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Tippspiel
„Pur ist kein Harmonie-Gebilde“
al Bietigheim-Bissingen. An Osnabrück erinnern sich die Musiker von Pur immer gerne zurück: Ende 1986 gewinnen sie in der Stadthalle den Bundesrockpreis. Der Sieg öffnet den Jungs aus Bietigheim-Bissingen zumindest einige wichtige Türen. Heute gehört die Band um Frontmann Hartmut Engler zu den erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt. Ausverkaufte Tourneen, millionenfach verkaufte Alben und eine Fangemeinde, die sich quer durch alle Altersklassen rekrutiert, sprechen für sich. Im Jahre 2010 gehen Roland Bless und der Rest der Gruppe getrennte Wege. Über die Gründe dieser Trennung gab uns die Band in einem exklusiven Interview Auskunft. Doch nicht nur das: Die seltene Gelegenheit, alle Musiker an einem Tisch versammeln zu können, eröffnete uns die Chance, über noch mehr Themen zu sprechen, auf die Pur in den vergangenen 30 Jahren zurückblicken kann.
Warum gibt Hartmut Engler eigentlich die meisten Interviews und die anderen stehen eher im Hintergrund?
Crawford: Der Hartmut ist ja im Allgemeinen als Texter der meisten Songs von größtem Interesse. Von daher macht er auch die meisten Interviews.
Gehring: Da kommst du nie zu Wort (lacht).
Crawford: Das wollte ich jetzt so nicht sagen, aber es ist die Wahrheit.
Gehring: Aber es ist auch gut so, denn er ist am besten trainiert und das Gesicht der Band.
Stoeck: Und in der Außenwahrnehmung ist es auch sinnvoll, denn die Leute sprechen sehr oft von Hartmut Engler und Pur. So, wie ich Hartmut als guten Freund wahrnehme, muss ich auch sagen, dass er selten ein dummes Wort sagt. Er beweist mit dem, was er sagt, eine große Authentizität. Er ist öffentlichkeitsfähig.
Diese Fähigkeit würde ich jetzt den anderen aber nicht absprechen.
Crawford: Nee. Aber Hartmut ist eben trainiert. Wir haben auch bandintern vor 25 Jahren schon mal einige Aufgaben verteilt. Und Hartmut ist einfach das Gesicht nach außen. Wir fühlen uns von ihm einfach gut vertreten.
Rudi, Sie sind der Älteste in der Truppe…
Buttas: Müssen Sie das jetzt erwähnen?
Stoeck: Das muss er, wir wollen ja ein ehrliches Interview machen (lacht).
Ich denke, er hat sich mit seinen 55 Jahren aber noch prächtig gehalten…
Stoeck: Ist der wirklich schon so alt?
Aber jetzt mal ernsthaft: Rudi, müssen Sie als Ältester auch mal in der Band ein Machtwort sprechen?
Buttas: Nein. Das wird alles zusammen ausdiskutiert. Da habe ich keine besondere Rolle.
Crawford: Wir sind aber auch schon so lange unterwegs. Da kennt auch jeder die Schwächen und Stärken des anderen. Da weiß man, wenn einer seine Ruhe haben will. Man kennt seine Pappenheimer.
Aber es will mir doch wohl keiner erzählen, dass es auf einer langen Tour oder sonst auch mal Streit gibt, oder?
Buttas: Ja, natürlich. Aber da gibt es dann Diskussionen. Und da hat keiner eine besondere Rolle als Obervater.
Gehring: Ohne Reibung gibt es auch keine Entwicklung. Jeder ist gefragt, im Boot zu rudern. Jeder kann Ideen einbringen.
Stoeck: Aber das ist schon eine gute Frage. Pur wird ja landläufig auch gerne als Harmonie-Gebilde verkauft, was nicht der Realität entspricht. Wir sind einfach Menschen, die sich aneinander reiben, die Dinge ganz offen besprechen – mit der nötigen Liebe und Freundschaft. Das habe ich in 16 Jahren hier kennengelernt. Und Hartmut als Sprachrohr muss sich in seiner besonderen Rolle durch die Band geborgen wissen. Das macht die Konzeption Pur aus.
Buttas: Wenn er schlecht drauf ist, das geht gar nicht.
Stoeck: Wir fühlen uns gemeinsam wohl für ihn. Aber das heißt eben nicht, dass wir bestimmte Dinge nicht ausfechten. Es gibt auch mal deutliche und laute Worte.
Crawford: Da prallen schon mal Vorstellungen aufeinander. Bis das Ding nach außen präsentiert wird, ist das geklärt.
Warum ist die Zusammenarbeit mit Roland Bless in die Brüche gegangen?
Crawford: Roland ist schon lange dran, auch eigene Musik zu machen – auf Deutsch, was immer schon ein Problem war. Der Rudi hat ein Soloding laufen – auf Englisch. Der Hartmut hat ein Soloding gemacht – auf Englisch.
Buttas: Es ist Bestandteil unseres Plattenvertrages, dass wir keine deutschsprachigen Soloprojekte machen dürfen.
Crawford: Für den Roland war es immer irgendwie schwierig, diesen Punkt zu akzeptieren. Es war dann der Punkt erreicht, wo diese Tatsache in der Band zu Spannungen geführt hat. Der Roland ist in manchen Dingen nicht so offen gewesen. Da gab es insgesamt böses Blut.
Engler: Man ist musikalisch miteinander unzufrieden. Daraus entsteht dann auch, dass man menschlich auch nicht mehr so richtig toll miteinander umgeht. Ich kann aus meiner Sicht nur sagen, dass ich es gut finde. Ich habe es auch als schon längst fällig empfunden.
Längst fällig?
Engler: Ja. Es war schwierig, ihn musikalisch einzubinden. 1996 haben wir den „Stöcki“ dazugeholt. Das hatte natürlich Gründe, denn eine Band beschließt nicht aus Jux und Dollerei, dass sie einen neuen Schlagzeuger braucht. Ab da war es für ihn schwierig, seine Position für ihn befriedigend auszufüllen.
In einigen Interviews hat Roland Bless angemerkt, dass ihm mittlerweile die Kluft zwischen Band und Fans zu groß sei.
Gehring: Irgendwann waren doch die Hallen so groß, dass wir anschließend nicht mehr rausgehen konnten, um Autogramme zu schreiben. Das geht einfach nicht. Deswegen kann ich diese Kritik vom Roland nicht nachvollziehen. Aber selbst heute nehmen wir uns noch die Zeit, wo wir können. Die Fans spiegeln doch das, was wir tun.
Buttas: Ich denke, der Roland hat einfach einen Aufhänger gesucht für sein Konzept.
Stoeck: Uns ist genauso an einer Begegnung mit den Fans gelegen wie den Fans an einer Begegnung mit uns. Das sehen wir zum Beispiel auch nicht zuletzt an einer kompromisslosen Authentizität eines Hartmut Engler, der vor Abgründen seiner selbst nicht haltmacht – wie damals, als er Depressionen hatte und die mit gewissen Alkoholika zu betäuben wusste. Die Band hat sich im Übrigen niemals von den Fans entfernt, sodass jetzt keine Aufbauarbeit betrieben werden muss.
Buttas: Wir haben die Auseinandersetzung durchaus zum Anlass genommen, noch einmal darüber nachzudenken, wie wir weitermachen wollen. Das war eigentlich ein guter Anlass.
Eine Komplettauflösung stand nie zur Debatte?
Buttas: Nein, es ging nur darum, was wir vielleicht anders machen sollten.
Stoeck: Und das haben wir ja auch durchgezogen. Nach außen hin – und das betrifft maßgeblich Cherry, Martin und mich – haben wir eine bewusste Integration betrieben. Das heißt, der Gastarbeiter-Status (lacht), pardon der Gastmusiker-Status hat sich dahingehend verändert, dass wir nun im Außenverhältnis der Band sind. Das Modell mit fünf Gesichtern ist überholt. Das war eine wichtige Geste der Ur-Besetzung. Das hat gutgetan.
Gehen wir einige Jahre zurück: Es gab eine Situation, in der Pur, damals noch Opus, fast komplett ausgelöscht wurde.
Gehring: Jetzt bin ich mal gespannt...
Crawford: Wir haben in Garmisch-Partenkirchen zwei Abende gespielt und sind direkt nach dem zweiten Gig nach Hause gefahren. Alle waren irgendwie mit Alkohol versehen – ich nicht, und deshalb war ich auch der Fahrer. Ich war müde und bin hinterm Steuer eingeschlafen. Wir sind mit dem Bus über einen Grünstreifen auf einen Parkplatz gehoppelt. Das Einzige, was zu Bruch ging, war ein Scheinwerferglas. Ab diesem Zeitpunkt haben wir nach den Auftritten immer übernachtet.
Buttas: Wir waren dann oft in Jugendhäusern, Pensionen oder einfachen Hotels.
Jugendherbergen gehörten in den Anfangsjahren zu den Standard-Unterbringungen, oder?
Engler: Nee. Meistens waren wir privat untergebracht. Ich kann mich noch an einen Gig irgendwo im hohen Norden erinnern: Da hat uns ein Typ mit nach Hause genommen. Im Keller war ein Matratzenlager. Da hat er uns noch eine Kiste Bier reingestellt und gesagt: „Jau, tschüss, bis Morgen dann.“ Das war klasse.
Apropos Jugendhäuser. Beim Auftritt im Haus der Jugend Ludwigshafen gab es einen der schwärzesten Bandmomente.
Buttas: Da war niemand da.
Crawford: Wir haben eine halbe Stunde für die Belegschaft gespielt und haben dann wieder eingepackt.
Buttas: Diese Zeiten haben die Band auch sehr geprägt, weil wir da zusammengewachsen sind und nicht aufgegeben haben.
Der 31. Mai 1985. Was war da los – in einem Lokal namens Café Galerie?
Crawford: Da hießen wir noch Opus. Zu dem Zeitpunkt war schon „Live is life“ von Opus aus Österreich zu uns herübergeschwappt. Dieses Café war brechend voll, weil die dachten, wir sind Opus aus Österreich. Wir haben dann eine alternative Version zu „Live is life“ aus dem Ärmel geschüttelt – „Quark macht stark“. Es sind erstaunlich wenige gegangen.
War der Sieg beim Bundesrockpreis 1986 in Osnabrück ein Meilenstein der Bandgeschichte?
Crawford: Meilenstein ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber es war ein Einschnitt.
Buttas: Es war ein Startschuss, um mit den Plattenfirmen in Kontakt zu kommen.
Crawford: Für die war so ein Sieg natürlich interessant.
Engler: Da kommen zwei Sachen zufällig zusammen: Zum einen haben wir damals gewonnen. Zum anderen hatten wir mit „Hab mich wieder mal an dir betrunken“ eine Nummer, die für Plattenfirmen als Single interessant war. Die Intercord, die uns letztendlich den Plattenvertrag hat unterschreiben lassen, hat von dem Bundesrockfestival gar nicht viel mitbekommen. Aber für uns war der Sieg ein großartiger Moment.
Reidl: Ich weiß nur noch, dass wir uns mit Sekt vollgeschüttet haben. Nicht absichtlich, irgendwie ging das schief beim Anstoßen mit rotem Faber-Sekt. Es war auf jeden Fall ein Glücksfall, dass wir unsere eigene Technik dabei hatten. Das wäre ja sonst ein fürchterliches Gebrumme gewesen.
Engler: Wir waren damals immer mit unseren drei Leuten für Licht, Bühne und Ton unterwegs. Fünf Musiker und drei Techniker. Wir sind aufgefallen durch unsere Klamotten-Wechsel, das hatte keine andere Band. Und wir hatten Fans dabei, zum Beispiel welche von Norderney.
Heinz-Rudolf Kunze war damals in der Jury…
Reidl: Genau. Ich wusste das.
Engler: Ich habe es erst im Nachhinein richtig mitbekommen. Ich war nur nervös und im Tunnel. Und ich weiß noch, dass wir uns ein Hotel in Osnabrück geleistet haben, weil die uns in einer Jugendherberge unterbringen wollten. Wir dachten schon, dass die richtige Vorbereitung das A und O ist.
Gab es in den Jahren vor dem Bundesrockpreis auch Momente, bei denen die Zukunft der Band auf dem Spiel stand?
Engler: Das war um 1986/87. Da haben wir langsam, aber sicher unsere Studiengänge zum Ende hinbewegt. Die Examen standen an, und da war klar, dass wir auch irgendwann mal anfangen mussten, Geld zu verdienen. Und wir wussten, wenn wir jetzt nicht bald einen Plattenvertrag bekommen, dann werden wir eine Hobbyband sein. Aber dann kam der Plattenvertrag. Ich habe damals immer gesagt, dass alle nur mit Wasser kochen. Aber wer einen Plattenvertrag hat, der hat einen Herd. Und wenn du gar keinen Herd hast, auf dem du das Wasser kochen kannst, hast du keine Chance. Ohne Plattenvertrag kannst du dich wund spielen.
Buttas: Das Problem hatten wir wirklich. Bis Mitte/Ende der 1980er-Jahre haben wir jeden Pfennig in die Bandkasse gesteckt. Wir haben alles gekauft – Licht und Ton.
Crawford: Wir haben echt die Ochsentour gefahren, die sich irgendwann ausgezahlt hat.
Buttas: Wir haben zusammengehalten, das Zeug selbst rein- und rausgetragen.
In den Jahren mussten aber auch einige Nebenjobs herhalten, um sich über Wasser zu halten?
Engler: Ich war zum Beispiel mit Ingo zusammen Beleuchter bei einer Dessous- und Bademoden-Messe in Düsseldorf. Ich habe viel Nachhilfe-Unterricht gegeben. Fast in allen Semesterferien habe ich Löcher in Stahlteile gebohrt – in der Zahnradfabrik in Bietigheim.
Reidl: Ich habe auch unterrichtet und in der Fabrik gearbeitet. Wir konnten ja noch daheim wohnen und mussten keine Miete zahlen.
Springen wir wieder in die Gegenwart: Cherry, können Sie bei der ganzen Terminflut überhaupt noch seriös und mit voller Energie Ihr Ratsmandat für die Grünen in der Stadt Remseck ausüben?
Gehring: Ich bin auch überwältigt von den Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. Die Position in der Band hat sich geändert. Es ist schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Also, ich werde mich aus dem Stadtrat zurückziehen.
Stöcki, Sie sind der Clown in der Band…
Stoeck: Das entspricht meinem Naturell. Stöcki-TV während der Tour war zum Beispiel eine Idee von Uli Roth. Das macht mir alles Spaß. Ich liebe das gesprochene Wort und bin ein heiterer Mensch.
Warum passen „Stöcki“ und Cherry so gut zu Pur?
Crawford: Natürlich wegen der musikalischen Fähigkeiten. Und das andere haben wir gerne mitgenommen (lacht).
Mussten denn beide auch vor ihren Engagements vorspielen?
Crawford: Der „Stöcki“ auf jeden Fall.
Stoeck: Damals war die Maßgabe die Seiltänzertraum-CD. Die habe ich mir dann auch sehr freudig draufgeschafft. Ich habe mich sehr gut vorbereitet, auf drei verschiedene Versionen. Die Bestätigung der Annahme, das werde ich nie vergessen, war, als Ingo Reidl nach „Hör gut zu“ wortlos aufstand und in diesem Tempo applaudierte („Stöcki“ applaudiert ganz ruhig). Das war toll.
Gehring: Ich habe mich einfach reingeschlichen – als Backgroundsänger oder als Keyboarder. Das ging irgendwie schleichend. Dann war der evangelische Kirchentag in Berlin. Und da sagte der Hartmut plötzlich bei den Proben, dass ich auch mitsingen könnte, wenn ich eh dabei bin.
Stoeck: Man darf heute auch sagen, dass wir uns nach 16 Jahren in einer Weise gefunden haben, die eine wahre Freude ist. Ein Akt der Liebe.
„Stöcki“, haben Sie eigentlich noch Ihre ganzen Nebenkriegsschauplätze – wie Brunner und Brunner oder Claudia Jung?
Stoeck: Die habe ich nicht mehr. Ich habe da Superzeiten verbracht. Dazu stehe ich auch. Da sind auch in der Regel hervorragende Musiker bei den Touren dabei. Das sind alles Menschen, vor denen ich absoluten Respekt habe.
Hartmut war ja ursprünglich ein Fan der Band Crusade. Ich habe gelesen, er sei damals der Band mit seinem Mofa immer hinterher gefahren…
Reidl: Immer hinterher gefahren ist gut, weil wir ja nicht so oft gespielt haben. Als wir einmal in Beutelsbach aufgetreten sind, war er auch im Publikum. Da hat uns ein Stück… (überlegt)
Engler: …Dämmmaterial für die Basstrommel hat euch gefehlt.
Reidl: Und dann haben wir von ihm seinen Parka bekommen.
Engler: Beim Soundcheck war ich schon da. Als sie dann meinen Parka in die Basstrommel gestopft haben, war ich ganz stolz.
Reidl: Dann hat er bei mir Klavierunterricht gehabt. Ich habe dann festgestellt, dass er richtig gut singen kann. Wir hatten keinen Sänger mehr, ich habe ihn dann mitgenommen zur Probe. Da hat er vorgesungen.
Eine Art Casting?
Engler: Casting ohne Konkurrenzsituation. Aber sie hätten ja sagen können, dass es ihnen nicht genüge. Insofern war ich natürlich total aufgeregt. Ich wurde dann auch rausgeschickt, während sie beraten haben.
Was haben Sie vorgesungen?
Engler: „Wishing well“ von Free.
Und das hat beeindruckt?
Engler: Ich konnte hoch und laut singen. Das war damals wichtig.
Reidl: Ich habe es ja schon gekannt. Ich habe ihn ja schließlich zur Band gebracht.
Fürs Klavier hat es aber nicht gereicht?
Engler: Ich habe erst mit zwölf Jahren angefangen. Das war zu spät. Und ich hatte auch keinen Übungseifer.
Reidl: Sonst hätte was aus ihm werden können. Im Übrigen hatte er ja einen, der ihn begleitet.
Und dann ist Hartmut langsam in eine Führungsrolle hineingewachsen, er war ja anfangs auch der Kassenwart der Band…
Engler: Ich habe das Wenige verwaltet – in einem Schulheft, alle Tankbelege und sonstigen Quittungen.
Gehen wir etwas mehr in die jüngere Vergangenheit. Wie ist der Kontakt zu Martin Ansel zustande gekommen?
Ansel: Ich war im Tonstudio. Ich glaube, der Hartmut und der Ingo haben für ihre damaligen Freundinnen privat ein Geburtstagslied aufgenommen.
Reidl und Engler: Ein Weihnachtslied!
Ansel: Okay, ein Weihnachtslied. So kam der Kontakt zustande. Ich kannte Opus und Pur aber auch schon vorher.
Und Hartmut und Ingo waren auch sofort von Martin begeistert?
Ansel: Nee, Hartmut überhaupt nicht.
Was war da los?
Ansel: Da war so eine gewisse Aggression vorhanden. Das hat auch einen Grund gehabt. Hartmut hat mich gefragt, wie ich den Text von „Wenn sie diesen Tango hört“ finde. Ich habe dann gesagt, dass ich so Zeilen wie „Kinder für die Republik“ nicht gut finde. Es gab mal Kinder fürs Dritte Reich, aber nicht für die Republik. Aber natürlich hat es mit dem Text gar nichts zu tun. Ich hatte damals wahrscheinlich nicht das richtige Feingefühl. So konnten wir uns eine Zeit lang gar nicht leiden, oder?
Engler: Es war so, dass der Ingo mich von Anfang an davon überzeugt hat, dass der Martin gut ist – rein fachlich. Ich habe den Martin am Anfang aber…
Ansel: …als menschliches Arschloch gesehen.
Engler: Nee, so schlimm war es nicht. Aber ich hatte so meine Schwierigkeiten mit ihm. Wir haben uns da einfach auf dem falschen Fuß erwischt.
Ansel: Ich habe gedacht, dass der Sänger arrogant ist.
Engler: Und ich habe das gespürt. Das ging aber nicht sehr lange. Ich war dann vor allem von seinen musikalischen Qualitäten absolut überzeugt und begeistert. Und menschlich haben wir uns dann auch gefunden.
Wir müssen unbedingt aufklären, warum Opus sich damals einen neuen Namen geben musste. Warum haben die Österreicher sich nicht umbenannt?
Engler: Das hat sich so ergeben. Wenn eine Band so übermäßig erfolgreich wird durch ein Lied – und das auch noch weltweit. Und wenn du permanent erklären musst, dass du das nicht bist, ist es einfach sinnvoll, zu handeln. Ich weiß noch, dass wir damals gerade ein neues Plakat mit dem Opus-Logo gemacht hatten, was für uns eine unglaublich finanzielle Anstrengung war. Da haben wir einfach, um das Papier zu benutzen, die Rückseite mit dem neuen Pur-Logo bedrucken lassen. Der Sieg beim Bundesrockpreis hat uns dann mit einem Mal diesen Namenswechsel verschönert. Ab da war der Name präsent.
Wer ist denn auf Pur gekommen?
Engler: Ingo, der hat es in die Runde geworfen.
Reidl: Wir wollten auf jeden Fall ein kurzes und deutsches Wort. Irgendwas, das ähnlich klingt wie BAP, nur ganz anders.
Engler: Wir saßen in einer Pizzeria zusammen – bis spätabends. Ich hatte so unglaubliche kreative Ergüsse wie Schaum oder Axolotl.
O je, Schaum?
Engler: Ich hatte einfach vorher ein Lexikon gewälzt. Aber der Ingo kam dann irgendwann mit Pur.
Reidl: Schaum ist aber geil. Komm, wir taufen uns wieder um (lacht). Aber was ist eigentlich ein Axolotl?
Engler: Axolotl ist ein Tier, ein farbloser Grottenolm. Bei Schaum kam übrigens auch gleich „Schläger“ als negative Assoziation hinterher. Und das Wort Pur kannte man damals nur als Waschmittel oder in Verbindung mit „Whiskey pur“. Der Ausdruck Unterhaltung pur oder die Schokolade Merci pur kamen erst viel später. Es gab dann auch eine Jugendsendung im ZDF namens Pur.
Reidl: Der erste Namenswechsel war aber noch geiler – von Crusade auf Opus. Wir waren Vorprogramm von der Band Message – an dem Abend, an dem wir uns umtaufen wollten. Und Hartmut geht ans Mikro und sagt, dass die Band Message ab heute nicht mehr Crusade, sondern Opus heißt.
Engler: Ich war etwas verwirrt und hatte Lampenfieber. Es kann sein, dass damals auch noch ein Bier dazwischen kam.
Hartmut kann nicht ohne Ingo, Ingo nicht ohne Hartmut – und beide inzwischen auch nicht ohne Martin? Stimmt das?
Ansel: Nee.
Engler: Doch, das kann man schon so sagen.
Reidl: Schnauze dahinten, 2:1 steht es.
Engler: Martin ist von Natur aus extrem bescheiden. Er spielt seine Wichtigkeit eher runter. Wir sind bemüht, sie hochzuholen – da, wo sie hingehört. Wir sind jetzt ein kreatives Trio.
Ansel: Das hat mit Bescheidenheit nichts zu tun. Die Chemie zwischen Ingo und Hartmut ist eine gewachsene Geschichte, die man nicht konstruieren kann. Diese Chemie funktioniert autark. Und deshalb würde ich mich da etwas rausnehmen, weil der Ingo immer den Nerv vom Hartmut besser trifft als irgendjemand anderes. Das ist außergewöhnlich und hat nichts mit Schleimerei meinerseits zu tun. Was ich mache, ist austauschbarer. Ich versuche, musikalisch und textlich noch mehr rauszukitzeln.
Reidl: Wir haben ein nacktes Model, und Martin zieht es an.
Engler: Ingo und ich sind das Songwriter-Duo und Martin kommt dann dazu. Der Song ist da – roh. Und Martin bastelt ab da mit.
Musikideen kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit?
Reidl: Nee. Ich gehe ins Studio und arbeite wie andere Menschen auch. Da kommt nicht immer was heraus.
Man geht acht Stunden täglich ins Studio?
Reidl: Acht Stunden bekommt man nicht hin. Das geht bei mir von der Konzentration nicht.
Engler: Ich habe bei mir im Garten einen kleinen Pavillon. Da ziehe ich mich zu festen Zeiten zurück. Wenn ich Glück habe, entsteht dann ein Text, ein halber Text oder manchmal auch gar nichts.
Wie viele Songs fallen hinten runter?
Engler: Kein einziger. An den Stücken, von denen wir anfangs nicht überzeugt sind, arbeiten wir nicht weiter.
Aber es gibt doch Songs wie „Gerannt“, „Hau in die Tasten“ und „Nicht mehr so allein“, die nie veröffentlicht wurden.
Engler: Das ist aber alles, so weit ich weiß.
Reidl: Was ist mit dem Zeug vom Enzian?
Engler: Das haben wir nie plattenmäßig aufgenommen (lacht). Das war nichts mit Enzian, sondern mit Edelweiß: Ich würde den höchsten Berg besteigen, nur um dir ein Edelweiß zu zeigen.
Ansel: Ein volkstümlicher Text. Schreib’s auf, da machen wir was draus.
Engler: Es gibt ein Stück, für das ich mich heute ein kleines bisschen schäme – „Vereint“, das ist auf der ersten Platte drauf. Das ist so eine verquaste Erklärung zum Thema Sex – und ich schreie einen Orgasmus-Schrei. Das kann ich nicht mehr hören.
Wie wird der Rest der Band bei neuen Songs eingebunden?
Engler: Wenn die Produktion so weit ist, dass man richtig gut reinhören kann, dann kommen die alle ins Studio. Wir beten dann insgeheim, dass alle total begeistert sind.
Und sie sind nicht immer begeistert?
Engler: Zu 90 Prozent finden sie die Sachen schon klasse. Zumindest reagieren sie immer so. Die ganze Band muss sich in dem Sound wiederfinden.
Ansel: Wenn ihnen mal etwas nicht so gut gefällt, dann sagen sie es schon. Nur sie merken dann auch umgekehrt, dass es live doch sehr gut funktioniert.
Engler: Jeder hat durchaus andere Lieblingslieder auf einer CD. Insgesamt finden wir den Sound, den wir da machen, richtig klasse.
Wie hat sich das Leben der Band verändert, als es in den 1990er-Jahren karrieremäßig fast schon mehr als steil bergauf ging?
Reidl: Wir haben halt unglaublich lange getourt. Das weiß ich noch. Ich kann mich an unendliche Busfahrten erinnern. Plötzlich waren wir in Fernsehsendungen, wovon wir früher nur geträumt haben.
Engler: Ich weiß heute überhaupt nicht mehr, wie wir das alles hinbekommen haben. Wir haben uns bis dahin komplett selbst gemanagt, die Tourneen mit den örtlichen Veranstaltern ausgerichtet. Bis „Seiltänzertraum“ sind wir ja zum Teil noch mit eigenem Equipment in 2000er-Hallen aufgetreten – mit einem Lkw. Dann hat sich das innerhalb von zwei bis drei Jahren entwickelt, dass wir nur noch in 10 000er-Hallen gespielt haben. Da waren plötzlich 60 Mitarbeiter, sechs Trucks. Das mussten wir erst einmal verdauen, das Medieninteresse war unglaublich. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich zugenommen habe.
Wie konnte das passieren?
Engler: Ständig Partys. Ich konnte auch keinen Sport mehr machen, weil ich mir 1992 den Oberarm gebrochen habe. Dann ging es über 90, 95 bis über 100 Kilo.
Wie ist das übrigens mit dem Oberarm passiert?
Engler: Ich bin über einen Draht eines Gartenzauns gefallen – auf die Kante eines Bordsteins.
Ansel: Das war übrigens sagenhaft bei den Konzerten. Bei „Sie sieht durch die Wolken die Sonne“ hat er mit seinem Gips ja immer bestimmte Bewegungen gemacht. Da kam immer ein Wasserschwall aus dem Gips raus.
Gewichtszunahme war für die anderen kein Thema?
Reidl: Ich hatte mehr psychische Probleme.
Engler: Ingo hatte mehr mit der Menge und der Masse des Publikums zu kämpfen. Das kannten wir vorher nicht.
Ansel: In einer Halle mit 14 000 Leuten hattest du anfangs immer ein ungutes Gefühl, dass irgendwas passieren könnte.
Engler: Für mich ist das größte Glücksgefühl, wenn alles gut gelaufen ist. Applaus törnt an. Selbst wenn man müde rausgegangen ist, oder eine Stunde vor dem Auftritt noch gedacht hat, dass man jetzt lieber zu Hause die Beine hoch legen und „Tatort“ schauen könnte.
Solche Situationen gibt es auch?
Engler: Natürlich, wenn man so viele Konzerte hintereinander spielt. Aber dann sieht man die Leute und hört den Applaus. Und dann bekommt man immer die zweite Luft.
Der „Stern“ hat kürzlich geschrieben, dass es gut sei, dass es Pur-Fans gebe. Aber müssten die denn so eine grausige Musik hören…
Ansel: Es ist doch supergut, dass die CD da überhaupt besprochen wird. Der Rest ist völlig egal. Ich würde gerne mal die Definition von grausiger Musik wissen. Das ist eine subjektive Aussage eines Menschen. Was ist grausige Musik?
Engler: Ich hätte es auch lieber, wenn da was Nettes stehen würde. Nur, das machen die jetzt seit 15 Jahren mit uns. Das hat nicht verhindert, dass die uns immer wieder besprechen müssen.
Reidl: Nichts Neues im Westen.
Entwickelt man da ein dickes Fell?
Ansel: Eine Kritik hat mich nie interessiert, wenn es um Musik geht. Man kann an Musik nur zwei Dinge kritisieren: schlechtes Timing oder schlechte Intonation. Alles andere ist absolute Geschmackssache.
Engler: Er sieht das als Produzent.
Ansel: Nee, als Mensch. Eine Kritik, die Mainstream-Musik – so, wie wir sie machen – kritisiert, interessiert mich nicht. Wie kann man sich anmaßen, etwas zu kritisieren, wenn die Kritik selbst auch nicht innovativ geschrieben ist?
Engler: Mir tut es immer noch ein bisschen weh. Wenn es gut formuliert ist, kann ich auch darüber lachen. Aber mein Gott, die Hallen sind wieder voll. Diese Band muss doch irgendwas haben.
Und dass Pur nach wie vor nur wenig im Radio stattfindet…
Ansel: … ist schade.
Engler: Das ist sehr schade. Da leiden wir auch ein bisschen drunter. Man kann keinen richtigen Hit hinbekommen, wenn er nicht flächendeckend im Radio gespielt wird.
Ansel: Es gibt halt kein gescheites Forum mehr für deutschsprachige Rock- und Popmusik.
Engler: Wir hatten unsere Zeit, da sind wir rauf und runter gespielt worden. Von 1988 bis 2000 wurden alle unsere Singles im Radio gespielt. Die letzte Single, die noch ordentlich lief, war „Herzbeben“ vom 2000er-Album. Ab da gab es einen Schnitt, Pur wurde in eine andere Schiene geschoben.
Der Absturz von Hartmut – damals mit Alkohol und Depressionen – wie ist das in der Band aufgenommen worden?
Reidl: Hast du mich weinen sehen? Da ging es uns um Hartmut. Als Freund habe ich die Pflicht, meinem Freund zu helfen. Das haben wir alle, so gut wir konnten, probiert. Scheiß Weiber.
Engler: Scheiß Alkohol, scheiß Depro-Seele. Aber ich habe in der Therapie viele Menschen kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte.
Gibt es eigentlich eine Order, was auf der Bühne anzuziehen ist?
Engler: Wir sind keine Stil-Ikonen. Letztlich ist es den Leuten egal, die zu uns kommen. Ganz einfach. Martin würde zum Beispiel nie seine Kappe abnehmen.
Ansel: Wegen der fleischfarbenen Badekappe. Ich halte mich auch für extrem unfotogen. Und das hat auch nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Ich habe damit aber auch kein Problem.
Pur zündet akustisch zum Jubiläum
Pur-Frontmann Hartmut Engler, im Grunde wohl eine durch und durch ehrliche Haut, lügt: «Wir haben unsere Songs zum Jubiläum in ein neues Gewand gepackt.... mehr
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