19.01.2017, 18:19 Uhr

Bremer Institut für Arbeit und Wirtschaft Viele junge Menschen im arabischen Raum wollen auswandern


Bremen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung im arabischen Raum ist von 15 bis 29 Jahre alt. Insgesamt sind das rund 100 Millionen junge Menschen. Viele von ihnen sehen in ihren Heimatländern kaum Perspektiven für ihre Zukunft – und planen auszuwandern. Das zeigen Ergebnisse eines EU-Forschungsprojektes, an dem auch das Bremer Institut für Arbeit und Wirtschaft (IAW) beteiligt ist.

Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit mündeten ab 2010 in vielen Ländern in den Protesten des sogenannten „Arabischen Frühlings“. Er war Ausgangspunkt für das Projekt, in dem Wissenschaftler, darunter der Ökonom Jochen Tholen vom IAW, in den Maghreb-Staaten (Marokko, Algerien und Tunesien), in Ägypten und dem Libanon jeweils 2 000 junge Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren nach ihren Meinungen und Lebensumständen befragten.

Düsterer Blick in die Zukunft

Alle Gesellschaften seien extrem jung, die Geburtenrate sehr hoch. Das erzeuge großen Druck auf den Arbeitsmarkt und auf Regierungen, entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Aufgrund ihres hohen Anteils an der Gesamtbevölkerung haben diese jungen Menschen laut Tholen einen erheblichen Einfluss, zum Beispiel durch Mobilisierung politische und kulturelle Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken. „Ich hätte nicht erwartet, wie düster junge Menschen dort ihre Perspektiven sehen“, so der Bremer Wissenschaftler. Befragt wurden die jungen Menschen unter anderem zu ihrer Ausbildung, ihrem Arbeitsplatz und ihren Migrationswünschen. Demnach wollen 53 Prozent der befragten jungen Tunesier ihre Heimat verlassen. In Marokko dagegen spielen nur acht Prozent mit dem Gedanken zu emigrieren.

Perspektivlosigkeit könnte Migration zur Folge haben

„Mehr als 63 Prozent sind hier allerdings noch unentschlossen, ob sie auswandern wollen“, so Tholen. Im Libanon wollen 16 Prozent der jungen Menschen emigrieren, in Ägypten 18 Prozent, in Algerien gaben ein Viertel der jungen Befragten an, ihrem Heimatland den Rücken kehren zu wollen. Trotz sinkender Asylbewerber-Zahlen in Deutschland: Der Druck zu emigrieren sei in den untersuchten Staaten nach wie vor immens, sagt der Wissenschaftler. Die Perspektivlosigkeit könne Migration zur Folge haben, innere Resignation oder eben auch in einem Ausbruch von roher Gewalt münden. „Ein Pulverfass“, so der Wirtschaftsexperte.

Viele Menschen arbeiten im „informellen Sektor“

Die Forschungspartner haben herausgefunden: Viele Menschen arbeiten in den Untersuchungsländern etwa im sogenannten „informellen Sektor“. Häufig sind dies einfache Dienstleistungen. Hier gebe es keine soziale Absicherung, nur niedrige Löhne und keine Möglichkeiten, aufzusteigen, sich weiterzuentwickeln, Karriere zu machen. 56 Prozent aller jungen Menschen in Algerien, die einen Job haben, arbeiten dem IAW zufolge hier, in Tunesien sind es gar 77 Prozent. Drei Viertel haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem, 61 Prozent derer, die einen Arbeitsplatz haben, besitzen nicht einmal einen Arbeitsvertrag. 38 Prozent aller jungen Tunesier sind arbeitslos, das sei ein Rekord im Vergleich der untersuchten Länder.

Wer gute Arbeit haben will, braucht gute Kontakte

Tholen berichtet von einem 28-jährigen Algerier, er nennt ihn „Ali“. Er habe zwar einen Bachelor in Ökonomie, arbeite aber ohne geringste Perspektiven in einem Textilunternehmen. „Er kann es sich nicht leisten, zu heiraten und wohnt aus Geldmangel bei seinen Eltern“, so Tholen. Weil seine Eltern aus unteren Schichten stammten, habe er keine Beziehungen, um einen guten Job im öffentlichen Sektor zu bekommen. Doch wer eine gute Arbeit haben will, braucht auch gute Kontakte. „Dieses System ist im ganzen arabischen Raum vorherrschend. Die Menschen nennen es ,Wasta‘“, so Tholen. 84 Prozent aller jungen Menschen in Ägypten haben ihre Beschäftigung durch gute Beziehungen erhalten, in Marokko sind es knapp zwei Drittel (63 Prozent), im Libanon 58 Prozent. Wer sie nicht hat, bekommt – trotz Hochschulabschluss – oft keinen Job mit Zukunft. So wie „Ali“. Der erzählt Tholen von Freunden, denen es als Illegale in Europa besser gehe als ihm. Und so denkt eben auch „Ali“ ans Auswandern nach Südeuropa.


www.iaw.uni-bremen.de

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