27.11.2016, 08:00 Uhr

Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Geburten aus der Hölle

Ja, manche Geburten sind einfach nur zum Schreien. Foto: ColourboxJa, manche Geburten sind einfach nur zum Schreien. Foto: Colourbox

Osnabrück. Der „Roses Revolution Day“ macht auf Geburten aufmerksam, die für die Mütter traumatisch waren. Unsere Eltern-Kolumnistin ist nach zwei Geburten ebenfalls überzeugt, dass an dem Satz „Schwangere Frauen stehen mit einem Bein im Grab“ immer noch etwas dran ist.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict über die Mindestanzahl von Menschen, die ein Familiengefühl ergeben können, spekuliert und dann unsere Elternkolumnistin gefragt: Was ist eigentlich mit Deinen Geburtsbeschwerden? Geht’s Dir inzwischen wieder besser?

Lieber Daniel,

danke der Nachfrage! Die Antwort ist Jein. Ich habe jetzt, knapp ein Jahr nach der Geburt von Kind 2, wenigstens nicht mehr ununterbrochen Schmerzen. Deine Frage passt zudem zum „Roses Revolution Day“, einem seit wenigen Jahren auch in Deutschland bekannt gewordenen Tag, der sich Geburten widmet, die Mütter traumatisierten. Sei es durch vermeidbare Geburtsverletzungen, Nicht-Ernst-Nehmen oder wenig Einfühlsamkeit. (Mehr zu „Roses Revolution“ gibt es hier)

Die betroffenen Frauen legen an diesem Tag nun eine Rose an ihrem Kreißsaal ab und machen so auf die Missstände aufmerksam. Ein wichtiger Tag, finde ich, denn Geburten sind immer noch oder dank Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen wieder mehr zu kritischen Angelegenheiten geworden.

Schwanger? Mit einem Bein im Grab.

Seit meinen zwei erlebten und überlebten Geburten bin ich mir zudem sicher, dass schwangere Frauen auch heute noch mit einem Bein im Grab stehen. Wir sind in meiner Familie fünf Frauen, die Kinder haben. Vor hundert Jahren wären vier von uns bei den Geburten verstorben, meine Mutter bei vier Kindern sogar gleich zweimal. (Alles muss raus: Das passiert bei einer Geburt)

Denn selbst hierzulande, wo die Müttersterblichkeit gering ist, kann es passieren, dass man in einer Klinik unter den Augen von Ärzten und Hebammen verblutet. Das habe ich bei Kind 1, einer natürlichen Geburt, erfahren müssen. Damals retteten mich eine aufmerksame Zimmergenossin und eine Not-OP.

Wunsch-Kaiserschnitt ist immer noch ein Tabu

Für Kind 2 hatte ich deshalb vorgesorgt: Auf jeden Fall eine andere Klinik und lieber ein terminierter Kaiserschnitt. Doch Kind 2, ein Sternengucker, drängte es leider früher und natürlich abends sturzartig auf die Welt, in der Klinik war kein Arzt frei, der den Kaiserschnitt in der kurzen Zeitspanne zur Geburt hätte durchführen können. Trotz toller Betreuung hatte ich wieder Pech, und brach und verdrehte mir dieses Mal mein Steißbein. Glaube mir: Das war noch schmerzhafter, als es vielleicht schon klingen mag. Ich trauere daher meinem verhinderten Kaiserschnitt immer noch nach.

Mit Gruseln denke ich auch an all die blöden Kommentare, die eine Freundin erhielt, weil sie auf jeden Fall keine natürliche Geburt haben wollte. Es sei schlecht für sie, für das Kind, für was auch immer. Ich weiß, dass ein Kaiserschnitt böse Folgen haben kann. Aber die kann eine natürliche Geburt auch haben. Ich kenne aktuelle Geschichten von sich lösenden Gebärmüttern, enormem Blutverlust, gebrochenen Becken und unterversorgten Kindern, die zu Traumata führten. Immerhin: Früher hätten diese Dinge nicht selten zum Tod geführt. Ein Hoch also auf die moderne Medizin! (Weiterlesen: Grobe Behandlungsfehler bei der Geburt? Eltern kämpfen vor Gericht für ihre behindert Tochter)

Jeder Frau ihre Geburt

Versteh mich nicht falsch: Wer sein Kind natürlich gebären will, soll dieses tun. Was ich will: Jede Frau soll sich ihre Wunschgeburt aussuchen können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Was im Kreißsaal, im Geburtshaus oder bei der Hausgeburt geschieht, entscheidet die Mutter und in Notfällen Fachpersonal. Dieses muss vor Ort sein und nicht eingespart werden.

Eine Geburt mag die natürlichste Sache der Welt sein, aber sie ist für Frauen auch immer noch eines der gefährlichsten Abenteuer.

Deshalb haben sie vor, bei und nach der Geburt nichts als Unterstützung verdient. Was sie definitiv nicht zu hören bekommen sollten, ist der Satz, denn mir der Narkosearzt vor der Not-OP bei Kind 1 auf meine Frage, ob ich denn wieder aufwachen und mein Kind sehen werde, gab: „Das kann und darf ihn ihnen nicht versprechen.“

Deine Corinna

PS: Und jetzt zur Gretchenfrage: Wie hast Du es, lieber Daniel, mit der Religion zu Weihnachten? Feiert ihr christlich mit Kirche und allem was dazu gehört?

Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, vor einem knappen Jahr wieder Mutter geworden, hat ihrer fünfjährigen Tochter schon den Adventskalender geplündert. Daniel Benedict, Vater eines Zweijährigen und eines Babys, intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

Doch Obacht: Was immer sie hier schreibe, darf nicht gegen die Kinder verwendet werden. Weil sie im Dienste der Unterhaltung zuspitzen, weglassen, verdrehen und Namen und Orte ändern


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