14.07.2014, 18:05 Uhr

„Lasst Löw hochleben!“ Schweinsteiger über das Gefühl, Weltmeister zu sein


Rio de Janeiro. Er hatte Krämpfe, unter dem Auge lief ihm das Blut aus einer Wunde, doch Bastian Schweinsteiger stand immer wieder auf. Er biss sich durch das WM-Finale zum Titel. Danach übermannten ihn für einen kurzen Moment die Gefühle. Im Interview spricht er über einen heroischen Kampf, das besondere dieser Mannschaft und einen der schönsten Tage seiner Karriere.

Herr Schweinsteiger , das war ein heroischer Kampf.

Ja, das musste sein.

Tut die Verletzung unter dem Auge noch weh?

Nein, das ist kein Problem. Der Kopf ist okay, nur meine Beine sind im Arsch (lacht). Aber alles hat sich rentiert.

Weltmeister! Geben Sie uns doch einen Einblick in Ihre Gefühlswelt im Moment.

Was soll ich sagen? Wir haben 2005 angefangen mit dieser Mannschaft. Wenn ich mich daran erinnere, wie wir nach der WM 2006 auf der Fanmeile in Berlin waren und wie die Leute dort applaudiert haben, dann freue ich mich, dass sie jetzt alles zurückbekommen. Das ist das Schönste, dass wir diesen letzten Schritt gegangen sind und die Leute happy gemacht haben. Ich habe früh gespürt, dass in diesem Turnier etwas möglich ist. Jetzt sind wir belohnt worden, ich freue mich speziell für Philipp oder Per oder Lukas oder Miro, die auch damals schon dabei waren.

Was ist das Besondere dieser Mannschaft?

Das Besondere sind die Auswechselspieler, die Spieler, die nicht so oft zum Zug gekommen sind. Wie die Jungs mitgegangen sind, wie sie im Training immer die erste Mannschaft gefordert haben, das war tatsächlich besonders. Es stimmt mich auch zuversichtlich für die kommenden Jahre, dass wir Spieler haben wie beispielsweise Kevin Großkreutz. Ich meine, Ihr wisst alle, wie er ist. Aber ich hätte nicht gedacht, dass er so ein cooler Typ ist.

Die Vorbereitung war nicht leicht für Sie. Wie haben Sie es geschafft, fit zu werden?

Es war ja nicht nur die Vorbereitung, die ganze Saison war schwierig für mich. Ich hatte eine Sprunggelenksverletzung, bin zweimal operiert worden. Auch mit dem Knie hatte ich Probleme. Aber ich habe mit dem FC Bayern das Double geholt, und wir sind ins Halbfinale der Champions League gekommen, das war letztlich schon eine sehr, sehr gute Saison auch von mir. Hier bei der WM wollte ich mit aller Gewalt so weit kommen wie möglich. Ich war froh, dass der Bundestrainer am Anfang meine Gesundheit ein bisschen geschont hat. So konnte ich fit werden. Auch wenn ich nach dem Algerienspiel total platt war und gegen Frankreich gerade noch so spielen konnte, haben sich die ganzen Mühen gelohnt. Und das ist schön.

Ist das der schönste Tag Ihrer Fußballkarriere?

Als wir 2013 in London mit dem FC Bayern die Champions League gewonnen haben, war es auch sehr schön, weil wir davor diese Niederlagen gegen Chelsea und Inter Mailand hatten. Aber diese beiden Tage gehören sicher zu den schönsten meiner Karriere.

Sie sehen mitgenommen aus. Wie geht es Ihnen?

Ich bin auch ziemlich leer, ja. Trotzdem wird es ’ne lange Nacht. Aber ich lasse beim Feiern Leuten wie dem Kevin den Vorrang, die können das noch besser. Ich versuche, den Moment zu genießen. So oft bekommt man einen WM-Pokal schließlich nicht in die Hand.

Wer darf den Pokal mitnehmen?

Von mir aus der Bundestrainer. Er hat ihn sich sehr verdient. Es war nicht einfach für ihn, speziell nach dem Spiel gegen Algerien . Dass er es hinbekommen hat, dass alle Spieler zufrieden und happy sind, das ist ein großes Verdienst von ihm. Es war genauso wie unter Jupp Heynckes bei unserem Champions-League-Erfolg. Das ist so schwer, und deshalb will ich nie Trainer werden. Dass Löw das hinbekommen hat, ist unglaublich. Diese große Leistung sollte man anerkennen: Also lasst ihn hochleben. Er hat es am meisten verdient.

Ist Menschenführung Löws größte Stärke?

Durch die vielen verletzten Spieler vor dem Turnier war es nicht einfach. Aber er hat es wirklich geschafft, die Mannschaft total hinter sich zu bringen. Er ist vorneweg gegangen. Er hat unglaubliche Worte gefunden in jeder einzelnen Besprechung. Er hat viel abbekommen, ich weiß das. Deshalb war es so wichtig, einen internationalen Titel zu gewinnen. Wir haben seit 2006 schon einige super Turniere gespielt, und trotzdem wurden sie oft als schlecht hingestellt. Ich fand das nicht immer in Ordnung. Man muss die Beine auf dem Boden lassen und sehen, wie sich die Mannschaft entwickelt hat. Jetzt haben wir uns belohnt dafür.


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