New Jersey . Die Forscher haben Daten von fast 400 älteren Paaren ausgewertet, die im Durchschnitt schon 39 Jahre miteinander verheiratet waren. Demnach war die Zufriedenheit der Frau viel wichtiger als die des Mannes, wenn es ums Eheglück ging.


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