29.10.2014, 16:02 Uhr

Neue Möglichkeit zur Heilung? Mit dem Medikament Baclofen gegen Alkoholsucht


Osnabrück. Es klingt zu einfach, um stimmen zu können – doch ein Medikament gegen Spasmen scheint nebenbei auch das Substanzverlangen vieler Alkoholiker zu unterdrücken. Die Pille trägt den Namen Baclofen und ist in Frankreich bereits für Tausende Ärzte das Mittel der Wahl.

Dass eine neue Therapie heiß diskutiert wird, weil ein Arzt sie in einem Buch bewirbt, ist nichts Ungewöhnliches. Dass der Arzt allerdings selbst Betroffener ist und im konkreten Fall auf 320 Seiten beschreibt, wie er nur dank einer Tablette vom Alkohol loskam – das hat die Medizinwelt in Aufruhr versetzt.

Der unter vielen Alkoholsüchtigen kultisch verehrte Arzt heißt Olivier Ameisen (sprich: Amesenn). Im vergangenen Jahr starb der französische Kardiologe im Alter von 60 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Erfahrungen in der medikamentösen Therapie des Alkoholismus sind zu Ameisens Vermächtnis geworden; in Frankreich, seinem Heimatland, verordnen mittlerweile Tausende Ärzte die von Ameisen entdeckte Wunderpille.

Das Mittel, das die Gier nach Bier, Wein und Schnaps stoppen soll, heißt Baclofen. Ursprünglich dient es der Muskelentspannung. Eingesetzt wird es etwa bei Spasmen nach einer Rückenmarksverletzung oder in der Behandlung der Multiplen Sklerose.

Anfang der 2000er-Jahre stieß dann der Kardiologe Olivier Ameisen auf den Artikel einer amerikanischen Ärztin, die Erstaunliches zu berichten hatte: Laut ihrer Forschung konnte man im Computertomografen erkennen, dass Baclofen das unbezwingbare Substanzverlangen – der Fachausdruck lautet „Craving“ – von Kokainsüchtigen unterdrückt. Da auch ein italienischer Suchtforscher das Mittel bereits an Alkoholikern testete, machte Ameisen den Selbstversuch. „Ich war ein hoffnungsloser Alkoholiker. Ich hatte alle verfügbaren Therapien ausprobiert – erfolglos.“

Mit Baclofen kam dann der Durchbruch, den Ameisen selbst nicht für möglich gehalten hatte. Der Arzt startete mit 30 Milligramm des Muskelentspanners, nach fünf Wochen erreichte er die sehr hohe Dosis von 270 Milligramm – und das Verlangen nach Alkohol war gestoppt. Auch Ameisens Angststörung, die er in einer wissenschaftlichen Publikation als Begleitstörung seines Alkoholismus bezeichnete, wurde durch Baclofen deutlich gelindert.

In einem Interview im Jahr 2009 sagte Ameisen, die inzwischen niedriger dosierte Einnahme von Baclofen sorge dafür, dass ein Rückfall ausgeschlossen sei. Der einst schwere Alkoholiker blieb offenbar bis zu seinem Tod trocken. Und das, ohne dafür irgendwelchen Aufwand zu betreiben.

Dass sich eine schwere Sucht durch die Einnahme einer Pille besiegen lässt, behagt vielen Kollegen von Ameisen überhaupt nicht. Trocken werden ohne Willensleistung, ohne Bearbeitung der Lebensgeschichte, ohne Läuterung? Nach Ansicht von Tom Bschor, Psychiater und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, darf diese Rechnung nicht aufgehen. „Dass man Probleme löst, indem man etwas runterschluckt, das leuchtet Suchtkranken stärker ein“, sagt Bschor in einer Dokumentation, die Arte am 31. Oktober ausstrahlt. „Ich finde es ärztlich nicht verantwortungsvoll, genau diesen ungünstigen psychologischen Mechanismus zu bedienen.“

Bschors Meinung klingt schlüssig – doch ist sie am Ende nicht lebensfremd? Tausende Menschen sterben allein in Deutschland jährlich an den Folgen von Alkohol. Baclofen verspricht nach derzeitiger Studienlage, einen erheblichen Teil dieser Menschen zu retten. Und von keinem der Baclofen-Befürworter hat man bislang vernommen, dass er sich gegen eine begleitende Psychotherapie ausspricht.

Wer sich für das Thema interessiert, bekommt in der erwähnten Arte-Dokumentation einen hervorragenden Einblick. Die Produktion stammt aus Frankreich; dem Heimatland von Olivier Ameisen, in dem Baclofen seit diesem Jahr vorläufig zur Unterstützung einer Abstinenztherapie bei Alkoholsucht zugelassen wurde. Bislang konnten Ärzte das Mittel nur „off label“, also jenseits der eigentlichen Zulassung verordnen. Diese Regelung gilt auch weiterhin in Deutschland: Ärzte dürfen das Medikament, das eigentlich der Muskelentspannung dient, zur Behandlung der Alkoholsucht verschreiben. Sollte dem Patienten etwas passieren, droht dem Mediziner eine Klage.

Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen und Feldstudien mit – hoch dosiertem – Baclofen kommen zu dem Ergebnis, dass das Mittel einer sehr großen Zahl von Alkoholikern hilft. Ein Heilsversprechen ist das zwar nicht – doch das zu erwarten, wäre laut Olivier Ameisen auch naiv: „Ich glaube nicht an Wunderdrogen. Wissenschaft hat mit Wundern nichts zu tun.“

Die Dokumentation „ Alkoholismus: Wundermittel Baclofenläuft am 31. Oktober um 21.45 Uhr auf Arte. Danach ist die Doku noch eine Woche lang auf www.arte.tv zu sehen.


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