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Oliver Kalkofe: „Bohlen ist nicht das Schlimmste“
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Autor: Daniel Benedict 10. Februar 2012 10:16 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Satiriker für Schulfach Medienkunde

Oliver Kalkofe: „Bohlen ist nicht das Schlimmste“

Osnabrück. Eigentlich mag Oliver Kalkofe das Fernsehen. Er ist sogar Mitbegründer des Gernsehclubs, der das gute Fernsehen regelmäßig in öffentlichen Veranstaltungen zelebriert – und mit dem er gerade durch den Norden tourt. Trotzdem hat Deutschlands komischster Medienkritiker immer noch genug Stoff für parodistische Frontalattacken. Im Interview schickt er die „Bauer sucht Frau“-Redaktion in die Hölle und erklärt, warum Bohlen nicht das Schlimmste an „DSDS“ ist.

 
Schaut kaum noch das aktuelle Fernsehprogramm: Oliver Kalkofe gönnt sich lieber eine DVD. Foto: ddp  Vergrößern

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Haben Sie Gottschalks Neustart in der ARD gesehen?

Auf jeden Fall ist die Sendung ein großer Fortschritt zu all dem Murks, der vorher auf dem Sendeplatz gelaufen ist. Aber Gottschalk hat mir bei der Premiere leidgetan, weil die ihm bei der ARD richtig einen übergebraten hat. Drei Werbeblöcke in 30 Minuten plus Wetter! Ich dachte, das ist noch nicht mal erlaubt. Und dann auch noch mitten im Interview. Die ARD wollte offenbar zeigen, dass sie es noch schlimmer können als die Privaten. Für diese blöde Nummer gab es keine inhaltliche Begründung, außer Gier. Aber man hat überraschend schnell geschaltet und das geändert, hätte ich nicht gedacht.

 

Vielleicht kostet Gottschalk einfach zu viel und muss die Gage wieder reinholen.

Das denkt man vielleicht, aber das glaube ich nicht. Die ARD hat schon noch genug Geld, um sich ein bis zwei Gottschalks zu leisten. Man muss ihn jetzt einfach atmen und ankommen lassen und ihm Freiraum schaffen. Im Moment spürt man noch die Suche und Unsicherheit, weil man sich noch nicht einig ist, was die Sendung eigentlich genau sein soll. Ich bin jetzt ja auch zugeschaltet, immer donnerstags als Kino-Experte, vielleicht hilft das ja. Oder vergrault den ganzen Rest auf einmal.

 

Verfolgen Sie die Nachfolge-Debatte um „Wetten, dass . .?“?

Anfangs dachte ich, Hape Kerkeling wäre der Einzige, der dieses angestaubte Format in der jetzigen Form weiterführen könnte. Was nicht heißt, dass ich das gut fände. Ich glaube, die einzige echte Möglichkeit für das ZDF wäre ein radikaler Schnitt: so was wie Joko und Klaas. Zwei Drittel der ZDF-Zuschauer würden die Füße in die Luft strecken, aber das ist auch nötig, um die Show wieder frisch zu machen. Was man unbedingt abschaffen muss, ist der „Wetten, dass . .?“-Gigantismus. Immer will man es allen recht machen: erst der deutsche Star, dann der internationale, dann ein Song aus den Achtzigern, danach ein aktueller, dann Musical, dann Sport, dann Comedy. Bei „Wetten, dass . .?“ kann man vor dem Fernseher die Programmpunkte abhaken, das ist nicht überraschend, sondern einschläfernd. Und dann der Zwang zu Mega-Promis: Je größer der Star, desto professioneller ist ja auch seine Marketing-Langeweile. Das hat die Sendung langsam zerstört. Was den Charme der Sendung ausmacht, sind die Bekloppten mit ihren Wetten und spannende Gäste, egal wie prominent.

 

Trauern Sie um die Option Pilawa?

Nichts gegen Pilawa. Der ist ein netter Mensch, ordentlich und sauber, fällt beim Moderieren nicht hin und schmutzt nicht. Aber genau deswegen wäre er auch nichts anderes als der verschleppte Tod gewesen, zu brav. Für dieses Format braucht man einen ganz speziellen Charakter.

 

Herr Kalkofe, auch Sie kommen in ein Alter, wo man die ersten Werkeditionen herausgibt.

Stimmt. Ich warte auch schon auf meinen ersten Preis fürs Lebenswerk. Ich bin bereit.

 

Wie wär’s mit einem Bambi?

Einen Bambi werde ich nie kriegen, will ich aber auch gar nicht. Das kackende Gold-Reh ist meiner Ansicht nach der verlogenste Medienpreis, den wir haben. Nach dem Mut-Preis für Tom Cruise haben sich mir schon die Eingeweide verknotet. Aber der Bushido-Bambi für Integration hat den Preis implodieren lassen. Wäre ich ein Reh, ich würde mich im Walde schämen. Es gibt aber noch genug andere Altherrenpreise, die ich kriegen könnte. Das findet sich.

 

Hat sich Ihre Medienkritik seit „Frühstyx-Radio“ verändert?

Auf jeden Fall. Am Anfang habe ich ganz unbedarft aus der reinen Empörung eines Zuschauers über das sichtbare Programm heraus gehandelt. Der Blickwinkel ändert sich. Wenn man eine Zeit lang selbst mitspielt, wenn man hinter die Kulissen blickt und Leute kennenlernt, . . .

 

. . . die einem eine schöne Urlaubsreise spendieren.

Natürlich! Dafür ist man ja beim Fernsehen. Ich möchte nicht, dass durch den Bundespräsidenten die ganze, schöne Korruption in Verruf gerät. Das ist eine wunderbare Sache. Gerade in den Medien leben wir alle davon. In der Politik ist es was anderes. Der Unterschied ist ja leider, dass ich als Künstler nur für mich verantwortlich bin und nicht für Arbeitsplätze oder die Wirtschaftsentwicklung. Deswegen möchte ich auch nie Politiker werden, sondern lieber weiter die schönen Geschenke annehmen. Als Präsident hätte ich auch eine kurze Amtszeit.

 

Zurück zum Wandel Ihrer Medienkritik.

Je länger man mitmacht, desto größer ist das Mitleid mit den Leuten vor der Kamera. Hinter den Kulissen sieht es viel hässlicher aus, auch wenn es nicht beweisbar ist. Damals wie heute möchte ich jedenfalls keine Leute zum zweiten Mal veralbern, die sowieso schon vom Sender vorgeführt wurden – was im Casting-Zeitalter immer schwieriger wird.

 

Weil das Programm voll ist mit Sendungen wie ...

. . . „Schwiegertochter gesucht“, „Bauer sucht Frau“ oder „Einsam unter Palmen“ und „Schwer verliebt“. Der Großteil des Programms besteht aus Bloßstellungen, für die ihre Redakteure alle mal in der Hölle schmoren werden. Die holen sich bewusst Leute, die man im Grunde schützen müsste. Das ist reine Bosheit. Auch Formate wie „DSDS“ wären nur halb so schlimm, wenn es nicht wirklich diabolische Redakteure ohne Moralempfinden geben würde, die einfach gern Leute öffentlich zur Sau machen. Die Casting-Betreuer von heute reaktivieren den guten, alten Dorftrottel, damit sie jemanden auf dem Marktplatz stellen, auslachen und mit Dreck bewerfen können. Bohlen ist nicht das Schlimmste an „DSDS“. Das Schlimmste passiert vor der Show. Da suchen sich Redakteure gezielt Kandidaten mit einer gestörten Selbsteinschätzung. Und die werden dann bearbeitet: „Zeig mal was von dir. Glaubst du, dass du gut bist? Dann sag das auch! Tanz doch mal ein bisschen! Sei mutig. Hast du eigentlich eine Freundin? Mach doch mal einen Aufruf!“ Und hinter der Kamera lachen sich alle kaputt, machen einen lustigen Film und lassen dem armen Trottel per Tricktechnik einen Hundehaufen auf den Kopf fallen. Diese Menschen sind schlicht böse.

 

Wie schätzen Sie das Bewusstsein dafür ein, dass alles in diesen Formaten fingiert ist?

Meiner Erfahrung nach hat der Großteil der Bevölkerung das Grundgefühl: Das Fernsehen lügt nicht und will uns nichts Böses. Keine Ahnung, woher das kommt. Reality-Formate gehen als Doku durch. Alles, was weder Spielfilm noch Serie ist, gilt als echt. Und das Problem ist: Obwohl der ganze Schrott von schlechten dummen Menschen erfunden wird, glauben die Zuschauer, dass die Wirklichkeit dann wohl so ist wie im Fernsehen. Und wollen auch so sein und sich genauso anbrüllen und dieselben Konflikte und Interessen und Perversionen haben. Weil für die Masse der Leute der Fernseher immer noch das Fenster zur Welt ist.

 

Was tun?

Wir brauchen ein Schulfach Medienkunde. Ich wäre sofort bereit, dabei mitzumachen. Wie lese ich eine Zeitung? Wie funktioniert das Fernsehen? Was passiert im Internet? Die Medien beeinflussen unser Leben mehr als Mathematik. Ich habe schon mehrfach Schulen besucht und mit Schülern gesprochen: Die waren vollkommen allein gelassen mit dem Fernsehen, hatten keine Ahnung, was man da mit ihnen macht. Bei den Lehrern gab es eine Generalverteufelung des Mediums. Und die Schüler haben sich nicht mal getraut, frei darüber zu reden. Wenn ich fragte, was die gern gucken, kam erst mal: „Na, Dokus, Nachrichten.“ Die Wahrheit traute sich keiner zu sagen, erst recht nicht, dazu Fragen zu stellen. Auf diese Sprachlosigkeit müsste man politisch reagieren. Aber wahrscheinlich sind die Eliten ganz froh, wenn ein Großteil der Leute dumm bleibt.

 

Das klingt jetzt aber ein bisschen nach Weltverschwörung.

Stimmt. Ich glaube auch nicht an die großen Strippenzieher. Dafür laufen die Dinge beim Fernsehen einfach viel zu schlecht, und die Zuständigen dort sind viel zu dumm. Zum Glück sind sich die meisten dort ihrer Macht gar nicht wirklich bewusst.

 

Vom „Bachelor“ bis „Bauer sucht Frau“ inszeniert das Fernsehen von Frauen umflatterte Hähne im Korb. Warum gucken sich Zuschauerinnen das an?

Wirklich verstehen kann man das nicht. Hier werden 150 Jahre Emanzipation ins Klo gespült. Der Wunschtraum, die erwählte Prinzessin irgendeines schmierigen Schleimprinzen zu sein, ist anscheinend unausrottbar. Dieses Knatter-Casting ist auch für mich unfassbar. Wozu hatten wir eine halbwegs erfolgreiche Evolution, wenn so viele Menschen sich einfach weigern, daran teilzunehmen?

 

Gucken Sie noch live Fernsehen?

Nein, das habe ich mir abgewöhnt, ich vertraue dem Fernsehen nicht mehr, es ist nicht mehr mein Kumpel. Wenn was Neues kommt, über das ich vielleicht schreiben muss, schaue ich rein, aber nicht freiwillig. Meine Frau zappt noch immer. Da drehe ich durch. Hör doch auf, sage ich, wir haben den Schrank voller DVDs.

 

Wie ist es mit Nachrichten?

Auch nicht so wie früher. Da war die „Tagesschau“ ein echter Fixpunkt. Aber jetzt bin ich den ganzen Tag im Internet; zwei Seiten habe ich immer offen. „Spiegel online“, damit ich weiß, was wirklich läuft, und „bild.de“, damit ich sehe, was die Leute glauben. Am Abend bei den Nachrichten weiß ich dann meist schon alles. Das Einzige, wo ich gerade voll dabei war: Dschungelcamp. Da habe ich eine ehrliche, kindische, diebische Freude. Wenn ich mit der „Mattscheibe“ die Fernsehpolizei war, dann ist das der offene Vollzug. Da wird mir warm ums Herz. Die Dschungelprüfungen sind mir egal. Aber was ich wahnsinnig spannend finde, ist das psychologische Experiment, wie sich hier immer wieder elf kaputte Egos in eine Extremsituation und dann auch noch unter Kamerabeobachtung begeben.

 

Ein Format wie „Kalkofes Mattscheibe“ kritisiert das schlechte Fernsehen – lebt aber auch davon. Ist Medienkritik ein parasitäres Geschäft?

Das wird zumindest immer wieder so kritisiert: „Wieso machst du überhaupt was dazu? Das müsste man alles totschweigen.“ Aber wenn du dich in der wirklichen Welt bewegen und eine Meinung dazu haben willst, dann kannst du nicht die Augen davor verschließen. Natürlich knüpft man sich die aufmerksamkeitsstarken Formate auch deshalb vor, weil man damit mehr Publikum erreicht. Insofern sind wir alle Parasiten – es geht aber auch nicht anders. Wenn ich keine Abhängigkeiten akzeptiere, kann ich mich auch gleich in den Wald stellen und mit den Bäumen reden. Ein besserer Vergleich als der Parasit ist vielleicht der Arzt. Der lebt auch davon, dass es anderen schlecht geht. Und wie ein Arzt versuche ich das zu heilen, was uns alle belastet. Wie ein Arzt muss ich mich um die große Grippe-Epidemie „DSDS“ genauso kümmern wie um die versteckten Leiden im Anruf-Fernsehen. Und wie beim Arzt ist das Sprechzimmer trotz aller Anstrengungen auch bei mir am nächsten Tag immer noch genauso voll, egal wie viele ich gestern geheilt habe.

 

Kalkofe auf Tour: Der Gernsehclub reist durch den Norden:

27. 2. Hamburg, 3. 3. Osnabrück (Kartenhotline: 0180/5004222) ; 4. 3. Hannover.

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