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ExxonMobil-Chef Kalkoffen für besseres Fracking-Verfahren: „Wir wollen auf giftige Chemie verzichten“
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Quelle: sha,bekr/Neue Osnabrücker Zeitung 31. Januar 2012 05:30 Uhr

Standort Lünne im Fokus

ExxonMobil-Chef Kalkoffen für besseres Fracking-Verfahren: „Wir wollen auf giftige Chemie verzichten“

Osnabrück. Zur Gasförderung mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren nimmt Gernot Kalkoffen, Europachef des weltgrößten Ölkonzerns ExxonMobil, Stellung.

 
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Will Chemikalien ersetzen: Gernot Kalkoffen. Foto: Hehmann Symbolfoto: dpa

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Herr Kalkoffen, wie groß ist das Potenzial des unkonventionellen Erdgases in Deutschland?

Gemessen an 14 Milliarden Kubikmetern, die pro Jahr in Deutschland gefördert werden, ist es groß: Eine Studie der Deutschen Rohstoffagentur geht von 827 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus, davon 80 Prozent unkonventionelles Erdgas. Da nur 30 Prozent der Bohrungen auf lohnende Mengen für die Förderung stoßen, brauchen wir mehr technische Daten. In Lünne haben wir eine ganz interessante Schiefergas-Stelle gefunden, wo wir per Frac gern testen würden, ob wir Gas rausbekommen. Für Bad Laer und Bissendorf können wir noch nichts sagen, wobei zur Ausbeutung dieser Kohleflözgas-Lagerstätten nur in 50 Prozent der Fälle Fracs nötig wären.

 

Das Fracking-Verfahren steht in der Kritik. Hat Sie die Stärke des Gegenwinds überrascht?

Ein wenig schon. Wir fördern schon Jahrzehnte Gas in 70 Gemeinden Nordniedersachsens, auch per Fracking. Man kennt uns, viele Mitarbeiter leben vor Ort. Auf ähnliches Vertrauen haben wir bei der Erkundung neuer Lagerstätten im südlichen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gehofft. Im Nachhinein betrachtet, hätten wir besser abschätzen müssen, dass bei den Menschen Ängste und Informationsbedarf bestehen, wofür ich vollstes Verständnis habe.

 

Wie wollen Sie bei ihnen Vertrauen gewinnen?

Unsere Bohrplätze sind – wie auch Tankstellen – versiegelt, sodass nichts in den Boden laufen kann. Per mehrfache Stahlrohr- und Zementummantelung wird die Bohrung vom Grundwasser getrennt. Das Fracking findet in biszu mehreren Tausend Meter Tiefe statt. Verwendete Chemikalien können somit nicht in Trinkwasser führende Schichten gelangen, die in Norddeutschland bis maximal 200 Meter Tiefe reichen.

 

Nun wollen Sie das Fracking aber auch in geringerer Tiefe von nur etwa 1000 Metern durchführen.

Wir halten das Verfahren unter den Standards, die wir in Deutschland anwenden, für absolut sicher. Andernfalls würden wir das auch nicht verantworten. Trotzdem lassen wir die Prozesse nun von einem Kreis hochrangiger, unabhängiger Wissenschaftler untersuchen – transparent und unter Beteiligung der Wasserversorger sowie der interessierten Öffentlichkeit. Die Experten sollen zum Gürtel die absichernden Hosenträger liefern – also ergebnisoffen Kriterien und Gebiete definieren, wo und wie man die Technik anwenden darf und wo man besser die Finger davonlässt.

 

Eine Gefahr sind die Chemikalien, die das Grundwasser verunreinigen, wenn sie hineingelangen.

In Deutschland hat es noch nie eine Kontaminierung des Grundwassers durch Fracking gegeben, obwohl allein wir die Technik seit 50 Jahren rund 180-mal angewendet haben. Das Gesamtgemisch besteht nur zu etwa zwei Prozent aus Chemikalien und ist insgesamt nicht giftig. Wir haben in den letzten zwei Jahren trotzdem die giftigen Komponenten, die wir gegebenenfalls einsetzen, von sieben auf vier reduziert. Unser Ziel ist, in spätestens zwei Jahren auf alle giftigen Chemikalien zu verzichten. Dafür prüfen wir zum Beispiel den Einsatz von UV-Licht. Schon jetzt versuchen wir, die einzelnen Mengen so gering wie möglich zu halten.

 

Die Hebung des Gases würde viele neue Bohrplätze bedeuten, womit das Unfallrisiko steigt. Auch ExxonMobil ist schon wegen undichter Leitungen in die Kritik geraten. Grundwasser wurde verschmutzt, Erdreich musste ausgetauscht werden.

Wir haben zertifizierte, zugelassene Kunststoffrohre zum Transport von Lagerstättenwasser verwendet, die sich typischerweise in 1,5 Meter Tiefe befinden und sich im Laufe der Jahre als undicht erwiesen haben – ein Vorfall, der nichts mit Fracking zu tun hat. Inzwischen haben wir den größten Teil der Kunststoffleitungen ersetzt und verwenden sie für neue Leitungstrassen nicht mehr.

 

Auch aus Gasfördergebieten der USA gibt es Berichte über Umweltschäden...

Grundsätzlich gilt, dass Umstände, die dort zu den Vorfällen führten – viele kleinere Firmen agierten bei geringeren Standards auf unversiegelten Bohrplätzen –, schon wegen der geltenden Gesetze bei uns undenkbar sind. Sie mahnen uns aber, wie wichtig es ist, technische Standards genau einzuhalten, um Risiken zu minimieren.

 

Sollten Sie das Fracking in den neuen Fördergebieten somit nicht erst dann einsetzen, wenn Sie komplett auf giftige Chemikalien verzichten können?

Zurzeit befinden wir uns in der Erkundungsphase. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis zu einer Förderung auf giftige Zusätze vollständig verzichten können. Außerdem richten wir uns auf jeden Fall nach den Empfehlungen der Wissenschaftler unseres Expertenkreises.

 

Kritiker monieren, diese seien nicht unabhängig, weil sie von ExxonMobil bezahlt werden.

Genau wie wir Universitäten und Schulen unterstützen, ohne dass die Lehrpläne dort dadurch schlechter werden. Entscheidend für die Wissenschaftler ist doch ihre Reputation, deshalb werden sich ihre Erkenntnisse allein nach ihrem besten Wissen und Gewissen richten. Wir von Exxon nehmen auf sie jedenfalls keinerlei Einfluss.

 

Was sagen Sie zu Hinweisen auf mögliche Erdbeben durch Gasförderung oder Fracking, wie sie ja auch bereits aus der Geothermie bekannt sind?

Unstrittig ist, dass in Niedersachsen Erschütterungen aufgetreten sind. Bislang gibt es aber keine Anzeichen für einen Zusammenhang mit der Gasförderung. Wir haben als Industrie ein Monitoring-System mit Sonden aufgebaut – in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften.

 

Wäre eine gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für jeden Frac für Sie ein tragbares Hindernis?

Wir sind nicht gegen Umweltverträglichkeitsprüfungen, glauben aber, dass diese zuerst die Fachbehörden der Länder leisten sollten: eine UVP-Vorprüfung von Leuten, die den Sachverstand haben. Sollten diese eine allgemeine UVP für nötig halten, würden sie diese einleiten. So hätten wir ein Stufenverfahren ohne Einfluss der Industrie, das für Standardfälle den bürokratischen Aufwand in Grenzen hält. Zudem unterstützen wir die Position des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft zur Erkundung unkonventioneller Vorkommen. Sie sieht zum Beispiel einen Ausschluss von Bohrungen in Wasserschutzzonen I/II und Fracs generell in Wasserschutzzonen vor.

 


Was ist Fraking?

Bei der Erdgasförderung mit der „Hydraulic Fracturing“ oder auch  Fracking genannte -Methode werden neben großen Mengen von Wasser und Sand auch giftige Chemikalien, etwa Schädlingsbekämpfungsmittel, ins Erdreich gepresst. Kritiker befürchten eine Verunreinigung des Grundwassers. ExxonMobil erkundet derzeit an vielen Standorten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen im Kohleflöz und Schiefergestein neue Möglichkeiten zur „unkonventionellen Gasförderung“.

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