Noz
Kontakt

·

Digitalabo

·

Shop

·

Tippspiel

Startseite

|

Deutschland & Welt

|

Vermischtes

|

Ex-Verfassungsschützer Leo Martin verrät im Interview Strategien
Vermischtes

Schrift
 Drucken  Versenden Empfehlen auf:      

1730
Autor: Dr. Stefanie Adomeit 04. Februar 2012 16:04 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Agent mit der Geheimwaffe vertrauen

Ex-Verfassungsschützer Leo Martin verrät im Interview Strategien

Sanfte braune Augen, ein charmanter süddeutscher Zungenschlag und ein warmer Händedruck. Dieser Mann – ein knallharter Geheimagent? Eine Lizenz hat Leo Martin mit Sicherheit: die zum Betören. Dass er aber auch zehn Jahre lang für den Verfassungsschutz gearbeitet, Drogendealer, Kriminelle und Zuhälter als V-Männer angeworben hat – kaum vorstellbar. Dann stieg er aus und schrieb ein Buch über die psychologischen Strategien des Geheimdienstes, es wurde zum Bestseller. Strategien, die auch außerhalb des Milieus funktionieren.

– Anzeige – Ihre Anzeige hier



Zuletzt kommentiert








Herr Martin, hatten Sie als Agent die Lizenz zum Töten?

Ich hatte ein paar Lizenzen, die zum Töten war nicht dabei. Ich war Agent in einem Rechtsstaat. Da gibt es glasklare Grenzen. Aber wenn es in einer Notwehrsituation ums Überleben geht, hat jeder von uns das Recht zu töten.

 

Heißen Sie wirklich Leo Martin?

Nein. Ich hatte zu meiner aktiven Zeit eine Handvoll Arbeitsnamen. Dieser ist einer davon.

 

Warum brauchen Sie jetzt noch ein Pseudonym?

Heute hat das nichts mehr mit meiner Sicherheit, sondern mit dem Schutz meiner Privatsphäre zu tun.

 

Schöne Frauen, schöne Autos, schöne Orte dieser Welt. Daran und an James Bond denke ich, wenn ich das Wort Geheimagent höre. Was fuhren Sie denn für einen Dienstwagen?

Einen Kleinwagen jedenfalls nicht. Dann ist dein Status von Anfang an ruiniert. Weil die Kriminellen andere Autos fahren. Das ging hoch bis zum Porsche. Mein Lieblingsauto war ein Dreier-BMW, tiefergelegt, Ledersitze, Sportfahrwerk. Diese Autos haben übrigens die Seite gewechselt, weil sie vorher für Straftaten benutzt und dann von der Staatsanwaltschaft eingezogen wurden.

 

Mussten Sie sich an die Straßenverkehrsordnung halten?

Nicht immer. Es gibt die 46/2-Bescheinigung. Die entbindet uns in Einsatzsituationen von der Straßenverkehrsordnung.

 

Wie viele Menschen wussten von Ihrem Beruf?

Nur meine Kollegen. Familie und Freunden habe ich gesagt: Ich arbeite fürs Innenministerium und mache Konzeptionsarbeit im Bereich organisierte Kriminalität, Bekämpfung und Beobachtung. Ich habe immer so langweilig erzählt, dass es nach Schreibtischjob klingt. Selbst meine Eltern wussten nicht, was ich mache.

 

Das war für den Seelenfrieden sicherlich besser.

Oh ja. Nachdem meine Mutter mein Buch gelesen hatte, rief sie zweimal am Tag an, weil sie sicher sein wollte, dass alles in Ordnung ist. Der einzige Mensch, der es wusste, war meine Partnerin. Das verkraftet sonst keine Beziehung. An meinem Bett lagen vier Handys. Wenn die geklingelt haben, bin ich losgefahren, ohne zu wissen, wann ich wieder nach Hause komme. Die Partnerin muss grob wissen, welche Art Job das ist und wer der Auftraggeber. Was sie nie weiß, sind Zahlen, Daten, Fakten. Das gilt nach wie vor.

 

Wusste der Verfassungsschutz, dass Sie ein Buch schreiben?

Nein. Ich habe 2008 gekündigt ...

 

Warum?

Ich wollte für mein privates Umfeld verlässlicher sein.

 

Und das ist Ihnen mit einem Leben außerhalb des Verfassungsschutzes gelungen?

Na ja, 2011 war schlimmer als jedes Jahr beim Dienst. Ich habe 200 Vorträge gehalten. Aber es ist ein anderes Arbeiten. Meine Leute wissen heute, wo ich bin. Ich habe die Möglichkeit, anzurufen oder jemanden mitzunehmen.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, über Ihre Erfahrungen als Agent ein Buch zu schreiben?

Nach und nach habe ich einzelnen Leuten von meiner Vergangenheit erzählt und gemerkt, dass es ein großes Interesse gibt. Dann kam schnell die Idee, ein Buch daraus zu machen. Und dann war schnell klar: Ich baue Kommunikationsthemen in einen spannenden Agentenfall ein. Der Verfassungsschutz wusste nicht, dass ich schreibe. Ich habe entschieden, mir keine Behörde mit Reichsbedenkenträgern als Klotz ans Bein zu binden – in einem Graubereich, wo es kein „richtig“ und kein „falsch“ gibt. Heute haben sich die Wogen geglättet. Das Buch ist ja auch nicht sehr reißerisch aufgemacht.

 

Na ja, auf der Rückseite steht: „Das Buch, von dem der Geheimdienst nicht will, dass Sie es lesen.“

Das ist mein Lieblingssatz.

 

Fühlen sich die Menschen von Ihnen nicht durchschaut? Ich frage mich schon, was Sie daraus schließen können, wie ich mich bewege, wie ich rede.

Ja, das höre ich oft, aber wir bewerten uns ja ohnehin ständig.

 

Aber Sie haben offenbar andere Möglichkeiten.

Der Unterschied ist, dass ich bewusst fokussiere und bewerte, wenn ich das möchte. Aber das kostet Energie, Zeit, Konzentration. Im normalen Leben mache ich das nicht.

 

Die Öffentlichkeit kennt zwar Ihren richtigen Namen nicht, aber die Leute, die Sie ins Gefängnis gebracht haben, könnten Sie heute natürlich erkennen. Ist das nicht gefährlich?

Ich habe ja nie im Milieu gelebt. Ich hatte nur Kontakt zu einzelnen Männern auf unteren Ebenen. Den Oberen war ja nicht klar, was der jeweilige V-Mann gemacht hat – und ihnen ist es bis heute nicht klar. Ich bin quasi unsichtbar.

 

Sind Sie für den Einsatz von V-Leuten?

Sie haben jetzt den NPD-Prozess im Kopf. Das ist ein schlechtes Beispiel gelungener Nachrichtenarbeit. Aber ein V-Mann ist durch nichts zu ersetzen. Jeder Staat muss die Entscheidung treffen: Will er sehen, oder will er blind sein? Wenn er sehen will, braucht er V-Leute.

 

Neonazis haben allerdings eine andere Motivation als Dealer. Rechtsextreme haben eine Weltanschauung. Warum sollen die Ihnen etwas erzählen?

Das stimmt. In der organisierten Kriminalität geht es um Geldgier und Macht, Größenwahn und Egoismus. In den anderen Bereichen der nachrichtendienstlichen Arbeit geht es um Ideologien. Der Rechte will aber einen starken Staat, er will nach Regeln leben und kann sich unterordnen. Das kann ich ihm als Verfassungsschützer bieten.

 

Aber er will nicht diesen Staat.

Jemanden, der zu tief in seiner eigenen Ideologie verwurzelt ist, werde ich auch nicht gewinnen können. Ich brauche die Mitläufer. Weil sie sich ihr ganzes Leben als Außenseiter gefühlt haben und hier das erste Mal aufgenommen sind. Meine Chefs hätten mir den Kopf abgerissen, wenn ich bei den Rechtsextremen jemanden angeschleppt hätte, der zu hoch in der Hierarchie war.

 

Was ist bei der Überwachung der Zwickauer Terrorzelle schiefgelaufen?

Die Ideologiefraktion der Rechten hat ein Sendungsbewusstsein. Das macht sie sichtbar für uns. In Zwickau hatte sich eine Kleinstgruppe abgeschottet – auch innerhalb dieses Milieus. Das hat sie unsichtbar gemacht.

 

Wie sind Sie zum Verfassungsschutz gekommen? Sie waren ja noch sehr jung.

Ich habe eine Polizeiausbildung gemacht und schnell gemerkt, dass mir das nicht gefällt. In der Prüfung war ich dann aber der Beste von ein paar Hundert Leuten. Mein erster Chef hat damals ein Talent-Scouting gemacht und mich quasi angeworben.

 

In Ihrem Buch „Ich krieg Dich“ geht es darum, Menschen für sich zu gewinnen.

Schön, dass Sie gewinnen und nicht erschleichen sagen. Ich beschreibe, wie Kontakt entsteht, wie ich Vertrauen aufbaue, auf der Beziehungsebene in einem Minimum an Zeit unter schwierigsten Ausgangsbedingungen punkte. Das klingt nach Strategie und Taktik. Und das ist es in unserem Job auch. V-Leute sind rar gesät. Für die steht alles auf dem Spiel.

 

Warum ist Vertrauen so wichtig?

Weil alle anderen Wege ausscheiden. Sobald der V-Mann merkt, dass die Information, die er abliefert, mit Geld aufgewogen wird, kann ich mir sicher sein: Ich bekomme jedes Mal neue, tolle, spannende Informationen. Immer durchsetzt mit Details, die ich überprüfen kann. Aber ich kann der Beziehung nicht trauen. Es bleibt der fade Beigeschmack von bezahltem Verrat. Der V-Mann muss wissen, worauf er vertraut. Ich muss ihm ein Versprechen geben und einhalten. Und das heißt: Du lieferst Infos, wir kümmern uns darum, dass dir daraus keine Nachteile entstehen. Wir werden dich zu nichts nötigen, du hast das letzte Wort. Du wirst in unserem Auftrag keine Straftaten begehen. Tust du’s doch, holen wir dich nicht raus.

 

Aber wenn Sie ihm sagen, ich weiß etwas über dich, das dich ins Gefängnis bringen könnte, ist die Einwilligung so freiwillig ja nicht.

Das ist immer die erste Frage: Was ist, wenn ich nicht mitmache? Dann machst du mich fertig. Nein, mache ich nicht. Das machst du irgendwann selbst. Wenn er nicht kooperiert, heißt das nicht, dass es am nächsten Tag einen Zugriff gibt. Wir müssen wissen, wer wo mit wem Geschäfte macht, und mit der Zeit in der Hierarchie nach oben rutschen. Wenn ich bei jedem kleinen Nein auf unterer Ebene einen Flächenbrand auslösen würde, würde ich die Ermittlungen unmöglich machen.

 

Und Sie übertragen die Methoden, das Vertrauen eines Kriminellen zu gewinnen, auf das normale Leben?

Ja, weil diese Methoden schlechtwettergetestet sind. Manche Führungskräfte in Unternehmen glauben ja immer noch, sie könnten ihre Mitarbeiter mit Geld oder Druck motivieren. Bullshit. Der Mensch entscheidet frei. Mit Geld funktioniert es nicht, mit Erpressung schon gar nicht. Unsere Kontaktmänner leiden dann an plötzlicher Amnesie. Wenn ich denen eine Frage zu einer Person stelle, heißt es: Kenne ich nicht. Dann lege ich ihm ein Observationsfoto von beiden zusammen vor. Dann heißt es: Ah, das ist Vitali. Vitali, wie noch? Ah, keine Ahnung, Vitali, lebt in Norddeutschland.

 

Wie funktioniert es also?

Je klarer das Bild von mir in ihrem Kopf ist, desto sicherer fühlen sie sich. Mein Job ist es, möglichst viel von mir preiszugeben, meine Werte, mein Umfeld, die Themen, die mich beschäftigen. Dann sollten sie Gemeinsamkeiten finden. Wenn sie sich an Gespräche mit ihren Freundinnen erinnern, kommen sie von einem Thema zum nächsten, vom Brautkleid zum Schulbusfahren, vom Kuchenbacken zu Pobacken. Hinterher wissen sie vielleicht gar nicht mehr genau, worüber sie gesprochen haben. Aber sie wissen: Die Stimmung war gut. Mit einfachen Strategien kann man diese Emotion künstlich erzeugen.

 

Vertrauen künstlich erzeugen – eigentlich möchte ich Menschen nicht bewusst manipulieren.

Das Wort manipulieren ist leider negativ belegt, dabei bedeutet es nur beeinflussen. Kommunikation ist nie zweckfrei. Und wenn es nur ums momentane Wohlfühlen geht. Aber unser Verhalten ist gesteuert von Gewohnheiten und Glaubenssätzen, die wir gar nicht mehr wahrnehmen. Wir sind quasi auf Autopilot. Auf einmal merke ich, hier könnte ich etwas im Kontakt zu anderen Menschen optimieren – und bekomme eine Lösung angeboten.

 

Verraten Sie mir eine.

Beim ersten Zusammentreffen nicht auf einen Blickkontakt warten. Das wirkt gewollt, bedürftig, inszeniert. Besser von der Seite ansprechen, mit einem Thema, das aus der Situation entsteht. Und nicht zu viele Fragen stellen – das wirkt neugierig –, besser Statements abgeben. Also nicht sagen: Ihr Dialekt klingt ein bisschen norddeutsch. Könnte es sein, dass Sie aus Braunschweig kommen? Sondern einfach sagen: Sie kommen aus Osnabrück, stimmt’s?

 

Stimmt.

Lesen Sie auch ...

Dora Heldt wurde unter Großmutters Namen zur Bestsellerautorin
Die Frau ist ein Phänomen: Bis Mitte 40 war Bärbel Schmidt einfache Verlagsvertreterin, dann schrieb sie unter dem Namen ihrer Großmutter Dora Heldt... mehr

„Meine Luna ist total lieb“
Wer Ki.Ka guckt, kennt Singa. Die Moderatorin ist von Anfang an beim Kinderkanal dabei, moderiert „Baumhaus“, „Tanzalarm“ und vieles mehr, ein Ende ist... mehr

Mit 80 hat man noch Träume - Die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek...
Sie dreht mehrere Filme pro Jahr, malt, unterhält zusammen mit einer Freundin einen 3500 Quadratmeter großen Traumgarten an ihrem Haus auf der Schweizer... mehr


 Mehr Vermischtes

 
  Leserkommentare
Schreiben Sie einen Kommentar




Empfehlen auf:  Facebook  Twitter

2632_1
Endpreis: 9.950 €
Erstzulassung: 01.10.2003
Kilometerstand: 189000 km
Motorenleistung: 120 kW
25723855-1
Endpreis: 28.390 €
Erstzulassung: 01.04.2011
Kilometerstand: 19000 km
Motorenleistung: 147 kW
25330502-1
Endpreis: 10.950 €
Erstzulassung: 01.03.2009
Kilometerstand: 137936 km
Motorenleistung: 81 kW






 Zeitungstitel wählen  Schließen

Wählen Sie Ihren Zeitungstitel: